Armenien vs. Aserbaidschan: Gestern Tschetschenen, heute Syrer?

Gruppenbild mit Schamil Bassajew. Foto: Terroristenselfie.

Dschihadisten aus dem Ausland waren bereits bei früheren Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aseris beteiligt

Nach über hundert neuen Toten seit Sonntag haben der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin nach einem Telefonat eine Verstärkung der Bemühungen der Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vereinbart, um den wiederaufgeflammten Krieg im Kaukasus zu beenden. Außerdem appellierten Macron und Putin an die Konfliktparteien, "die Gefechte vollständig und so bald wie möglich einzustellen, die Spannungen zu deeskalieren und maximale Zurückhaltung zu üben".

Die Minsk-Gruppe, der Frankreich, Russland den USA vorstehen, versucht seit 1992 den Konflikt um die ehemalige Autonome Region Bergkarabach zu lösen, die heute als "Arzach" in einer "asymmetrischen Konföderation" mit Armenien verbunden ist. Sie schlug in der Vergangenheit unter anderem einen Konföderationsstaat aus Aserbaidschan und Arzach vor, in dem der armenische Teil nicht dem aserbaidschanischen unterstellt wäre. Ein anderer Vorschlag war, dass sich die armenischen Truppen aus Arzach und dem Korridor zurückziehen, wenn Aserbaidschan dem Gebiet nach der Rückkehr der Flüchtlinge die seit den 1920er Jahren versprochene Volksabstimmung über seine Zukunft gewährt.

Die aserbaidschanische Staatsführung wollte bislang keinen der Kompromissvorschläge akzeptieren. Stattdessen zeigte sich Langzeitpräsident Ilham Aliyev im Juli so unzufrieden mit den Vorschlägen der Minsk-Gruppe, dass er die Gespräche abbrach und erneute Kampfhandlungen nicht mehr ausschloss (vgl. "Beendet die Quarantäne und beginnt einen Krieg!"). Nun will er den Krieg nach eigenen Angaben erst beenden, wenn er Aserbaidschan in den Grenzen von 1991 wiederhergestellt hat (vgl. Aserbaidschanische Armee stößt in den Korridor vor).

Armenisches Interesse am Beistandsfall

Ob er dabei direkte Hilfe aus Ankara erhält, ist unklar (vgl. "Mit allen Möglichkeiten an der Seite der aserbaidschanischen Geschwister"). Die armenische Staatsführung verlautbarte gestern, einer ihrer Suchoi Su-25-Kampfjets sei über dem armenischen Luftraum von einer türkischen F-16 abgeschossen worden. Ankara bestritt diesen Vorwurf umgehend.

Würde das NATO-Mitgliedsland über armenischem Territorium (und nicht über dem Korridor oder über Arzach) angreifen, dann müsste man sich in Moskau fragen, ob damit nicht ein Beistandsfall nach dem Vertrag von Taschkent eingetreten ist, dem der Organizatsiya Dogovora o Kollektivnoy Bezopasnosti (ODKB). Außer durch diesen Vertrag ist Russland Armenien auch noch durch einen Armeestützpunkt in Gyumri und durch eine Luftwaffenbasis in der Nähe von Eriwan verbunden. Beides spricht dagegen, dass die türkische Staatsführung tatsächlich so ein Risiko eingeht.

Wahrscheinlicher ist trotz eines Dementis der aserbaidschanischen Staatsführung, dass Dschihadisten aus dem syrischen Bürger- und Stellvertreterkrieg auf aserbaidschanischer Seite kämpfen, wie unter anderem der armenische Botschafter in Moskau geltend machte. Medienberichten nach soll die Türkei diesen Einsatz (ebenso wie den in Libyen) koordiniert und Angehörigen von Milizen wie Ahrar asch-Scham, Dschaisch al-Nukhba, al-Amshad und Sultan Murad monatlich zwischen 1.500 und 2.000 US-Dollar für ihren Einsatz im Kaukasus versprochen haben.

Gegensatz zu Christen sticht Gegensatz zu Schiiten

Beobachter, die das anzweifeln, werfen ein, es sei unwahrscheinlich, dass sich extremistische Sunniten, die in Syrien gegen Schiiten kämpften, nun auf Seiten schiitischer Aseris einsetzen lassen. Allerdings kämpften die Dschihadisten in Syrien eher gegen säkulare Sunniten, Christen und Alawiten (die zwar von vielen westlichen Medien zu den Schiiten gerechnet wurden, aber streng genommen keine sind). Die Schiiten, denen sie dort an der Front begegneten, waren fast ausschließlich Iraner, die Teheran geschickt hatte, um keinen Verbündeten zu verlieren.

In der Vergangenheit kämpften auswärtige Sunniten schon mehrmals auf Seiten der aserbaidschanischen Schiiten gegen die armenischen Christen. Zum Beispiel in der "Armee des Islam", die im September 1918 in Baku zehn- bis fünzigtausend Armenier ermordete, um ein vorangegangenes Massaker der armenischen "Roten Wachen" des Bolschewisten Stepan Schahumjan zu rächen.

Oder in Schuschi (türkisch: Şuşa), einer hoch gelegenen Stadt in Bergkarabach, von der aus die Aserbaidschaner die Arzach-Hauptstadt Stepanakert beschossen. Sie wurden dort von einer sunnitischen Tschetschenenmiliz unterstützt, die der berüchtigte Massenmörders Schamil Bassajew befehligte1 (vgl. Tschetschenischer Terroristenführer Bassajew ist tot). Am Massaker an Armeniern in Maraga am 10. April 1992, bei dem 45 Dorfbewohner enthauptet wurden, sollen ebenfalls Dschihadisten aus dem Nordkaukasus beteiligt gewesen sein. (Peter Mühlbauer)