Armut ist keine Ursache für den Terrorismus

Das geht zumindest aus einer wissenschaftlichen Untersuchung des Terrorismus im Nahen Osten hervor

Die Anschläge vom 11.9. haben wieder einmal vor Augen geführt, dass Terrorismus nicht direkt mit Armut zu tun hat. Zumindest die mutmaßlichen Täter stammten nicht aus den armen arabischen Schichten, und auch der vermeintliche Drahtzieher Bin Ladin sowie seine Gefolgsleute kommen aus der Mittel- und Oberschicht ihrer jeweiligen Herkunftsländer und sind oft Akademiker. Bin Ladin hat denn auch nicht den Kampf gegen Armut und Ausbeutung als Ziel seines Terrorkriegs genannt, sondern die Vertreibung der Amerikaner aus den arabischen Ländern und die Errichtung eines muslimischen Staates. Mit Wirtschaftshilfe alleine und der Schaffung von Bildungsmöglichkeiten wird sich daher auch die Neigung zum Terrorismus nicht ausrotten lassen.

Nach einem gerade veröffentlichten Bericht über den Terrorismus im Mittleren Osten spielen auch hier ökonomische Gründe keine direkte Rolle. "Jede Verbindung zwischen Armut, Ausbildung und Terrorismus ist indirekt und vermutlich nur schwach", verallgemeinern Alan Krueger von der Princeton University und Jitka Maleckova von der Universität Prag die Ergebnisse ihrer Untersuchung, die vom National Bureau of Economic Research in Cambridge, Mass., veröffentlicht wurde.

Eigentlich ist diese Aussage nicht weiter verwunderlich, denn auch die Terroristen der ersten Stunde im 19. Jahrhundert kamen keineswegs aus den armen Schichten, auch wenn sie ihren Kampf wie die Anarchisten durchaus mit der Befreiung des Volkes nicht nur von der Unterdrückung, sondern auch von Armut und Ausbeutung verbunden haben. Überdies wird wohl auch von kaum jemandem behauptet, dass einzig Armut und fehlende Ausbildung den Nährboden des Terrorismus darstellen, so dass der Terrorismus durch den wirtschaftlichen Wohlstand und bessere Ausbildung bekämpft werde könne.

Die Autoren des Berichts: "Education, Poverty, Political Violence and Terrorism: Is There a Causal Connection?" äußern jedoch die Befürchtung, dass eine Verknüpfung von Entwicklungshilfe an arme Länder mit der Hoffnung, dadurch dort den Terrorismus zu bekämpfen, gefährlich sein könnte. Schwindet die terroristische Bedrohung, so könnte ähnlich wie nach dem Kalten Krieg die Unterstützung zurückgehen, überdies wäre es eine Demütigung für die Menschen in Entwicklungsländern, wenn sie nur Gelder erhalten würden, damit sie keine Terroranschläge begehen. Und dann könnten nationale Gruppen auch noch auf die Idee kommen, Terroranschläge gerade aus dem Grund auszuführen, damit dem Land mehr Entwicklungshilfe zukommt. Ähnliches gilt für Bemühungen, den Menschen eine bessere Ausbildung zukommen zu lassen.

Tatsächlich mag in einer Politik, die sich wie die US-amerikanische derzeit vornehmlich auf den Kampf gegen den Terrorismus ausrichtet und auf diesen stützt, auch die Neigung vorherrschen, eine ursächliche Verbindung zwischen Armut und Terrorismus ziehen zu wollen - und entsprechend die Hilfsgelder und Wirtschaftshilfen zu verteilen. Vermutlich spielt dabei aber machtstrategisch weniger die Bekämpfung der Armut eine Rolle als die Unterstützung und Stabilisierung von Regimen gegen den Terrorismus. Spiegelverkehrt sind terroristische Gruppen wahrscheinlich auch weniger daran interessiert, ökonomische Ungleichheiten zu verringern, weil das eine langfristige und wenig spektakuläre Arbeit ist, als die Vorbereitung und Ausführung medienwirksamer Anschläge, mit denen ein Regime destabilisiert werden soll.

Gleichwohl kann der Bericht dazu dienen, ein insgeheim gehegtes Vorurteil über den "Nährboden" des Terrorismus auf einer empirischen Basis zu entkräften, auch wenn die Argumentation sich in aller Regel nur auf die Herkunft der Täter beschränkt. Schon eine Untersuchung aus dem Jahr 1983, die den Hintergrund von 350 Terroristen aus 18 revolutionären Gruppen wie der IRA, der RAF, den Roten Brigaden, der japanischen Roten Armee oder der kurdischen Volksbefreiungsarmee zwischen 1966 und 1976 eruierte, stellte fest, dass die meisten eine gute Ausbildung hatten. Zwei Drittel hatten einen Hochschulabschluss oder zumindest an einer Universität studiert. Ebensoviele sind aus der Mittel- oder Oberschicht ihres Landes gekommen.

