Arnold Schwarzenegger: Die Politik des Bodybuildings

Jörg Scheller über den Weg Arnold Schwarzeneggers von Austria nach America, vom (subkulturellen) Bodybuilder über den Moviestar zum Gouverneur von Kalifornien

Der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller hat sich intensiv mit dem Bodybuilder beschäftigt und über diesen das Buch "Arnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen" geschrieben. Für ihn hat Schwarzenegger seinen Aufstieg nur seinem Körper, der "zugleich Kunstwerk und Signatur seiner Willenskraft" ist, zu verdanken: "Einen ehemaligen professionellen Bodybuilder und damit einen Vertreter einer überwiegend belächelten Disziplin, der dazu noch demonstrativ mit seiner Vergangenheit hausieren geht, hat es in einem hohen politischen Amt noch nie gegeben."

Arnold ging von Austria nach America, um dort eine Bodybuilder-Karriere unter dem Patronat von Organizer Joe Weider zu starten. Bei der rein sportlichen Karriere blieb es jedoch nicht. Wie beeinflusste sein Bodybuildung den Werdegang als Schauspieler, Autor und schließlich Politiker?
Jörg Scheller: Das Bodybuilding ist die Grundlage seiner gesamten Karriere. Schwarzenegger übertrug das, was er im Bodybuilding gelernt hatte, ganz einfach auf alles, was danach kam: Ausdauer, Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstüberwindung, aber auch die Kunst des Posierens, der Inszenierung und des Sich-Verkaufens. Zudem verlieh ihm das Bodybuilding, da es bis Mitte der 1970er Jahre noch weitestgehend eine Subkultur war, die nötige street credibility für die Verkörperung des amerikanischen Traumes in postmodernen Zeiten. Schwarzenegger zeigte, dass es in den USA möglich war, vom Freak zum Mainstreamphänomen zu avancieren, ohne dass es deshalb eines Bruchs mit seiner Vergangenheit bedurft hätte.
Bis heute bekennt und identifiziert sich Schwarzenegger zum und mit dem Bodybuilding. Andere Action-Stars wie Bruce Willis können sich nicht auf eine derart ‚starke’ Vergangenheit berufen. Deshalb spielt Schwarzenegger auch in allen seinen Filmen eigentlich primär sich selbst. Sogar wenn er, wie in "Twins", als Superbrain auftritt, präsentiert er in mindestens einer Szene seinen Superbizeps. Es ist, als wolle er in solchen Momenten dem Eisen danken: Du erst hast all das ermöglicht!
Wäre die offensive Selbstvermarktung ohne Arnolds Fleischkapital möglich gewesen? Ist er eher Skulptur oder Cyborg?
Jörg Scheller: Sicherlich hätte es andere Optionen der Selbstvermarktung gegeben. Interessante am "Fleischkapital" Schwarzeneggers ist aber, dass es sich eben nicht um reines Fleisch handelt. Vielmehr hatte Schwarzenegger stets einen umfassend kulturalisierten, metikulös geformten, letztlich vergeistigten Körper. Damit war er anschlussfähig an die Kultur jenseits der Freakshows und wurde beispielsweise 1976 im Whitney Museum of American Art als lebendige Skulptur ausgestellt.
Dahingehend sehe ich in Schwarzenegger eher einen Nachfahren der tableaux vivants als einen Cyborg. Zu letzterem gehören artifizielle Körperextensionen oder -modifikationen, beispielsweise Implantate, die Schwarzenegger - abgesehen von einer künstlichen Hüfte und neuen Herzklappen - nicht vorzuweisen hat. Eine Maschine ist Schwarzenegger eher auf der mentalen Ebene. Er gab ja bereits vor seiner Terminator-Rolle in seiner Autobiographie an, sich selbst zu "programmieren". Zwar ist er eine hochgradig artifizielle Figur, doch zugleich repräsentiert er den Mythos des urigen, authentischen, ländlichen Alteuropas. Thal bei Graz und Los Angeles - dieses ungleiche Duo spiegelt sich in seiner Körperskulptur, welche die natürliche Muskulatur in ein übernatürliches Kunstwerk transformiert.
