"Apparat der Selbstverklärung"

Bertelsmann: Hinter der Fassade des Medienimperiums

Bertelsmanns Fassade blendet und beschwichtigt. Wer mit Bertelsmann zu tun hat, sieht zunächst ein großes Aushängeschild mit einer Achtung gebietenden ethischen Selbstverpflichtung: Einer der größten Medienkonzerne der Welt ordnet das Geschäft dem Gemeinwohl unter. Seit seiner Gründung im Jahr 1835 legitimiert sich das Unternehmen durch den selbst erteilten höheren Auftrag. Dieser wurde zunächst rein religiös, dann sehr weltlich ausgelegt. Im 19. Jahrhundert verrichtete der protestantische Verlag Gottes Werk, indem er Erbauungsliteratur für die Gläubigen druckte. Im 20. Jahrhundert bescherte er dem Volk die Volksausgabe, den Wehrmachtssoldaten die Frontliteratur und den Lesering-Mitgliedern die Allgemeinbildung. In der Gegenwart überzieht man von Gütersloh aus die Medienlandschaft mit einem Rundum-Freizeitangebot an seichter Unterhaltung, spannt ein weltweites Netz von Fusionen und Beteiligungen und präsentiert sich nebenbei über die Bertelsmann Stiftung als Geld- und Ideengeber in allen kulturellen und sozialen Belangen.

Zu den Jubiläen wird der steile Aufstieg als Konsequenz verdienstvoller Arbeit gefeiert. Bertelsmann scheint ein schier unmögliches Kunststück zu vollbringen. Man gibt vor, nicht durch unternehmerische Strategie oder gar dubiose Geschäfte, sondern durch den Vorsatz, Gutes zu tun, in die Spitze der Weltkonzerne aufgestiegen zu sein. Doch der Schein trügt. Hinter dieser Abschirmung bevorzugt die Gütersloher Unternehmensleitung ethikferne und rabiate Methoden. Nur: Weil man sich rühmt, einen "Leistungsbeitrag für die Gesellschaft" zu erbringen, wird das kaum wahrgenommen. Bis heute vertraut die Öffentlichkeit nahezu blindlings der Selbstdarstellung des Konzerns. Gutmenschentum und die Produktion massenattraktiver Angebote sind zur Gesamtmarke Bertelsmann verschmolzen, die vage an humane Unternehmenskultur und soziale Anliegen erinnert. Von allen großen deutschen Parteien hofiert, hat sich Bertelsmann auf diese Weise der Kritik weitgehend entzogen.

Darüber hinaus dient die Bertelsmann AG selbst als Fassade - für die hauseigene Stiftung. Die Aktiengesellschaft repräsentiert die Sphäre von Profit, Macht und Einfluss, von der sich die Bertelsmann Stiftung als unabhängige und gemeinnützige Denkfabrik vorteilhaft abhebt. So lässt der Konzern vergessen, dass die Stiftung einen immensen politischen Einfluss ausübt und dabei stets den Profit des Unternehmens im Auge behält, aus dem sie hervorgegangen ist. Sie ebnet dem Medienimperium die Bahn für aktuelle Vorhaben, sorgt für die notwendigen Kontakte und vermag es, bei schwierigen Entscheidungsprozessen in den passenden Momenten nachzuhelfen. Über die Stiftung wirkt der Konzern in Deutschland und Europa auf undurchsichtige Weise an fast allen bedeutsamen sozial- und bildungspolitischen Reformen und sicherheitspolitischen Entscheidungen mit. Diese doppelte Fassade reizte uns, Bertelsmanns Geschichte und gegenwärtige Verfassung eingehend zu untersuchen.

Gegen Kritik gefeit ist man in Gütersloh allerdings nicht, oder besser gesagt: nicht mehr. Nach der Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff durch Gunter Thielen im Sommer 2002 wurde festgeschrieben, dass Bertelsmann auch künftig zu bleiben hat, was es immer gewesen ist: ein Familienbetrieb. Seitdem lässt die deutsche Presse den gewohnten Respekt vor der Familie Mohn vermissen. Über Liz Mohn wird gelästert, und auch an Reinhard Mohn, dem die Zügel entgleiten, wird neuerdings herumgemäkelt.