Die Frage ist hier allerdings, ob sich denn tatsächlich Gruppen, die terroristische Handlungen begehen, deswegen auch schon wirklich sinnvoll unter einen Oberbegriff subsumieren lassen. So gab es zwar zwischen palästinensischen und europäischen Terrorgruppen Verbindungen, es ist aber schwer vorstellbar, wie solche Verbindungen etwa zwischen der ETA oder der IRA und al-Qaida aussehen würden. Die Gemeinsamkeit zwischen Gruppen, die terroristische Mittel wie Anschläge einsetzen, scheint denn auch weniger primär in der Beseitigung ökonomischer Ungleichheit zu bestehen, denn in dem Versuch, ein Gebiet oder eine Bevölkerungsgruppe aus einer Unterdrückung zu befreien und ihr Autonomie zu verschaffen. Fehlt eine solche territoriale, ethnische oder kulturelle/religiöse Verankerung, die einen Unterschied zwischen "denen" und "uns" setzt, dann überleben Terrorbewegungen in aller Regel nicht lange und bleiben klein und minoritär. Es dürfte einen erheblichen Unterschied machen, ob die Mehrheit der Bevölkerung einer Region hinter dem Terror wie derzeit im Nahmen Osten steht oder es sich nur um kleine, relativ isolierte Gruppe wie beispielsweise der RAF oder gar nur um Einzelne wie den Unabomber handelt.

Aber auch wenn die politisch motivierten Täter nicht aufgrund ihrer Armut kämpfen, wäre es denkbar, dass Menschen aus den oberen Schichten eines armen Landes mit terroristischen Mitteln die Situation der armen Bevölkerung zu verbessern suchen. Doch Terrorismus gab es als Phänomen auch in vielen Ländern, in denen kein Bürgerkrieg herrschte und die keine Entwicklungsländer waren oder sind. Allerdings scheinen Bürgerkriege selbst eher mit Armut zusammen zu hängen. Eine Untersuchung ergab, dass das Bruttosozialeinkommen pro Kopf umgekehrt mit dem Ausbruch von Bürgerkriegen korreliert ist. Analoges könne man bei der Kriminalität feststellen. So ist die Wahrscheinlichkeit zwar bei denjenigen höher, Eigentumsdelikte zu begehen, die wenig verdienen und eine geringe Bildung haben, aber bei Gewalttaten bis hin zum sei eine solche Verbindung normalerweise nicht festzustellen. Terroristen würden hier eher Gewalttätern gleichen. Auch das Begehen von rassistischen Gewalttaten ("Hassverbrechen") sei dem Terrorismus verwandt und habe wenig mit ökonomischen Gegebenheiten zu tun.

Interessanter als solche Verallgemeinerungen sind denn die Untersuchungen, die die Autoren selbst ausgeführt haben. So haben sie die Berufe, den Ausbildungsstand und die familiäre Situation von 129 Hisbollah-Kämpfern, die zwischen 1982 und 1994 durch Selbstmordanschläge oder bei Angriffen gestorben sind. Im Vergleich mit der Bevölkerung des Libanon kamen diese Hisbollah-Kämpfer mit geringerer Wahrscheinlichkeit aus armen Schichten und haben meist eine höhere Ausbildung durchlaufen. Die Meisten waren um die 20 Jahre, als sie starben. Bei einer Analyse von 27 jüdischen Terroristen, die in den frühen 80er Jahren Anschläge auf Palästinenser ausgeführt hatten, stellte sich gleichfalls heraus, dass diese Extremisten überwiegend aus wohlhabenden Schichten stammten und oft eine Universitätsabschluss besaßen.

Eine Analyse einer Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR), die im Dezember 2001 im Westjordanland und im Gazastreifen durchgeführt wurde, ergab, dass es keine großen Unterschiede zwischen Menschen mit höherer Bildung und aus reicheren Schichten zu den weniger gebildeten und ärmeren Menschen gab, was die Unterstützung terroristischer Anschläge und des bewaffneten Kampfs gegen Israel betrifft. Die Arbeitslosen waren sogar geringfügig eher gegen bewaffnete Angriffe auf israelische Ziele und Zivilisten als der Durchschnitt. Die Meisten betrachten auch Selbstmordanschläge nicht als Terrorismus und glauben, dass diese der palästinensischen Sache gedient hätten. Vor allem Studenten befürworten bewaffnete Angriffe.

