Application Democracy?

Politik und Internet am Tag der Präsidentschaftswahl

Heute ist es soweit, ein langer, langer Präsidentschaftswahlkampf ist vorbei. Zeit für einen kurzen Blick auf die Rolle des Internet in diesem vierten Präsidentschaftswahlkampf unter Online-Bedingungen Dabei kann man, wie David Carr und Brian Stelter in ihrem Artikel Campaigns in a Web 2.0 World für die New York Times, ein besonderes Augenmerk auf die Verschmelzung der alten und neuen Medienumgebungen legen. Als wesentliche Triebfeder gilt ihnen dabei die Videoplattform YouTube. Damit beschreiben die Autoren zwar in der Tat eine wichtige Entwicklung, die allmähliche Ablösung des Fernsehens als audiovisuelles Leitmedium, doch dies ist nur ein Segment der Web 2.0 World - und nicht unbedingt das mit der stärksten Verankerung im Social Web.

Dennoch wird die eher fernsehorientierte Nutzung des Internet nicht als das entscheidende Element der 2008er-Kampagne in die Geschichte des Online-Wahlkampfs eingehen. Dieser Status gebührt der Nutzung der Social Network Sites, allen voran Facebook, gefolgt von MySpace. Hier lohnt ein etwas genauerer Blick - siebenstellige Unterstützerzahlen für die Kampagnen bei Facebook sind ein gewaltiger Wert, doch die für die Gestaltung der Kampagnen als Web 2.0-Campaigns sorgte noch mehr die Integration von Anwendungselementen und -routinen in die Kandidaten-Homepages, die dadurch zu eigenen Social Network Sites mutiert sind.

Die durch eine formale Registrierung auf mybarackobama.com oder johnmccain.com erreichte Bindung der Unterstützer an den Kandidaten trägt bisweilen Züge einer "Mitgliedschaft" wie sie etwa in den deutschen Parteiorganisationen zu finden ist (oder vielleicht auch: zu finden war). Dies gilt zwar weniger in Bezug auf formale Zugehörigkeit und Exklusivität, wohl aber mit Blick auf die von den Kampagnen gewählte Organisationsstruktur: die strikt geografische Einteilung der Unterstützer, von der Ebene der Bundesstaaten bis hinunter auf Wahlkreisebene reichend, spiegelt die bekannte Pyramide der Orts-, Bezirks- und Landesverbände deutscher Parteien. Erreicht werden kann damit offenbar eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der Kampagne im Bereich des ground game, wenn es in Vorgärten und an den Haustüren um die direkte, persönliche Wähleransprache geht. Diese durch eine Art political crowdsourcing gewonnene Handlungsfähigkeit innerhalb der eigenen Unterstützerbasis stellt nicht nur für die Kandidaten, sondern vielleicht auch für den politischen Prozess insgesamt eine wertvolle neue Ressource dar.

Für eine ordentliche wissenschaftliche Analyse dieser Entwicklungen ist es natürlich noch viel zu früh, hier wird es vermutlich noch bis in die Mitte der neuen Präsidentschaft dauern, bis valide Daten und Studien vorliegen. Und der Wahltag selbst liefert darüber hinaus noch reichlich neues Material. Dass dies eine völlig normale und begrüßenswerte Entwicklung ist, betont Andrew Rasiej, Kopf hinter dem Tagungsformat Personal Democracy Forum und eine der schillerndsten Figuren im aktuellen E-Democracy-Zirkus, im eiligen Gespräch zwischen diversen Medienterminen am Tag vor der Wahl. Neben dem exzellenten Gruppen-Weblog techPresident ist Rasiej auch Mitglied einer Entwicklungsgruppe, die mit dem Twitter Vote Report die Wahlbeobachtung digitalisiert und beschleunigt.

Wir befinden uns mit den Online-Projekten doch noch in einem Experimentierstatus. Woher soll zum Beispiel unser Team wissen, was morgen mit dem Twitter Vote Report geschieht? Vielleicht 2-3 % der Bevölkerung nutzen den Twitter-Service, und bestimmt nicht alle werden morgen über ihre Erfahrungen bei der Wahl berichten. Aber einige schon, und daraus lernen wir für die Zukunft.