Wieviel Kontrolle über den eigenen Körper, aber auch über das unmittelbare wie auch soziale Umfeld ist für eine solche Karriere notwendig?
Jörg Scheller: Ein hohes Maß an Kontrolle. Aber auch ein hohes Maß an Wahnsinn. "Kontrollierter Wahnsinn" lautet die Zauberformel, ohne die Karrrieren wie diejenige von Schwarzenegger schwerlich vorstellbar sind. Die persönlichen pubertären Fantasien und Visionen zu rationalisieren, zu kanalisieren und zu vermarkten - das ist das Prinzip Schwarzenegger.
Dem entgegengesetzt: Spielen auch Kontingenz und Zufall bei Arnolds Vita eine Rolle? Als Poptheoretiker ist man leicht verführt, Arnies Modell exemplifizierend für postmoderne Entwicklungen zu vereinnahmen. Kann es auch sein, dass Arnies Leben durch eine große Portion Glück und Naivität die Wege ging, die es gegangen ist? Dasselbe frage ich mich auch bei Dieter Bohlen - im Rückblick können erfolgreich getroffene Entscheidungen stets als Willensarbeit bezeichnet werden. Der Mythos des Erfolgs kann ja ohne Inszenierung nicht entstehen.
Jörg Scheller: Schwarzeneggers Selbstdarstellung basiert auf folgendem Denkmuster: Ich beschloss, dass ich zu dem werden wollte, was ich heute bin, und dass ich heute das bin, was ich werden wollte, ist das Resultat dessen, dass ich es wollte. Fast alle seine - öffentlichen - Äußerungen lassen sich als Versuche der Kontingenz- und der Komplexitätsreduktion interpretieren.
Was die Naivität betrifft - nun, die benötigt jeder, um überhaupt morgens aufzustehen. Wahre Skeptiker bleiben liegen. Ausschlaggebend bei Schwarzenegger waren eher Skrupellosigkeit und Opportunismus. Er machte schlicht bei - fast - allem mit, was seinen Ruhm, seinen Erfolg und seine Macht zu mehren versprach, gab mal den Liberalen, mal den Konservativen, ließ sich in den 70ern für ein Schwulenmagazin fotografieren und war gleichzeitig als hyperheterosexueller Womanizer unterwegs. Anything goes!
Sie schreiben, dass Schwarzenegger Erfolg sei, dass er vor allem sich selbst vermarkte und seine vorgenommenen Ziele auch verwirkliche. In der Innenperspektive ist das sicher so zu sehen, denn Schwarzenegger könnte ohne ein hohes Selbstbewusstsein von sich selbst diese Erfolge nicht für sich verbuchen. Sobald aber die Außenwelt in Erscheinung tritt, kann Arnold trotz seines imposanten Äußeren und der zielgerichteten Rhetorik nicht die vollständige Kontrolle über das Image behalten. Wo findet das Scheitern in seinem Leben statt? Oder gibt es dieses tatsächlich nicht?
Jörg Scheller: Erreicht hat Schwarzenegger, nüchtern betrachtet, alles, was er sich vorgenommen hat. Er wurde der erfolgreichste Bodybuilder seiner Zeit, er wurde der bestbezahlte Schauspieler seiner Zeit, er wurde zweimal zum Gouverneur von Kalifornien gewählt. Punktuell ist er sicherlich hin und wieder gescheitert, doch im Großen und Ganzen nicht. Erst in den letzten Jahren ist seine Karriere ins Trudeln geraten, denn er bewegte sich zum ersten Mal nicht vorwärts, wie es sonst seine Art war, sondern zurück - zurück ins Filmgeschäft. Das hat bislang eher schlecht als recht funktioniert, widerspricht es doch dem Mythos Schwarzenegger auf fundamentale Weise: Wiederholungen sind nur im Training erlaubt.
