Arbeiten bis 69 als Antwort auf "Fachkräftemangel"

Auch durch Migration könne nur ein Teil des Problems gelöst werden, meint das Institut der deutschen Wirtschaft. Symbolbild: Brian Odwar auf Pixabay / Public Domain

Institut der deutschen Wirtschaft wirbt in neuer Studie für höheres Renteneintrittsalter, Gewerkschaften fordern attraktivere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen

Droht bis 2040 ein so gravierender Fachkräftemangel, wie ihn das Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in einer neuen Studie an die Wand malt, um neben qualifizierter Zuwanderung auch ein höheres Renteneintrittsalter zu fordern?

Im negativsten Szenario des Instituts liegt der Fachkräfteschwund bis 2040 in Deutschland bei 4,2 Millionen, was etwa zwölf Prozent entspricht. Übrig wären dann rund 31,2 Millionen. Bei "sehr positiven Verläufen" in den Bereichen Zuwanderung und Erwerbsbeteiligung älterer Menschen könne die "die Zahl der am Arbeitsmarkt aktiven Fachkräfte zwischen 20 und 69 Jahren" aber nahezu konstant bleiben, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie. Dies sei aber "nur mit gezielten Weiterentwicklungen des ordnungspolitischen Rahmens zur Zuwanderung und späterem Renteneintritt" möglich.

Das absehbare Ausscheiden der "Babyboomer"-Generation aus dem Arbeitsleben dient hier erneut als Anlass für neoliberale Wunschkonzert-Forderungen zum Thema Rente. Bleibt nur die Frage, ob das Problem so groß ist wie vom IW beschrieben. Schließlich wird von Unternehmerseite schon lange über einen bestehenden Fachkräftemangel geklagt, der sich in Zukunft nur massiv verschärfen werde.

Kein branchenübergreifender Mangel

Gewerkschaften streiten das nicht pauschal ab: In bestimmten Branchen und Berufsgruppen, wie etwa im Pflegebereich - der in der IW-Studie gar nicht erwähnt wird - sowie in der IT-Branche und in Technikerberufen ist seit Jahren weitgehend unbestritten, dass es an Fachkräften mangelt. Nur werden dafür in Gewerkschaftskreisen zum Teil andere Gründe genannt, vor allem aber andere Gegenmaßnahmen vorgeschlagen als im Umfeld von Unternehmerverbänden.

Branchenübergreifend könne nicht von einem Fachkräftemangel gesprochen werden, heißt es in einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die im Mai 2020 veröffentlicht wurde, also weniger als ein Jahr alt ist. Zwischenzeitliche Veränderungen dürften in der Corona-Krise vor allem darin bestehen, dass mehr Pflegekräfte überlegen, wegen Burnout-Gefahr aus dem Beruf auszusteigen, während die Nachfrage nach Hotel-, Restaurant- und Touristikfachkräften durch die Lockdown-Maßnahmen vorerst gesunken ist.

Personalplanung "auf Kante genäht"

Für die WSI-Studie waren Betriebsräte zu den Gründen für Stellenbesetzungsprobleme befragt worden. "In jedem dritten Betrieb, der nicht alle offenen Stellen besetzen konnte, wurden ungünstige Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten als Gründe genannt", sagt die Sozialwissenschaftlerin Elke Ahlers, die an der Studie beteiligt war. Im Ergebnis liegt die Vermutung nahe, dass zumindest ein Teil der Personalengpässe durch jahrelange Sparmaßnahmen und unattraktive Arbeitsbedingungen verursacht wurde. Die Rede ist von "bewusst zu knapp kalkulierten Personaldecken": Branchenübergreifend werde immer wieder kritisiert, dass die Personalplanung "auf Kante genäht sei".

Besonders zeige sich dies aber im Pflegebereich, heißt es in der WSI-Studie. Zu Beginn der seit Januar 2019 laufenden "Ausbildungsoffensive Pflege" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte die Gewerkschaft ver.di "attraktive Bedingungen und eine faire Bezahlung" gefordert, um die Fachkräfte nach der Ausbildung auch im Beruf zu halten.

Dagegen wird in der IW-Studie die Frage der Attraktivität vom Ausbildungsberufen weder gestellt noch beantwortet - wohl aber wird problematisiert, dass immer mehr junge Menschen eine akademische Ausbildung anstreben, während die Zahl der Fachkräfte mit klassischer Berufsausbildung sinkt.

Wie erwähnt hatte das IW aber die Pflege und das medizinische Personal, das während der Pandemie so oft als "systemrelevant" bezeichnet und anfangs mit Applaus bedacht wurde, gar nicht auf dem Schirm. Für "Deutschland als Produktionsstandort" ist es nur indirekt von Bedeutung - im Sinne der Gesunderhaltung von Fachkräften, die Unternehmensprofite vermehren.

So gesehen könnte es aber durch ein höheres Renteneintrittsalter auch für den Produktionsstandort noch bedeutender werden. Denn auch im hochgeschätzten "MINT"-Bereich - also den mathematischen, IT-, naturwissenschaftlichen und technischen Berufen - werden ältere Beschäftigte häufiger krank. (Claudia Wangerin)