Die Autoren haben weiter untersucht, ob es zwischen 1969 und 1996 einen Zusammenhang zwischen dem Bruttosozialprodukt im Westjordanland und im Gazastreifen und terroristischen Anschlägen in Israel gab. Dabei wurde das Wirtschaftswachstum in jedem Jahr mit der Zahl der Terroranschläge in dieser Zeit verbunden. Dabei stellte sich heraus, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang erkennen lässt, sondern die Zahl der Anschläge manchmal mit dem zunehmenden oder mit dem abnehmenden Wirtschaftswachstum zu- oder abnimmt. Allerdings sei die Datenmenge hier zu gering, um eine zuverlässige Aussage zu unterstützen.

Trotz aller Vorsicht gehen die Autoren aufgrund ihrer Ergebnisse und der Auswertung der Literatur davon aus, dass es vermutlich höchstens einen geringen direkten, kausalen Zusammenhang zwischen Armut und Ausbildung und der Neigung der Menschen zum Terrorismus gibt. Ohne andere Veränderungen sei kaum zu erwarten, dass die Bekämpfung der Armut und eine bessere Ausbildung die Attraktivität des Terrorismus geringer werden lässt. Im Gegenteil, die Autoren vermuten, dass Terrororganisationen wahrscheinlich eher, wenn der "Nachschub" wie etwa derzeit im Nahen Osten groß ist, gebildete Mitglieder aus der Mittelschicht vorziehen, weil sie auch für Selbstmordanschläge geeigneter sind. Und vor allem dann, wenn Terroristen in westlichen Ländern Anschläge begehen wollen, müssen sie in dieser Umgebung zurechtkommen, um erfolgreich zu sein. Und, so darf man weiter annehmen, auch die Organisation einer effektiven Gruppe, die Ausarbeitung einer langfristigen Strategie und die erfolgreiche Planung von Anschlägen sind vermutlich von Intellektuellen besser zu bewerkstelligen, die nicht für ihr Überleben schuften müssen.

Wenn aber Armut nicht wirklich die entscheidende Rolle spielt, was ist dann die Ursache? Die Autoren denken wohl zu recht, dass die Gründe tiefer reichen und daher auch schwieriger zu beseitigen sind. Natürlich fordern sie, dass Armut bekämpft werden muss und die Menschen eine bessere Bildung erhalten müssen. Aber das sollte man nicht mit Terrorbekämpfung verbinden. Die Neigung zum Terrorismus erwachse vielmehr aus verweigerten Anerkennungsverhältnissen, also auch aus zu geringer Aufmerksamkeit. Wenn Menschen sich ausgebeutet, missachtet und als minderwertig betrachtet fühlen, dann greifen sie mitunter auch zu aufmerksamkeitserzeugenden Mitteln wie dem Terrorismus. Als Fazit ihrer Studie verstehen die Autoren denn auch den Terrorismus als "Reaktion auf politische Bedingungen und lange anhaltenden Gefühlen der wirklichen oder so empfundenen Entwürdigung und Frustration, die wenig mit der Ökonomie zu tun haben."

Mit Gewalt, Krieg und Geld allein lässt sich eine solche Revolte daher nicht auflösen. Aber eine Supermacht, die den Anspruch hat, die gesamte Welt ins Land der angeblichen Freiheit mit ihren Werten und Strukturen zu führen, hat dann offenbar die denkbar schlechtesten Aussichten, den gegen sie gerichteten "internationalen Terrorismus" ausrotten zu können. Auch Propagandabüros werden nicht viel nutzen, wenn es um Anerkennung geht, was auch und zunächst heißt, den Anderen mit seiner Kritik ernst zu nehmen und ihm zuzuhören. Doch wenn nur verblendete Barbaren (Feiglinge, Parasiten, Böse, Schurken und was auch immer) gegen die "Zivilisation" und die "Achse des Guten" kämpfen, kann systematisch keine Anerkennung stattfinden und geht der "asymmetrische" Konflikt weiter. Allerdings dürften dei Gefühle der Frustration und der Entwürdigung auch viel mit den arabischen Gesellschaften zu tun haben, und die Feinde Israel und USA haben hier auch stets eine Ventilfunktion, die gleichzeitig bewirkt, dass sich nicht wirklich etwas verändert (woran denn auch die USA oft auch wieder ein Interesse haben) (Stillstand und Aussichtslosigkeit).

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