Im Bodybuilding stößt man immer wieder auf Männer, die sich als Multitalente verstehen. Schwarzeneggers Mentoren in den USA - die Weider-Brüder - sind auch ein illustres Beispiel dafür. Hängt das mit der Formung des Körpers zusammen, das ohne ein gesteigertes Selbstbewusstsein nicht ginge?
Jörg Scheller: Das glaube ich nicht. Die wenigsten Bodybuilder sind derart komplexe Persönlichkeiten wie Schwarzenegger oder Ben Weider, der neben seiner Funktion als Präsident der International Federation of Bodybuilding and Fitness unter anderem Napoléon-Forscher war. Aktuell kommt mir unter den Top-Bodybuildern nur Kai Greene in den Sinn. Zur erfolgreichen Formung beziehungsweise Transformation des Körpers ist ein geringes Selbstwertgefühl eigentlich die bessere Ausgangsposition - ähnlich wie bei einem Musiker. Hat dieser bereits eine hohe Meinung von sich und von seinem Spiel, so wird er kaum auf die Idee kommen, beständig an sich zu arbeiten und sich zu perfektionieren. Wir sind auf unsere Minderwertigkeitsprobleme angewiesen, um unserem Leben Mehrwert zu geben.
Kulturhistorisch haben Sie in Ihrer ersten Monographie zum Bodybuildung dargestellt, wie nicht wenige Bodybuilder die Arbeit am eigenen Körper als eine ästhetische Fortführung griechischer Ästhetik und damit auch des Bildungsbürgertums verstehen. Bei Schwarzenegger hingegen fehlt trotz seines Sammlerinteresses an bildender Kunst dieser kulturstiftende Moment. Sicher, Arnold Schwarzeneggers Körper erinnert an mythische Vorbilder. Sein Lebensweg besteht u.a. aus einer Selbstmythisierung, die als Vorbild für ein Millionenpublikum dienen kann. Ist Schwarzenegger letztlich ein Praxis-Katalysator für hochkulturelles Wissen?
Jörg Scheller: Schwarzeneggers Aufstieg korreliert mit der Ablösung des Bildungsbürgertums durch das Konsumbürgertum. Dass Konsum aber auch bildend oder sinnstiftend sein kann, zeigten schon die ersten Kaufhäuser im 19. Jahrhundert, welche von Emile Zola als "Kathedralen" beschrieben wurden und nie gesehene Produkte und Stoffe präsentierten, also den Wissens- und Erfahrungshorizont der Besucher enorm erweiterten. In meinen Büchern geht es nicht zuletzt darum, aus welch komplexen und ambivalenten Quellen sich vordergründig banale und eindimensionale Phänomene speisen. In diesem Sinne sehe ich eine Parallele zwischen dem Hardcore-Bodybuilding und der radikalen Hochkultur puristischer Kunst: Der Körper eines Bodybuilders gleicht einem Gemälde des Abstrakten Expressionismus, das gerade deshalb zur Diskursbildung anregt, weil es so einseitig, so selbstreferenziell ist.
Ist denn durch Schwarzeneggers Erfolg das Bodybuilding dem subkulturellen Stigma entkommen? Werden starke Oberarme deutlich mehr akzeptiert als noch in den 1960ern?
Jörg Scheller: In den 70er und 80er Jahren war das Bodybuilding populärer und akzeptierter als heute, zunächst durch Filme wie Pumping Iron (1977), dann durch das Action-Kino in der Reagan-Thatcher-Ära. Heute hingegen ist Fitness und Functional Training angesagt, Bodybuilding ist wieder eine Subkultur, es gilt als zu radikal, als zu manisch.
Die künstlerische Ära des Bodybuildings ist vorüber, seine pathologische ist angebrochen. Wie so viele andere Phänomene wird Bodybuilding aufgrund seiner Exzentrik als psychosomatische Anomalie eingestuft - obwohl Abweichungen vom Normalzustand gerade in der postindustriellen Ökonomie vordergründig gefragt, ja begehrt sind - Be different! Think different! -, sind wirkliche Abweichungen ein Tabu.
