Armageddon begann auf Island

Und ganz Europa litt darunter

1783 ging die Angst um in Europa. Erdbeben erschütterten Kalabrien, Vulkane auf Island und in Italien brachen aus und das Wetter war extrem. Der Sommer war einer der heißesten, seit Aufzeichnungen existieren, bei den Sonnenuntergängen leuchtete der Himmel in allen Farben und nachts schien ein blutroter Mond. Gewaltige Gewitter gingen nieder. Menschen starben und viele dachten, das alles seien die Vorzeichen des jüngsten Gerichts. Und es begann auf Island.

Wie das Wissenschaftsjournal New Scientist berichtet, war der Anfang der vielen Katastrophen der Ausbruch eines Vulkans auf Island. Zuerst bebte die Erde. Am 8. Juni begann die Lakispalte, ein 25km langer Riss in der Erdkruste, ausgehend vom Vulkan Grimsvötn, Lava zu speien. Der Lavastrom erstreckte sich über 88 km Länge, bedeckte zuletzt eine Fläche von 570 Quadratkilometern.

Lakispalte auf Island (Bild: University of California)

Der Pfarrer Jon Steingrimsson beschreibt in seinen Aufzeichnungen (Fires of the Earth: The Laki Eruption 1783-1784), wie die Anwohner die Katastrophe erlebten:

Erdbeben leiteten das Unheil am Pfingsttag ein, trieben die Bauern aufs freie Feld, wo sie in Zelten hausten. Nach einer Woche stiegen unter Donnerschlägen riesenhafte Aschenwolken himmelan. Dem folgte die Lava, füllte glutfließend, die Wasser in Dampf verwandelnd, die Strombetten. Aus über 22 Ausbruchsstellen loderten hohe Flammensäulen. (...) Die Flut des Feuers ergoss sich mit der Geschwindigkeit eines großen, durch das Schmelzwasser angeschwollenen Flusses an einem Frühlingstag. In der Mitte der Feuerflut wurden große Felsen und Steinblöcke mitgeschwemmt, die sich wie riesige Wale beim Schwimmen tummelten, glutrot und leuchtend. (...) Der faule Geschmack der Luft, bitter wie Seetang und nach Fäulnis stinkend, war tagelang so intensiv, dass die Menschen kaum atmen konnten. Außerdem drang das Sonnenlicht nicht mehr durch. Alles war von Dunst eingehüllt. Erstaunlich, dass Menschen noch eine weitere Woche überleben konnten.

Laki spuckte und spuckte aus zuletzt mehr als hundert Kratern, er erbrach den größten Lavastrom der Neuzeit innerhalb der nächsten sieben Monate. Seine Lava-Feuersalven stiegen bis zu 1,5 km hoch in die Luft, riesige Säulen von Asche und Gas standen bis zu 13 km hoch über Südisland. 15 Kubikkilometer Lava ergossen sich über das Land, 122 Millionen Tonnen Schwefeldioxid sowie Millionen Tonnen von Fluor verpesteten die Luft. Letzteres vergiftete die Ernte, das Vieh und die Menschen auf der Insel im hohen Norden. 10.000 Isländer starben, ein Fünftel der damaligen Bevölkerung.

Die Gase und feinen Partikel der Eruption stiegen in die Atmosphäre auf und verteilten sich über ganz Europa. In England wurde von blauem Dunst berichtet, seltsamen trockenen Nebeln, die Sonne schien nicht mehr mit gleicher Kraft. Auch in Frankreich litten die Menschen unter brennenden Augen, aufspringenden Lippen und Halserkrankungen. Selbst in Nordafrika waren die Auswirkungen spürbar. Der Sommer 1783 war besonders heiß. Kein Regen milderte die Auswirkungen. Neue Auswertungen von Sterberegistern erwiesen kürzlich, dass allein in Großbritannien und Frankreich als Folge des isländischen Vulkanausbruchs mehrere Zehntausend starben.

John Grattan, Geoarchäologe an der University of Wales, verglich die Zahlen der Bevölkerungsgeschichte, also Geburten, Taufen und Begräbnisse aus 404 englischen Kirchgemeinden zwischen 1540 und 1871 und stellte fest, dass im Sommer 1783 eine Vielfaches der üblichen Sterbefälle verzeichnet wurde. Claire Witham und Clive Oppenheimer, Vulkanologen an der University of Cambridge, kommen in ihrer statistischen Analyse (Bulletin of Volcanology: Mortality in England during the 1783-4 Laki Craters eruption) zu dem Schluss, dass allein in England mindestens 20.000 Tote auf das Konto der Vulkanemissionen zu verbuchen sind.

In Frankreich wurden ähnliche Untersuchungen durchgeführt und die Forscher kamen zu dem Ergebnis, das zwischen August 1783 und Mai 1784 ein Viertel mehr Todesfälle als üblich zu beklagen waren. Grattan geht davon aus, dass die extreme Witterung zusammen mit der vulkanischen Luftverschmutzung diesen hohen Blutzoll forderten:

Die Effekte waren wahrscheinlich kumulativ. Die Körper der Leute mussten mit der intensiven Hitze fertig werden und zudem mit der schlechten Luft. Unter dem Einfluss dieses Stresses überstrapazierten selbst leichte Erkrankungen oder Überanstrengungen den Körper und führten zu Herzversagen.

Der folgende harte Winter kostete dann diejenigen das Leben, die geschwächt den Sommer noch gerade so überstanden hatten. Betroffen waren wohl vor allem besonders junge und alte Leute.

Die Forscher weisen schon länger daraufhin, dass eine Supervulkaneruption auch heute eine globale Katastrophe auslösen könnte und das die Wahrscheinlichkeit eines derartigen Ereignisses wesentlich höher ist, als der Einschlag eines Asteroiden (Horrorszenario Super-Eruption). Selbst ein kleinerer Ausbruch wie der des Laki 1783 hätte heute deutlich schlimmere Auswirkungen als damals. Europa ist viel dichter bevölkert und unter uns leben viele Asthmatiker und andere Personen mit geschwächter Abwehr. Grattan weist daraufhin, dass zudem die Atmosphäre bereits durch Luftverschmutzung stark belastet ist. Ein Szenario wie der Ausbruch vor 222 Jahren würde nach seinen Schätzungen heute allein in England 100.000 Opfer fordern. Er warnt:

Leute, die nicht nahe bei einem Vulkan leben, denken nicht daran, dass eine Eruption sie betreffen könnte. Was 1783 geschah, zeigt, dass wir uns alle Sorgen machen sollten.

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