Arafat ist gestorben

Die Palästinenser trauern

Der palästinensische Präsident Jassir Arafat (75) ist am Donnerstagmorgen in dem Pariser Krankenhaus nach mehrtätigem Koma gestorben. Palästinenser trauern um ihren größten politischen Führer und das Symbol ihres Befreiungskampfs gegen die israelische Besatzung. Eine 40-tägige Staatstrauer wurde ausgerufen, öffentliche Ämter sind eine Woche lang geschlossen.

Palästinenserinnen trauern vor dem Amtssitz von Jassir Arafat

Die Stimmung in Ramallah ist jedoch sehr unaufgeregt. Arafat starb um halb fünf Uhr Ortszeit. Die Nachricht wurde jedoch von den Rundfunkmedien und nicht, wie bei anderen wichtigen Ereignissen, von Aktivisten über Lautsprecher verbreitet. Einige Kinder zogen wegen der alltäglichen Atmosphäre sogar los, nur um ihre Schulen geschlossen zu finden. Erst später sammelten sich Betroffene in der Stadtmitte Ramallahs, um gemeinsam zu gedenken.

Zur Mittagszeit zogen einige Hundert als Demonstrationszug zum zerbombten Amtssitz Arafats, wo sich nun zum ersten Mal mehr Palästinenser als Journalisten aufhalten. "Klar, ich bin traurig wegen Arafats Tod", so Allam Subeidi. "Er hat mich ja quasi mein ganzes Leben hindurch begleitet." Die Menschen seien jetzt zwar verunsichert, sagte der 36-Jährige. "Aber ich gehe davon aus, dass wir jetzt eine neue Regierung bekommen, ohne dass internen Konflikte aufbrechen." Auch in anderen Städten der besetzten Gebiete sammeln sich die Bewohner, um zusammen zu trauern und zu demonstrieren. Das ist man Jassir Arafat schuldig.

Größere Anteilnahme wird bei der Beisetzung des Präsidenten in Ramallah erwartet. Sein Leichnam wurde nach Kairo gebracht, wo sich heute die arabischen und andere Staatschefs an einer offiziellen Trauerfeier beteiligen. Danach soll der Sarg in den Gazastreifen verbracht werden, dessen Grenzen von Israel seit Jahren scharf abgeriegelt sind. Nachdem Palästinenser dort von Arafat Abschied nahmen, soll er in Ramallah, auf dem Gelände seines Hauptquartiers, beigesetzt werden. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. Allerdings ist bis jetzt noch nicht klar, ob die Bestattung heute oder morgen stattfindet.

Die präsidialen Amtsgeschäfte wurden bereits am Mittwoch von Parlamentssprecher Rauhi Fattuh für die Dauer von 60 Tagen übernommen, so wie es das Grundgesetz vorsieht. Fattuh ist in den besetzten Gebieten allerdings kaum bekannt und wird nach dieser Übergangszeit wieder von der Bildfläche verschwinden. Die wirklichen Amtsgeschäfte wird nun auch nicht er, sondern die renommierten Mitglieder der Autonomiebehörde führen. In der Übergangszeit sollen Neuwahlen stattfinden. Einige Analysten rechnen mit deren geordneten Ablauf, andere können sich aber auch eine Grundgesetzänderung und die Ernennung eines Staatsoberhaupts vorstellen (Palästinenser ohne Arafat).

Weitere Posten, die Arafat innehatte, wurden derweil neu besetzt. Am Donnerstag wählte das Zentralkomitee der Fatah-Bewegung Faruk Qadumi zum neuen Vorsitzenden. Qadumi ist ansonsten für die internationalen Belange der PLO zuständig. Den Vorsitz dieser Dachorganisation fast aller palästinensischer Gruppen hält jetzt Arafats dortiger Stellvertreter, Mahmud Abbas. Die Bevölkerung ist für die zügigen und geordneten Übergänge dankbar.

"Mittelfristig gehe ich von einem demokratischen Wandel aus", erklärt der palästinensische Menschenrechtsaktivist George Giacaman. Er streicht am Todestag Arafats dessen Errungenschaften im Kampf um die palästinensischen Rechte heraus, verweist aber auch auf die ständige Behinderung von anstehenden Reformen. "Wir haben eine solide organisatorische Basis und einen gesetzlichen Rahmen." Allerdings müsse sich die neue Führung erst zurecht finden, kleinere Konflikte sind inbegriffen. Giacaman zeigt aber auch auf Israel. "Wir leben immer noch unter der Besatzung." Die palästinensischen Sicherheitskräfte dürfen im Westjordanland wegen eines israelischen Verbots keine Waffen tragen. Armeetruppen können jederzeit einmarschieren. Zurzeit befinden sich israelische Soldaten in Hebron, Nablus und Dschenin.

Während der Trauerzeit ist innenpolitisch mit keinen großen Veränderungen zu rechnen. Auf vielen Ebenen werden sich die Menschen auf die neue Situation einrichten müssen. Nur eines ist sicher: Man will nicht mehr den Fehler machen und alle Macht einem einzelnen überlassen.

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