Araber haben kaum Sympathien für Islamischen Staat

Weder Ziele noch propagierte Gewalt stoßen auf Zustimmung, nur bei Marokkanern und Palästinensern ist die Affinität zum IS etwas höher

Nicht erst seitdem sich Anschläge von IS-Anhängern auch in Europa häufen, diskutieren Medien, Politiker und Wissenschaftler darüber, wie die Terrormiliz zu solcher Macht kommen konnte. Vor allem zwei Erklärungsvarianten konkurrieren dabei: Die eine sieht den IS als Produkt der gesellschaftlichen Umstände in den jeweiligen arabischen Ländern, als Reaktionen auf sektiererische und repressive Politik der eigenen Regierungen. Der IS als Sammelbecken der Ausgestoßenen und Verzweifelten kranker arabischer Gesellschaften.

Die andere Erklärung sieht den IS als Konsequenz geopolitischen Machtkalküls und globaler Steilvertreterkriege. Ihr zufolge überfiel der IS die betroffene arabischen Gesellschaften so unvermittelt wie eine Armee Außerirdischer.

Angeblicher Treueschwur von Stammesführern im irakischen Kabibah auf den IS.

Wie groß die Affinität für den IS in den Gesellschaften arabischer Länder tatsächlich ist, hat nun eine Studie versucht herauszufinden. "Arab Barometer" nennt sich die Befragung von tausenden Menschen in über einem Dutzend nahöstlicher und nordafrikanischer Länder. Mit ihr kreieren Forscher der University Princeton und Michigan und der "Arab Reform Initiative" seit 2006 ein politisches Stimmungsbild der arabischen Welt: Was halten Marokkaner von der Gleichberechtigung von Mann und Frau? Wie stehen Tunesier zur Demokratie? Was denken Ägypterinnen über den gescheiterten Arabischen Frühling in ihrem Land? Wie halten es Palästinenser mit islamistischen Bewegungen?

Einige der Ergebnisse der vierten Befragungswelle haben die Forscher nun in der Washington Post veröffentlicht. Zum ersten Mal haben sie diesmal auch in einigen Ländern nach Einstellungen zum Islamischen Staat gefragt.

Von den Befragten in Marokko, Algerien, Tunesien, Palästina und Jordanien wollten die Forscher wissen: Inwiefern stimmt Bevölkerung den Zielen des Islamischen Staates zu? Wie groß ist der Prozentsatz an Menschen, der die Anwendung von Gewalt durch den Islamischen Staat unterstützt? Und wie viele der Befragten sind der Meinung, dass sich die Handlungen des IS mit dem Islam vereinbaren lassen?

Das Ergebnis: In allen Ländern sind Menschen, die mit dem IS in der einen oder anderen Weise sympathisieren, in der absoluten Minderheit. Mit 0,4 Prozent der Befragten ist der Anteil der Befragten, die die Ziele des IS teilen, in Jordanien am geringsten. Prozentual am meisten Sympathisanten kann der IS noch in den Palästinensischen Gebieten hinter sich versammeln. Aber auch in Westbank und Gaza unterstützen nur 6,4 Prozent der Befragten die Ziele des IS.

Noch geringer ist die Zugstimmungsrate bei der Frage nach der Anwendung von Gewalt. Mit 0,4 Prozent der Befragten liegt Marokko am Ende der Skala. Die größte Affinität zum IS zeigen erneut Palästinenser: 5,4 Prozent unterstützen die Gewaltakte des IS. Etwas höher ist die Zustimmungsrate hingegen bei der Frage nach Vereinbarkeit von IS-Taktik und Islam. Zwischen einem (Jordanien) und 8,9 Prozent (Palästina) haben der Frage zugestimmt und damit deutlich mehr Menschen als den IS unterstützen.

Zusätzlich zur Gesamtbevölkerung haben die Forscher jenen Teil der Gesellschaft gesondert ausgewertet, der ihrer Meinung nach besonders dem Rekrutierungschema des IS entspricht: jung, männlich und schlecht gebildet. Aber auch in dieser Gruppe gibt es der Studie zufolge keine signifikant höhere Zustimmung zum IS: "Stellt man die Antworten von männlichen Befragten unter 36 Jahren und einem Schulbildung unterhalb der Sekundarschule heraus, zeigt sich, dass selbst in dieser Schlüsselgruppe nur geringe Unterstützung für die Ziele und Anwendung von Gewalt durch den IS besteht und nur Wenige die Taktiken des Islamischen Staates für vereinbar mit den Lehren des Islam halten."

Eine Ausnahme gibt es allerdings: Tunesien. Mit 14,9 Prozent liegt der Anteil bei jungen ungebildeten Männern, die die Taten des IS mit dem Islam für vereinbar halten, in dem nordafrikanischen Land deutlich höher als in der Gesamtbevölkerung (8,6 Prozent). Dass ausgerechnet jenes Land, welches als einziges den Arabischen Frühling für eine Demokratisierung nutzen konnte, besonders viele seiner Bürger an den IS verliert, haben auch schon andere Untersuchungen bestätigt.

Laut tunesischem Innenministeriums haben sich zwischen 2011 und 2014 rund 2400 Bürger des Landes der Terrormiliz angeschlossen. Eine Untersuchung der Vereinten Nationen kam im Juli 2015 sogar auf eine Zahl von bis zu 5000 Tunesiern.

Berücksichtigt man auch die vergleichsweise höheren Zustimmungsraten in den Palästinensischen Gebieten, könnte ein Fazit der Studie lauten: Große Unterstützung findet der IS in keinem der untersuchten arabischen Gesellschaften. Aber wenn er Anhänger findet, dann vor allem dort, wo es ihn noch nicht gibt.

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