Arbeit: DGB kritisiert Hetze und Überforderung

"Kultur der Maßlosigkeit der Unternehmen": Laut Gewerkschaftsstudie gehen 45 Prozent der Arbeitnehmer davon aus, dass sie unter den gehetzten Bedingungen nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten

Mit systematischer Überforderung lässt sich laut DGB die Situation vieler Arbeitnehmer treffend beschreiben. Die Arbeitgeber sollten sich an ihre Fürsorgepflicht erinnern, mahnt Annelle Buntenbach, Mitglied des Bundesvorstands der Gewerkschaft. Sie fordert eine Anti-Stress-Verordnung.

Man kann sich in etwa vorstellen, welches Gesicht ein Unternehmensmanager zieht, der jede Woche aufs Neue die Wettbewerbsfähigkeit als einzige langfristige Überlebenschance des Unternehmens beschwört, um die Energiereserven so gut es geht zu mobilisieren, wenn er etwas von einer Anti-Stress-Verordnung hört. Wahrscheinlich läuft es wie beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder softer noch, work-life-balance: Prinzipiell zeigt man sich in Unternehmen dafür offen, konkret ändert sich nichts.

Konkrete Richtlinien könnten vielleicht gegen das alleseits gebräuchliche Diktum "Der Markt gibt das nicht her" gegensteuern. Die gibt es aber noch nicht. Die Forderung nach einer Anti-Stress-Verordnung ist, so der Eindruck, zunächst rein appellativ gemeint. Man will mittel-und langfristig ein Bewusstsein für die Überforderung und die Kosten schaffen.

Eine Grundlage dafür, so die Ambition des DGB, soll der Gute-Arbeit-Index der Gewerkschaft sein, dessen neuester Studienbericht wurde heute vorgestellt.

Hetze und Anforderungen haben zugenommen

In Kürze besagen die Antworten von beinahe 6.000, repräsentativ ausgewählten, Arbeitnehmern, die an der Studie teilgenommen haben: der Arbeit wird nach wie vor ein sehr hoher Wert zuerkannt, Ängste und Sorgen, den Arbeitplatz zu verlieren, sind demnach moderat ausgeprägt, was mit der derzeitigen Arbeitsmarktlage erklärt wird, aber: Hetze und Anforderungen haben zugenommen, zumindest wird das so empfunden.

Dazu kommen Belastungen durch unbezahlte Überstunden sowie geforderte oder internalisierte Dauererreichbarkeit. Fazit und Alarmsatz der Studie:

"Nur knapp die Hälfte glaubt daran, bis zum Rentenalter durchhalten zu können."

Das Durchhaltevermögen deutscher Arbeitnehmer wird in der Studie selbst in Abstufungen noch einmal etwas genauer aufgeschlüsselt:

Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Schlechter Arbeit gehen nur 24 Prozent davon aus, dass sie bis zur Rente durchhalten werden, von den Beschäftigten mit Arbeitsbedingungen der Qualitätsklasse Unteres Mittelfeld sind es 40 Prozent, im Oberen Mittelfeld 56 Prozent und mit Guter Arbeit 76 Prozent.

Was unter "Guter Arbeit" zu verstehen ist, definiert der DGB-Index über die Antworten auf 42 Fragen zu elf Qualitätskategorien: Gestaltungsmöglichkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten, Betriebskultur, Sinn der Arbeit, Arbeitszeitlage, emotionale Anforderungen, körperliche Anforderungen, Arbeitsintensität, Einkommen, betriebliche Sozialleistungen und Beschäftigungssicherheit.

Zweifel an der Leistungerechtigkeit

Insgesamt wurde im Vergleich zur Vorjahresuntersuchung eine größere Stabilität festgestellt. Beklagt wird, was zur Aufgabe von Gewerkschaftspublikationen gehört, dass die Einkommensentwicklung hinterhinkt dazu Zweifel an der Leistungsgerechtigkeit, sowie der hohe Anteil von unbezahlten Überstunden vor allem im Bereich Erziehung und Unterricht (45 Prozent der Beschäftigten) und anderswo:

Über dem Durchschnitt liegen demnach auch die Anteile im Bereich Information und Kommunikation sowie im Sozialwesen (dazu zählen u.a. Beschäftigte in der Altenpflege und in sog. Wellness-Berufen).

Als besonders auffällig werden bei dieser Studie die Antworten auf die "Ergänzungsfrage" zum DGB-Index herausgehoben: "Haben Sie den Eindruck, dass Sie in den letzten 12 Monaten mehr Arbeit in der gleichen Zeit als vorher schaffen müssen?" 61 Prozent bejahten.

10 Prozent gaben an, dass dies in sehr hohem Maße der Fall sei, 27 Prozent antworteten mit hohem Maß, 24 Prozent mit geringem Maß. Dazu kommen Aussagen der Beschäftigten, die angeben, dass sie ihre Arbeit "sehr gehetzt" erledigen. Für 23 Prozent ist das "sehr häufig der Fall" für 33 Prozent "oft". Zur Gruppe der "Gehetzten" gehören überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer, die auch außerhalb ihrer Arbeitszeit häufig oder oft für ihren Arbeitgeber erreichbar sind.

Warum lassen sich die Gehetzten hetzen?

Das wirft die Frage auf, warum die Arbeitnehmer hier den Anforderungen derart nachkommen. Die nächstliegende Antwort wäre, dass sie denken, sie würden ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie sich der Hetze und der Überstunden widersetzen.

Die Antworten auf die Frage nach der "Beschäftigungssicherheit" liefern dazu aber keine handfesten Hinweise. 85 Prozent beantworteten die Frage, ob es vorkomme, dass sie sich Sorgen machten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, mit nie (58%) oder selten (27 Prozent). Nur 5 Prozent machten sich diese Sorge sehr häufig und 10 Prozent oft.

Die Ergebnisse auf die allgemeinere Frage nach Sorgen über die berufliche Zukunft fällt ähnlich aus. Bei 78 Prozent kommt dies nie (49%) oder nur selten (29%) vor. Davon geplagt werden 22 Prozent; 14 % sehr häufig und 8 % oft. Dass ihr Arbeitsplatz überflüssig wird, ist für 87 Prozent der Befragten selten (18%) oder nie (69 %) Anlaß zur Sorge. Lediglich eine Minderheit sieht das anders, 5 Prozent machen sich deswegen sehr häufig Sorgen und 8 Prozent oft.

"Wichtiger Beitrag für die Gesellschaft"

Woher also das Bestreben, den hektischen Anforderungen zu genügen? Aus Überzeugung, dass man so wichtig für den Betrieb ist? 90 Prozent haben den Eindruck, dass sie durch Ihre Arbeit einen "wichtigen Beitrag für Ihren Betrieb leisten". 86 Prozent identifizieren sich mit ihrer Arbeit und 66 Prozent bejahen die Frage, dass sie mit ihrer Arbeit einen "wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten". 20 Prozent sind in sehr hohem Maß dieser Auffassung und 46 Prozent in hohem Maß. (Thomas Pany)

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