"Arbeitgeber schätzen Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund"

Nach einer Studie verdienen Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund, die die Schule abgebrochen haben, deutlich mehr als deutsche Schulabbrecher

Die Studie von Merlin Schaeffer, Professor für Demographie und soziale Ungleichheit an der WiSo-Fakultät der Universität zu Köln, Jutta Höhne vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans Böckler Stiftung und Céline Teney, Professorin für Soziologie an der Universität Bremen, kommt gerade zur richtigen Zeit und sie wartet mit einer interessanten Hypothese auf.

Die Wissenschaftler haben die Einkommen von Migranten, die in Deutschland eine Schule besucht haben, mit denen von Arbeitnehmern ohne Migrationshintergrund anhand der Daten des Mikrozensus 2005-2011 untersucht. Ausgewertet wurden Daten von 18-64-Jährigen, die mehr als 15 Stunden arbeiten, deren Haupteinkommen der Lohn ist und die nur einen Job haben. Als Einkommen wurde gewertet, was nicht auf Alter, Geschlecht oder Familienstand, auf das regionale Lohnniveau und andere arbeitsmarktrelevante Bedingungen zurückgeführt werden kann.

Einbezogen in die Studie, die im European Sociological Review erschienen ist, wurden Spätaussiedler, in der Türkei Geborene, die vor dem 13. Lebensjahr nach Deutschland gekommen sind, sowie in Deutschland geborene Kinder türkischer Eltern (zweite Generation). Türkische Migranten und Spätaussiedler waren bislang die größten Einwanderergruppen, die sich aber nach Angaben deutlich unterscheiden und deswegen für einen Vergleich interessant sind. Spätaussiedler sind meist besser ausgebildet, ihre Sprachkenntnisse sind normalerweise ebenfalls besser und sie sind am Arbeitsmarkt bevorteilt.

Normalerweise geht man davon aus, dass Migranten oder Flüchtlinge geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, schlechtere Jobs finden und schlechter bezahlt werden. Das wird auf die mangelnden Sprachkenntnisse und die geringere Ausbildung zurückgeführt. Eine Rolle soll auch Diskriminierung durch Arbeitgeber spielen. Es könnte aber sein, so die Wissenschaftler, dass die geringe Qualifizierung, die bedingt ist durch die geringere Förderung aufgrund der Herkunft aus bildungsfernen Schichten und schlechteren Sprachkenntnissen, für Unternehmer gar keine so große Rolle spielt. Sie könnten vielmehr nach anderen "nicht-kognitiven" Eigenschaften wie Motivation, Zuverlässigkeit oder Ausdauer schauen, die ebenfalls geringqualifizierten Deutschen eher fehlen oder die ihnen Arbeitgeber aufgrund ihrer geringen Qualifikation eher absprechen.

Das Ergebnis ist erstaunlich, gerade für einen Arbeitsmarkt, auf dem Bildungsabschlüsse eine relativ große Bedeutung spielen. Gerade Migranten mit geringer Qualifizierung, die die Schule abgebrochen haben, verdienen oft mehr als Schulabbrecher ohne Migrationshintergrund. Das gilt insbesondere für diejenigen, die in der Türkei geboren wurden. Sie arbeiten auch häufiger in Stellungen, für die sie eigentlich unterqualifiziert sind. "Arbeitgeber schätzen", so vermuten die Wissenschaftler, "Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund als besonders ehrgeizig, belastbar und verlässlich." Es liegt also eine positive Diskriminierung trotz der geringen formalen Ausbildung vor, während sich keine Unterschiede auf allen Bildungsstufen zwischen Spätaussiedlern und Deutschen ohne Migrationshintergrund zeigen. Für gut ausgebildete Migranten gibt es jedoch keine Vorteile, weil sie ihre Leistungsbereitschaft durch ihre Qualifizierung gezeigt haben.

"Potential der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund wird unterschätzt"

Die Zahlen belegen sogar deutlich höhere Einkommen für Schulabbrecher mit türkischem Migrationshintergrund, auch wenn sie aus "typischerweise bildungsfernen Herkunftsfamilien" kommen, sie verdienen durchschnittlich 2,20 Euro mehr in der Stunde als deutsche Schulabbrecher. In der Türkei geborene Schulabbrecher verdienen 63.9 Prozent mehr (gültig für Frauen und Männer), in Deutschland geborene Schulabbrecher mit türkischem Migrationshintergrund haben ein um 42.6 Prozent höheres Einkommen, hier aber haben Frauen keinen Vorteil mehr. Die Migranten verdienen nach den Autoren deswegen mehr, weil sie "Tätigkeiten ausüben, die eigentlich ein höheres Bildungsniveau verlangen, etwa als Maschinenführer, Anlagenbediener oder Baugeräteführer". Das gelte auch für andere Migranten etwa aus Italien oder Griechenland. Schulabbrecher ohne Migrationshintergrund erhalten hingegen selten Jobs, für die sie unterqualifiziert sind. Ab einem Hauptschulabschluss bis zu einer Promotion finden sich jedoch keine bedeutsamen Unterschiede im Einkommen mehr.

"Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass das Potential der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Debatte unterschätzt wird", sagt Merlin Schaeffer. "Gerade Schulabbrecher leisten oftmals weit mehr als ihnen allgemein zugetraut wird." Die Kinder von Einwanderern seien "überdurchschnittlich ehrgeizig, willensstark und ambitioniert. Wer die Auswanderung in ein anderes Land auf sich nimmt, tut dies meist mit dem festen Vorsatz, sich ein besseres Leben aufzubauen. Die Ambitionen der eingewanderten Eltern spiegeln sich in den hochgesteckten Zielen ihrer Kinder wider." Die Geringqualifizierung gehe nicht auf fehlende Leistungsbereitschaft zurück, sondern auf Benachteiligungen.

Für die Wissenschaftler müsste man aus den Ergebnissen diese Botschaft ziehen, zumindest liest man sie in der Universitätsmitteilung: "Ein Land, das wie Deutschland mitten im demographischen Wandel steht und zunehmendem Fachkräftemangel begegnen muss, sollte den Ergebnissen zufolge bessere Voraussetzungen schaffen, um die Potentiale von Kindern mit Migrationshintergrund frühzeitig zu erkennen und Benachteiligungen im Bildungssystem entgegenzuwirken."

Man könnte sich zudem fragen, ob es tatsächlich bei deutschen Schulabbrechern und Geringqualifizierten im Unterschied zu den Migranten einen Zusammenhang mit der Leistungsbereitschaft gibt oder ob hier nicht auch fehlende Unterstützung im Elternhaus eine Rolle spielt. Und die Ergebnisse der Studie könnten natürlich auch bei den geringqualifizierten Deutschen die Ablehnung von Migranten noch erhöhen. (Florian Rötzer)

Anzeige