Das Phänomen Bertelsmann streift diese Kritik jedoch nur am Rande. Bei solchen Sticheleien spielt viel enttäuschte Liebe mit. Man hatte den Aufstieg Bertelsmanns zum mondänen Weltstar und Thomas Middelhoffs Schneid bewundert und rümpft nun die Nase über das provinzielle Führungspersonal und die Winkelzüge zur Sicherung des Familieneinflusses. Aber alle diejenigen, die den Konzernvorständen ankreiden, sie handelten den Prinzipien Reinhard Mohns zuwider, glauben vergeblich an den guten Kern von Bertelsmann. Und alle diejenigen, die die Zukunftsperspektive des Konzerns an der Person Liz Mohns festmachen, verkennen gleichfalls die wahren Zusammenhänge. So ist auch Thomas Schuler, der in seinem lesenswerten Buch über Die Mohns die Machtspiele der Familie aufgedeckt hat, die angekündigte kritische Unternehmensgeschichte schuldig geblieben.

Denn der Konzern ist ganz und gar das Produkt seiner eigenen fragwürdigen Geschichte. Bertelsmann aber hat es verstanden, bei aller Publizität - und dank dieser Publizität - eine unbekannte Größe zu bleiben. Nirgends wurden bisher die einfachsten und nächstliegenden Fragen gestellt. Wie gelang ausgerechnet dem christlichen Provinzverlag C. Bertelsmann der Aufstieg zum Weltkonzern? Was ist Bertelsmanns Erfolgsgeheimnis? Wie wirken Aktiengesellschaft und Stiftung zusammen? In welches Gesamtkonzept sind die sechs Geschäftsfelder des Konzerns eingebunden? Welche Rolle will und kann Bertelsmann in den nächsten Jahren auf den globalen Medienmärkten spielen? In diesem Buch versuchen wir, diese Fragen ohne Ehrfurcht vor der Macht in Gütersloh zu beantworten. Das ist durchaus eine Premiere.

Die Materialgrundlage entstand in jahrelanger Fleißarbeit. Die Arbeit teilten sich ein Rechercheur (Hersch Fischler) und ein Analytiker (Frank Böckelmann). Die Idee zum Buch reifte mit der Erfahrung, dass bei Bertelsmann vieles nicht stimmt, dass die Geschichte, der Geschäftsgang und die Verhältnisse in den Bertelsmann-Betrieben den Anspruch, Vorbild für Staat und Gesellschaft zu sein, in keiner Weise rechtfertigen. Ein erfahrener Journalist formulierte es so: "Bei Bertelsmann ist alles gelogen." Der eine von uns (Fischler) erlebte 1998, wie unduldsam der Konzern reagiert, wenn man an seine Traditionsfassade kratzt. Der andere (Böckelmann) registrierte bei seiner Tätigkeit als Medienwissenschaftler oftmals, dass bei Bertelsmann Methoden an der Tagesordnung sind, die man anderen Medienunternehmen, etwa der Kirch-Gruppe, als Lobbyismus, Verdrängungswettbewerb, unstete Bündnispolitik oder Unersättlichkeit übel ankreidete. Bei Bertelsmann hingegen werden sie ignoriert oder wohlwollend hingenommen. Unsere Absicht war es deshalb, die Bertelsmann-Praxis nüchtern und ohne den üblichen Vertrauensvorschuss in Augenschein zu nehmen. Die vorliegenden Berichte neu und gründlich auszuwerten, das hätte bereits genügt, um die Selbstdarstellung des Konzerns gegen den Strich zu bürsten. Beim Sammeln, Zuordnen und Recherchieren jedoch stießen wir immer wieder auf Unbekanntes, Verdrängtes und Verstecktes.

