Arbeitslosigkeit oder erzwungene Teilzeitarbeit beeinträchtigen die kognitive Leistung

Wer in Rezessionen arbeitslos wird, weniger verdient oder nur noch teilweise beschäftigt ist, büßt womöglich kognitive Fähigkeiten ein, was sich im Alter auszuwirken beginnt, sagt eine Studie

Wissenschaftler aus den USA, Großbritannien und Luxemburg wollten untersuchen, ob Wirtschaftskrisen, die Menschen im frühen oder mittleren Erwachsenenalter betroffen haben, sich auf die Kognition im höheren Alter auswirken. Vorhergehende Studien ließen vermuten, dass die Arbeitsverhältnisse etwas mit den kognitiven Leistungen im Alter zu tun haben.

Vincent van Gogh: An der Schwelle zur Ewigkeit. Eher macht es den Eindruck, als stünde der Mensch an der Schwelle zur Depression. Bild: The Yorck Project/gemeinfrei

So scheinen die tägliche Arbeitszeit, die Komplexität der Arbeit und Karriereaussichten einen Einfluss auf eine hypothetisch angenommene "Kognitionsreserve" zu haben, die im Alter Vorteile beschert. Allerdings war unklar, ob die "Klügeren" sowieso einen Vorteil in der Arbeitswelt haben oder ob der Fall in vorübergehende Arbeitslosigkeit oder Abstufung auch kognitive Folgen zeitigt. Für Letzteres würde sprechen, dass Menschen, die während einer Rezession geboren sind, später eine geringere kognitive Leistung haben sollen.

"Makroökonomische Bedingungen während der Zeit des Arbeitslebens können die Akkumulation der Kognitionsreserve durch ungünstige Arbeitsbedingungen und Chancen im Hinblick auf die soziale Mobilität beeinflussen", so die Wissenschaftler. Um dies zu untersuchen, haben sie detaillierte Daten über Gesundheit, Beschäftigung und sozialen Bedingungen von 12.000 Menschen über 50 Jahre aus 11 europäischen Ländern untersucht, die an dem repräsentativen Survey of Health, Ageing, and Retirement in Europe (SHARE) teilgenommen haben. Die kognitiven Fähigkeiten wurden 2004 und 2005 sowieo 2006 und 2007 getestet und mit den BIP-Veränderungen in jedem Land zwischen 1959 und 2003 abgeglichen. Überdies wurde überprüft, welche Folgen Rezessionen, die im Alter von 25-34, 35-44 und 44-49 Jahren erlebt wurden, auf die kognitiven Fähigkeiten im Alter zwischen 50 und 74 Jahren hatten. Versucht wurde, viele mögliche Faktoren, die auch hereinspielen können, auszuschließen. Jede erlebte Rezession müsste sich auf die kognitiven Fähigkeiten im Alter auswirken, so die Hypothese. Die Auswertung der Daten zeigte, wie die Wissenschaftler in ihrem im Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlichten Artikel schreiben, dass Männer, die bis zu ihren 40er Jahren keine Rezession erlebt haben, auf nur einen um 0,07 geringeren Wert auf dem Kognitionsranking aufwiesen, während Männer, die vier und mehr Rezessionen bis zu diesem Alter erlebt haben, um 0,12 schlechter abschnitten. Jüngere Männer, die keine weitere Rezession erleben, packen dies offenbar weg, weil sie wieder Arbeit finden, während ältere Menschen in einer Rezession oft arbeitslos bleiben oder in Jobs abrutschen, die kognitiv weniger herausfordernd sind. Bei den Frauen scheint die negative Wirkung eher zu geschehen, nämlich zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Männer, die im Alter von 45-49 Jahren eine weitere Rezession erlebten, schnitten ebenfalls schlechter ab, bei den Frauen war dies so zwischen 25 und 44 Jahren. Ältere Frauen sind öfter als Männer schon nicht mehr im Arbeitsmarkt.

Gründe könnten eben höhere Arbeitslosigkeit, Jobunsicherheit und eine höhere Wahrscheinlichkeit der sozialen Mobilität nach unten sein. Das könnte "Schocks" auslösen, die den Aufbau der Kognitionsreserve beeinträchtigen. Möglich wäre aber auch, dass Arbeitslosigkeit depressiv macht und zu Stress führt, was bekanntlich die kognitive Leistung beeinträchtigt. Aber der statistische Zusammenhang, den diese Studie herausgearbeitet hat, ist nicht nur relativ klein, sondern steht auch sonst auf schmalen Füßen.

Zwar wächst in einer Rezession allgemein die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder der selbständigen Existenz, aber man müsste doch eher Vergleichsgruppen bilden, also schauen, welche Unterschiede sich zwischen denen zeigen, die arbeitslos wurden, Teilzeit arbeiten oder einen schlechteren Job annehmen mussten, und jenen, bei denen sich nichts zum Negativen verändert hat. Unterschiede zwischen den Ländern wurden auch nicht herausgearbeitet. Vorsichtig sagen die Wissenschaftler denn auch, ihre Ergebnisse würden "tentativ" die Hypothese unterstützen, dass "ökonomische Rezessionen mit kognitiven Funktionen vermutlich Veränderungen der Arbeitsverhältnisse verbunden sind". (Florian Rötzer)

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