Andrew Rasiej

Ähnlich sieht Rasiej die Perspektiven auch für die künftige Organisation der Unterstützer, die sich auf den Kampagnen-Homepages eingeschrieben haben:

Der gewählte Präsident wird es sich nicht leisten können, diese Rückkopplung an die Wählerschaft stillzulegen. Wie das genau aussehen kann? Ich weiß es nicht. Aber vielleicht sollte man nicht immer an die klassische Struktur und Organisation der beiden großen Parteien denken. Möglicherweise eher an dritte Parteien. Es dürften sich in Zukunft kleinere Netzwerke bilden, für die Ideologie eine Rolle spielen kann, aber nicht muss.

Andrew Rasiej

Bis sich die Spekulationen über die Zukunft der wahlbezogenen Social Networks mit der Realität abgleichen lassen, wird noch einige Zeit vergehen, mindestens bis zur Inauguration des neuen Präsidenten im Januar. Am Wahltag wird wie auch in den letzten drei Auflagen der Wahl mit Online-Unterstützung die Live-Begleitung von Stimmabgabe und –auszählung im Mittelpunkt stehen. Dabei werden die unzähligen Angebote zum Live-Tracking der Prognosen, die Exit-Polls und die offiziellen Resultate nur noch die „einfachste“ Stufe der Real-Time-Berichterstattung sein. Vor allem mobile und ortsbezogene Kommunikationsdienste werden die eigentlichen Innovationen des Wahltages bilden: so bietet Google eine regelmäßig aktualisierte Karte mit Wahlergebnissen an, an den Tagen zuvor ließ sich mit dem Tool das eigene Wahllokal ausfindig machen.

Auch das Wählerfeedback wird ortsbezogen eingesammelt und präsentiert, vermutlich das spannendste Projekt ist der Twitter Vote Report.. Bereits seit einigen Tagen laufen dort Kurznachrichten von Wählern ein, die gerade ihre Stimme problemlos beim early voting abgegeben haben – oder stundenlange Wartezeiten zu überbrücken hatten, mit unleserlichen Formularen zu kämpfen hatten oder von den Offiziellen wegen falscher Registrierungsdaten zurück nach Hause geschickt wurden.

Die für den einzelnen recht unkomplizierte Meldung des Wahlaktes (via Twitter, aber auch per SMS oder Sprachtelefonie) ist am anderen Ende der Datenverarbeitungskette ein unvorhersehbares Unterfangen. Es ist gut möglich, dass die Bemühungen, eine landesweite Sammelstelle für Sofortmeldungen aus den Wahllokalen zu koordinieren, im Laufe des Tages an Kapazitätsgrenzen von Menschen und Servern stoßen. Für eine gute Einführung in das Projekt eignen sich diverse Videos auf der Website oder der Artikel von Barbara Iverson für das Poynter Institute.

Der Twitter Vote Report ist zugleich ein sehr gutes Beispiel für das, was man vorläufig vielleicht als Application Democracy bezeichnen könnte. Zusätzlich zu den Kommunikationsservices und Datenbank-Entwicklungen, die im Rahmen der Kampagnen von professionellen Dienstleistern wie Blue State Digital umgesetzt wurden, entstehen auf der Basis offener Protokolle immer ausgefeiltere Applets, die in den politischen Prozess integriert werden und das Potenzial haben, diesen substanziell zu verändern. Typisch ist hierbei die rasante Entstehung eines Netzwerks von Anwendungen, das auch nicht-erwartbaren Nutzen bringt: der Twitter Vote Report war zunächst als Werkzeug zur Wahlbeobachtung und Sammlung von möglichen Problemen und Störungen konzipiert worden – inzwischen kann die Website auch als Zeitplaner für den Wahltag genutzt werden, denn seit Montagabend ist die Darstellung der Wartezeiten für einzelne Städte möglich.

Im Laufe des Tages wird sich zeigen, ob die Rolle des individuellen Vorwarnsystems die einzige Leistung dieser neuen Form digitaler Wahlbeobachtung bleiben wird – wenn die roten Störungspunkte auf der Vote-Report-Landkarte Überhand nehmen oder verdächtig lange Wartezeiten aus umkämpften Swing States gemeldet werden, dürfte sich augenblicklich das Interesse der herkömmlichen Massenmedien regen. Falls nicht bereits die Vor-Ort-Berichte von Wählern mit Camcordern oder Video-Handys Aufschluss geben – denn für audiovisuelle Wahlbeobachtungen gibt es selbstverständlich auch ein Projekt samt Website: Video-the-Vote. (Christoph Bieber)

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