Überrascht wurden wir von einer Kontinuität im Hause Bertelsmann, die sich in der hartnäckigen Wiederkehr bestimmter Strategien, Kunstgriffe und Begriffe äußert. Stets spricht man von einer "Arbeitsgemeinschaft" im Betrieb. Stets leugnet man, ein Unternehmen zu sein, das einfach nur gute Geschäfte machen will. Stets pocht man darauf, eine Unternehmenskultur zu haben. In Gütersloh versucht man mit allen Mitteln, nicht als ein Konzern wie jeder andere zu erscheinen. Selbstverleugnung in vielen Varianten ist eine bewährte Bertelsmann-Methode. In dieser ethischen Selbstüberhöhung wurzelt dann auch das gegenwärtige Hauptproblem des Konzerns: Er weiß nicht, was er auf den Weltmärkten will. Bei allem Streben nach Expansion ist bei Bertelsmann keine klare Linie, kein Konzept zu erkennen. Der Raum, in dem andere Medienkonzerne ihre tragende Geschäftsidee entwickeln, ist in Gütersloh von inhaltsleeren ethischen Prinzipien besetzt.

Wie erforscht man einen solchen Apparat der Selbstverklärung? Wir erhofften uns nicht den geringsten Erkenntnisgewinn von einer Wiederholung der sattsam bekannten Aussagen über "Leistungsbeitrag" und "Unternehmenskultur". Daher bemühten wir uns nicht um Interviews mit den Repräsentanten der Bertelsmann-Fassade, Reinhard Mohn, Liz Mohn und Gunter Thielen. (Zumal Gespräche, die Hersch Fischler im November 2002 in Gütersloh mit Thielen und den Leitern der Unternehmenskommunikation, Tim Arnold und Bernd Bauer, über die Reaktion des Unternehmens auf seine Recherchen in den Neunzigerjahren geführt hatte, ohne Aussicht auf Verständigung beendet worden waren.) Wir versuchten auch nicht, Kontakt zu anderen Angehörigen der Familie Mohn aufzunehmen.

Bis zur Fertigstellung des Buches im Jahr 2004 befragten wir etwa 70 Experten zu verschiedenen Aspekten der Entwicklung und gegenwärtigen Situation des Unternehmens und der Stiftung. Unter ihnen befanden sich (ehemalige) Mitarbeiter der Gütersloher Konzern- und Stiftungszentralen sowie einzelner Firmen des Konzerns in leitender und nachgeordneter Stellung, ferner Journalisten, Reporter und Autoren aus den Bereichen der Tages- und Wochenzeitungen, der Wirtschaftsfachpresse und des Fernsehens in Deutschland und den Vereinigten Staaten sowie Arbeitnehmervertreter, Verleger und Literaturagenten.

Die meisten dieser Experten machten ihre Gesprächsbereitschaft von der Zusicherung uneingeschränkter Vertraulichkeit abhängig. Offensichtlich befürchteten sie für den Fall, dass ihre Kontakte zu uns bekannt werden würden, gewisse Nachteile bei der Fortführung ihrer gegenwärtigen Tätigkeit beziehungsweise auf ihrem künftigen Lebensweg. Es ist offenbar riskant, als (ehemaliger) Konzernmitarbeiter oder Journalist im Verdacht zu stehen, unabgesprochen über Vorgänge bei Bertelsmann informiert oder diese bewertet zu haben, und das auch noch gegenüber Autoren, die nicht in die weit greifende Bertelsmann-Kommunikation eingebunden sind. Manche Gespräche wurden auf geradezu konspirative Weise angebahnt. Wir sicherten den meisten Gesprächspartnern auf deren Wunsch hin zu, weder ihre Namen zu nennen noch auf ihre Identität anzuspielen. Auf die Darstellung bestimmter Sachverhalte mussten wir daher verzichten, weil daraus möglicherweise auf den betreffenden Informanten hätte geschlossen werden können.

