Arabische Jugend: Arbeitslosigkeit und Kriege

Tag der Wut, Demonstration, Ägypten Januar, 2011. Foto: Muhammad Ghafari / CC BY 2.0

Die Studie Arab Youth Survey weist auf einen Wechsel der Sympathien von den USA zu Russland hin. Das ist jedoch nur Teil eines größeren Vertrauensverlustes

Es gibt Studien, denen man von allein schon wegen ihrer Aufmachung misstraut. Dazu gehört die Arab Youth Survey. Durchgeführt wird sie ASDA'A Burson-Marsteller, das sich selbst als größte PR-Unternehmensberatung im Nahen Osten anpreist. Die Befragung 2017 sei die größte Umfrage ihrer Art, wird erklärt, sie diene dazu, die Öffentlichkeit und den privaten Sektor mit Daten und Analyse zu versorgen, damit "decision-making" und "policy creation" auf informierter Basis geschehen.

Die Informationen werden von Grafikern häppchenmäßig und glatt aufbereitet. Friedliche junge Menschen in arabischer Tracht dienen als Blickfang und natürlich Urbanes, hypermoderne Wolkenkratzer und belebte mehrspurige Straßen. Datenquelle sind 3.500 Interviews mit Jugendlichen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren aus 15 Ländern, den Golfstaaten, der Levante und des Maghreb1. Die zehn Schautafeln mit den "Findings" sind schnell durchgeklickt.

Doch sogar bei dieser super-klimatisierten Studie fällt auf, dass die Region ein Riesenproblem mit ihrer Jugend hat. Und es ist nicht so sehr das "Problem", das von der Financial Times als zugkräftiger Titel ihres Berichts über die Studie ausgesucht wurde: Dass nämlich "die arabische Jugend sich Russland zuwendet und der Einfluss der USA verschwindet". Das ist nur ein Aspekt oder eine Folge eines größeren Vertrauensverlustes.

81 Prozent überzeugt, dass Regierungen mehr für sie tun könnten

In den plakativen Umfrageergebnissen der Arab Youth Survey sieht die Kontur so aus: Die Zahl derjenigen, die glauben ihr Land befinden sich auf dem richtigen Weg, nimmt ab. 2017 waren es knapp über die Hälfte, 52 Prozent, 2016 noch 64 Prozent. Aktuell sind 45 Prozent der Überzeugung, dass sich ihr Land auf dem falschen Weg befinde. 2016 waren es 31 Prozent.

Insgesamt 81 Prozent (!) sind der Überzeugung, dass ihre Regierungen mehr für sie tun könnten. Hier gibt es leider keine Vorjahrszahlen zum Vergleich. Die Größe steht für sich. Ebenso bei den Antworten, was denn die größten Hindernisse im Nahen Osten sind. Als erstes wird die Arbeitslosigkeit genannt (35 Prozent), dann der Aufstieg des IS (ebenso 35 %), danach kommt die Bedrohung durch den Terrorismus mit 34 Prozent. Steigende Lebenshaltungskosten wurden von 27 Prozent genannt.

Außer in den Golfstaaten, wo 80 Prozent zufrieden mit ihrer Ausbildung sind, ist die Mehrheit der Jugendlichen der Überzeugung, dass sie durch ihre Ausbildung schlecht auf die Zukunft vorbereitet werden. Sowohl in den Staaten der Levante, Irak, Jordanien, Libanon, Palästina (Syrien war wegen des Kriegs nicht dabei) ,wie auch in den nordafrikanischen Ländern Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko gaben zwei Drittel an, dass sie ihre Ausbildung schlecht auf die Zukunft vorbereite.

Russland im Meinungs-Aufwind

Anti-amerikanische Ansichten seien im Aufwind, proklamiert die Studie und zeigt dies anhand einer Entwicklung, die oben bereits erwähnt wurde: Russland hat nun die USA als gefragtesten nicht-arabischen Verbündeten abgelöst. Die Frage dazu lautet: Wer ist ihrer Auffassung nach der größte Verbündete ihres Landes. Russland erzielte 21 Prozent, die USA nur mehr 17 Prozent. Im Vorjahr lag Russland bei 9 Prozent und die USA bei 25 Prozent.

