Areva: Riskante Teile für AKWs weltweit verbaut

V. C. Summer AKW, wo auch Areva-Teile verbaut wurden. Bild: DJSlawSlaw/CC BY-SA-3.0

Allein in den USA sollen in 17 Atomkraftwerken zweifelhafte Bauteile aus der französischen Areva-Schmiede mit gefälschten Sicherheitszertifikaten verbaut sein

Der Skandal um die gefälschten Sicherheitszertifikate des französischen Atomkraftkraftwerkbauers Areva weitet sich nun weltweit aus. Gegen den Staatskonzern, der inzwischen längst pleite ist und zerschlagen wird, ermittelt nun auch in den USA die Atomaufsicht. Die Nuclear Regulatory Commission (NRC) geht davon aus, dass auch zweifelhafte Komponenten wie Reaktordruckbehälterdeckel aus der Areva Schmiede "Creusot Forge" in 17 Atommeilern in den USA verbaut wurden. In Creusot sollen schon seit 1965 Zertifikate gefälscht worden sein. Betroffen sind insgesamt bisher deutlich mehr als 100 Atomkraftwerke weltweit.

Die Pariser Staatsanwaltschaft hat schon im Dezember Ermittlungen gegen die Areva-Schmiede in Le Creusot eingeleitet, die sich unweit von Chalon-sur-Saône in Zentralfrankreich befindet. Das Werk fällt beim Vorbeifahren durch die massiven Sicherheitsvorkehrungen auf. Mit vielen Rollen des gefährlichen Klingendrahts ist der Zaun zusätzlich befestigt. Mit der Sicherheit der Bauteile hat man es im Inneren der Anlage aber wohl nie so genau genommen, die 2006 von Areva übernommen wurde.

Das ist nun schon seit längerem bekannt, seit von "Anomalien" gesprochen wird, die ausgerechnet am Reaktorbehälter des EPF-Neubaus in Flamanville aufgetaucht waren. Darüber kam langsam aber sicher ein massiver Skandal zum Vorschein, denn seit Jahrzehnten wurden ganz offensichtlich Sicherheitsanforderungen nicht erfüllt. Die Fälschungen von Sicherheitszertifikaten in Frankreich lassen sich aber nicht einmal nur auf diese Schmiede beschränken.

Offensichtlich in direktem Zusammenhang zu den Ermittlungen in Paris stehen die Mitteilungen von Areva an die US-Atomaufsicht. Am vergangenen 15. Dezember berichtet die Areva der NRC über den Umstand, dass in diversen Atomreaktoren in den USA zweifelhafte Teile aus der Schmiede Creusot Forge verbaut wurden, deren Zertifikate nicht in Ordnung sein sollen. Areva lieferte zunächst am 30. Dezember nach und schließlich teilte die NRC mit, dass in Briefen vom 9. und 10. Januar weitere Details mitgeteilt worden seien.

Die US-Atomaufsicht schreibt nun, dass es sich vor allem um Teile handele, die für die Sicherheit der Reaktoren bedeutsam sind wie "Reaktordruckbehälterdeckel, Komponenten des Dampfgenerators oder des Druckhalters". Allerdings kam die NRC der Areva-Forderung nicht nach, sich zu dem Vorgang bedeckt zu halten, sondern dokumentiert den Vorgang ausgiebig auf ihren Webseiten und brachte Areva damit zusätzlich massiv unter Druck.

Die NRC streicht heraus, dass es sich gleich um zwei verschiedene Probleme bei Areva handelt, die allerdings miteinander in Verbindung stünden. Auf der einen Seite seien da die "Anomalien" in der Dokumentation, so wird die Areva-Bezeichnung übernommen. Dann seien da aber auch noch die Probleme mit anomalen Kohlenstoff-Konzentrationen, die die "Zähigkeit bei großen Schmiedeteilen reduzieren". Aus der Materiallehre ist bekannt, dass höhere Kohlenstoffanteile den Stahl zwar härter, aber auch spröder machen. Der Stahl im Reaktorbehälter wird ohnehin durch den radioaktiven Beschuss im Betrieb immer spröder und kann deshalb ganz plötzlich bersten, was im Fall von Reaktorbehältern katastrophale Ausmaße annehmen kann.

War man im Dezember noch davon ausgegangen, dass neun Reaktoren in den USA betroffen sein sollen, hat sich die Zahl nun schon auf 17 fast verdoppelt. Dabei muss es aber nicht bleiben, da die Untersuchungen längst noch nicht abgeschlossen sind und noch das ganze Jahr über andauern sollen. Das Areva-Führungsmitglied David Emond hat nun gerade erklärt, dass man die Dokumentation von 6000 Komponenten und etwa 2,4 Millionen Seiten geprüft habe. Man sei derzeit im Jahr 2013 angelangt. Bisher seien 210 "Unregelmäßigkeiten" gefunden worden, sagte Edmond, wovon mehr als die Hälfte französische Reaktoren betreffen sollen. Der Rest befinde sich in Übersee, wie den USA und China. Dabei muss es aber nicht bleiben, denn die Überprüfung soll noch bis Ende 2017 andauern.

Natürlich erklärte Emond, dass keiner der betroffenen Reaktoren deshalb "abgeschaltet werden muss". Das muss die Areva schon deshalb behaupten, da im Fall von Abschaltungen Schadensersatzansprüche von den Betreibern geltend gemacht werden könnten. Angesichts der Größe der Bauteile würden die Kraftwerke lange Zeit bei einem Austausch ausfallen, was mit horrenden Summen für eine Firma verbunden wäre, die nun dem großen Energieversorger EDF (und damit auch wieder dem Steuerzahler) auf der Tasche liegt.

Eigentlich müssten alle betroffenen Reaktoren aber, wenn gesunder Menschenverstand eingesetzt würde, zur Sicherheit sofort abgeschaltet werden, bis die Probleme geklärt oder die spröden Teile ausgetauscht sind. So könnte sich die US-Aufsichtsbehörde ein Beispiel an der französischen "Autorité de sûreté nucléaire" (ASN) nehmen. Denn die hat im vergangenen Jahr hat die ASN für Block 2 des Uraltreaktors in Fessenheim am Oberrhein die Abschaltung angeordnet, bei dem ebenfalls Probleme mit Zertifikaten am Dampferzeuger bestehen.

Julien Collet, stellvertretender ASN-Direktor erklärte, dass der Erzeuger nicht den technischen Unterlagen entspräche, die der Behörde einst übermittelt wurden, was zur "Stilllegung des Dampfgenerators" und als Folge die Abschaltung des Reaktors zur Konsequenz hatte. Der Schmiedevorgang sei von Creusot Forge in den gelieferten Dokumenten falsch dargestellt worden, weshalb der Generator nie eine Zulassung hätte erhalten dürfen. Bisher konnte Areva aber nicht nachweisen, dass ihr Produkt die vorgeschriebenen Normen erfüllt, weshalb der Block weiter abgeschaltet ist.

Festgestellt wurden in Fessenheim beide Probleme, denn auch anomale Kohlenstoff-Konzentrationen tauchen auf. Deshalb zog sogar Collet Parallelen zum EPR-Neubau in Flamanville, dessen Kosten explodieren und dessen Fertigstellung weiterhin nicht absehbar ist. In Fessenheim - und damit auch in den US-Reaktoren - sei die Problemlage ähnlich wie "am EPR-Reaktorbehälter", sagte Collet. Auch am Dampferzeuger gäbe es vermutlich in bestimmten Bereichen zu spröde Bereiche.

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