Die Diagnosen der Befragten gingen nur dann in die Darstellung ein, wenn sie nach Abgleich mit zuverlässigen Informationen aus anderer Quelle plausibel erschienen. Bewertungen, die unter Ranküneverdacht standen, wurden nicht berücksichtigt. Auch so genannte schmutzige Wäsche, Hinweise auf Amouren und persönliche Zerwürfnisse der Gütersloher Akteure, fand keine Verwendung.

Den größten Teil des Informationsmaterials sammelten wir in Archiven sowie bei der Auswertung der Fachliteratur und der Berichterstattung in der Tages-, Wochen- und Fachpresse. Wir recherchierten unter anderem im Bertelsmann Archiv, im Dortmunder Institut für Zeitungsforschung, im Stadtarchiv Gütersloh, im Archiv der amerikanischen Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde SEC, im Financial Times World Press Archive und in der Faktiva Datenbank. Bei Erkundungsreisen in den Vereinigten Staaten tauschten wir Informationen mit Experten in Behörden, Forschungsinstituten und Presseredaktionen aus, unter anderem bei der Washington Post und der New York Times.

Nach unserer Beobachtung befinden sich viele Wirtschafts- und Medienjournalisten, Medienexperten und Politiker gegenüber dem Phänomen Bertelsmann in einem Haltungskonflikt. Aber sie leben mit diesem Konflikt seit zehn oder zwanzig Jahren. Auf ihm liegt schon die Patina der Resignation. Respekt vor Bertelsmanns Größe und Interesse an weiterhin guten Direktkontakten nach Gütersloh mischen sich mit Unbehagen über die aufgesetzte Firmenethik und mit Besorgnis über einen Staat im Staate, dessen Einflussgrenzen nicht erkennbar sind. Für diese widerstreitenden Empfindungen fehlen den Bertelsmann-Kennern meist die Worte. Die häufig gebrauchte Wendung von der "unkontrollierbaren Macht" besagt nicht viel. Denn viele Mächte, von denen angenommen wird, sie seien demokratisch kontrolliert, haben die Mechanismen der Kontrolle längst ihrer eigenen Selbsterhaltung dienstbar gemacht. Die Forderung nach (mehr) Kontrolle ist zur Phrase geworden.

Man muss im Fall Bertelsmann vielmehr von einer gefährlichen Selbstüberschätzung sprechen - gefährlich, weil sie auf den schablonenhaften, in der betrieblichen Praxis gerade nicht erprobten Lehren Reinhard Mohns beruht. Die Gütersloher Symbiose von Marktbeherrschung und flächendeckender Politikberatung verstärkt die Tendenz zur Privatisierung der Politik. Konzeptionslose Politiker suchen Rat und Unterstützung in einer Denkwerkstatt, die mal diese, mal jene Ausdeutung der Mohnschen "Führungsphilosophie" als Lösung für die Probleme von Politik, Verwaltung und Gesellschaft empfiehlt. In den Gremien der europäischen Wirtschafts-, Sozial-, Bildungs- und Sicherheitspolitik geht ohne die Experten von Bertelsmann nichts mehr. Hier entscheiden Elite-Netzwerke aus Parteien und Konzernen darüber, welche Probleme vordringlich und welche Lösungen akzeptabel sind. Die Repräsentanten des staatlich protegierten Bertelsmann-Konzerns sind als Akteure der Wirtschaft dabei. Zugleich beraten sie in ihrer Eigenschaft als Sachverständige mit über die Rahmenbedingungen ihrer eigenen Geschäftstätigkeit.

Um es klar zu sagen: Wir polemisieren nicht gegen die Privatisierung der Politik schlechthin. Das ist ein Thema mit vielen Etagen, Zugängen und Ausgängen. Aber keinesfalls möchten wir von Bertelsmann regiert werden. Wenn Sie dieses Buch lesen, wissen Sie, warum.

Frank Böckelmann/Hersch Fischler: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Frankfurt am Main 2004. Eichborn Verlag. 348 Seiten. 19,90 Euro. Der vorliegende Text ist das Vorwort des Buch, das mit freundlicher Genehmigung des Verlages und der Autoren Telepolis zur Verfügung gestellt wurde.

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