Der beliebteste Verbündete von allen sind übrigens die Vereinigten Arabischen Emirate und gleich danach Saudi-Arabien. Man merkt die Beschränkung der Fragestellung und die Sehnsucht nach Aussichten auf ein gesichertes Leben in einem reichen Land.

Um das Relief etwas zu vertiefen und die Dimension des Problems der arabischen Länder mit der Jugend deutlicher zu machen, sollen noch ein paar Daten und Anmerkungen aus dem UN-Human-Development Report 2016 (Zusammenfassung), der sich ebenfalls mit der arabischen Jugend beschäftigt, beigesteuert werden.

Jugend: Risiko der Destabilisierung

Zwei Drittel der Bevölkerung in der "arabischen Region" sind unter 30 Jahre alt. In absoluten Zahlen sind das über 100 Millionen. Etwa die Hälfte davon, so der UN-Bericht, sind im Alter zwischen 15 und 29 Jahren. Der Bericht rügt in schärfsten Worten, dass sich die Regierungen nicht bewusst sind, dass sie zu wenig für die Jugend machen. Dass sie bei Fortsetzung dieser Ignoranz riskieren, dass die Jugend zu einem großen Faktor der Destabilisierung wird. Die Jugend würde sich von ihnen zunehmend entfremden.

Als großes Problem werden der Arbeitsmarkt und die Ausbildung herausgestellt. Die Arbeitsvermittlung verlaufen nach wie vor weitgehend über Nepotismus und soziale Verbindungen, mit der Folge, dass eine große Menge nicht über diese Möglichkeiten verfügt.

Die Jugendarbeitslosigkeit in der arabischen Region sei höchste aller Weltregionen, heißt es in dem Bericht (siehe Grafik, S. 23, PDF). Notiert werden 47 Prozent Arbeitslosigkeit bei den jungen Frauen (16 Prozent ist demgegenüber der globale Durchschnitt) und 24 Prozent bei den jungen Männern (globaler Durchschnitt 13 Prozent). Insgesamt sei das 2014 doppelt so hoch gewesen wie der globale Durchschnitt. Bis 2019 erwartet man eine Verschlimmerung der Situation. Bis 2020 wären 60 Millionen neue Jobs nötig.

Der Ausschluss vom politischen Leben

Dazu komme ein Phänomen, dass als typisch für die arabische Region geschildert wird: der Ausschluss der Jugend vom politischen Leben. Obwohl sich die Jugend immer mehr für Politik interessiere, sei auffällig, wie wenig sich die Jugendlichen am politischen Leben beteiligen. Auch das spricht nicht unbedingt für die Aufgeschlossenheit der Älteren in den Parteien und Gremien gegenüber dem Nachwuchs.

Interessant ist, um am Ende noch plakative Zahlen zu erwähnen, wie sich die kriegerischen Krisensituation in den arabischen Ländern widerspiegelt. Der Anteil der Bewohner der arabischen Welt an der Weltbevölkerung beträgt laut UN-Bericht 5 Prozent. Demgegenüber wurden 2014 aber 45 Prozent aller terroristischen Angriffe in diesen Ländern ausgeführt.

68,5 Prozent aller "battle-related deaths" verzeichnet die arabische Region. Im globalen Durchschnitt sind es 27,7 Prozent. Im Jahre 2050, so der Ausblick des UN-Berichts, werden 3 von 4 Bewohnern der arabischen Region in Ländern mit "hohem Konfliktrisiko" leben.

Nachzutragen wäre, dass die Tabelle mit der Überschrift "Religion ist ein wichtiger Bestandteil Ihres täglichen Lebens" (S.33 der Zusammenfassung) in sämtlichen 20 Ländern Werte von mindestens 80 Prozent (Libanon, 2013) erzielt. Viele liegen jedoch weit darüber. Für Jemen im Jahr 2014 werden sogar 99 Prozent ausgewiesen, für Ägypten 98 %, ebenso für Palästina.

Im Irak geben im Jahr 2014 90 Prozent an, dass Religion ein wichtiger Teil des Alltagslebens ist. Saudi-Arabien hatte durchweg über 90 Prozent. Seit 2010 wird aber offensichtlich keine Untersuchung mehr durchgeführt, zumindest gibt es im UN-Bericht keine Zahlen mehr dazu. (Thomas Pany)

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