Lässt sich Schwarzenegger in seiner Gestalt und dem Wirken reproduzieren? Es stellt sich die Frage, in welchem Medium und auf welche Weise reproduzieren. Wie ich Ihre Dissertation verstehe, ist ja die Person Schwarzeneggers das Epizentrum des Kults um ihn. Medial ist es aber nicht nur er als biologisches Wesen, sondern als vervielfältigte Mediengröße. Gibt es schon bekanntere Personen, die einem "Modell Arnie" gefolgt sind?
Jörg Scheller: Das Prinzip Schwarzenegger wird sicherlich ständig kopiert und versuchsweise reproduziert. Erfolgreich sind aber nur diejenigen, die nicht den Vorbildern blind folgen, sondern sie als Modelliermasse für eigene Existenzentwürfe nutzen.
Um nochmals auf die Politik Schwarzeneggers zurückzukommen: als self-made man verkörpert (!) Arnold den American dream. Statt sich durch übertriebene Parteidisziplin oder ein Fachgebiet als Gouverneur zu empfehlen, vertraut Schwarzenegger auf den common sense, den er selbst verinnerlicht hat. Er geht davon aus, dass seine eigene Meinung die der Vielen ist: die Superlative als Ideal einer möglichst großen Menschenmasse. Er schätzt den Konsum von Luxusgütern, zugleich engagiert er sich für den Klimaschutz in Kalifornien. Gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften zeigt er sich tolerant, tritt aber für die Anwendung der Todesstrafe ein. Gehören alle diese Meinungen zum amerikanischen Traum und nimmt er sie deshalb an?
Jörg Scheller: Diese scheinbar inkommensurablen Positionen spiegeln schlicht den Geist der liberalen Demokratie: leben und leben lassen. Im persönlichen Gespräch hat Schwarzenegger mir versichert, dass er im Kern ein Konservativer sei. Doch es ist ihm bewusst, dass seine persönlichen Überzeugungen nicht die Überzeugungen aller sind. Er versucht nicht, sie einer zunehmend hybriden Umwelt aufzuzwängen, allenfalls wirbt er punktuell für sie. Also muss man reden, muss man Kompromisse finden. Deshalb hat Schwarzenegger an der University of Southern California ein Institut gegründet, das "bipartisan politics" gewidmet ist.
Einerseits sind mir seine Geschmeidigkeit und sein Opportunismus unheimlich, andererseits muss ich heute anerkennen, dass Schwarzenegger längst nicht so radikal ist, wie man in den 1980er Jahren, seiner Action-Hero-Phase, befürchten musste. Man darf wohl froh sein, dass ein Mann mit seinem Machthunger in der liberalen Popkultur und nicht, wie beispielsweise Wladimir Putin, unter Geheimdienstlern und Politikern aufgewachsen ist.
Die Filme, in denen Schwarzenegger eine Hauptrolle übernahm, trugen zu seinem Celebrity-Status bei. Sicher haben sie das Image des tatkräftigen Mannes in die Köpfe vieler Zuschauer getragen. Sie sprechen von einer postdemokratischen Entwicklung, losgelöst von ideologischen Gemeinplätzen in der Politik. Die Person gilt als Garant für politische Umsetzung. Dabei bewegt sich Schwarzenegger auch außerhalb der Community, allein schon durch seinen Body. In Bezug auf die Terminator-Filme nennen Sie Donna Haraways "Cyborg Manifesto". Schwarzenegger bezieht sich in seinem öffentlichen Bild auf eine traditionelle Geschlechterrolle und zugleich auf die posthumanistische Überwindung der Tradition. Er vermischt Leben und Film für die eigene Sache, im Sinne von: Ein Terminator kann auch im real-life die Probleme lösen. Mit Baudrillard gesprochen: die Wirklichkeit geht in der Simulation auf. Arnold S. als interaktives Videogame. Ist eine solche alles in sich vereinigende und damit immer ein Stück weit virtuell bleibende Persönlichkeit nicht auch eine Projektionsfläche für Alles und Nichts? (Dies ohne Wertung gefragt.)
Jörg Scheller: Absolut. Das erklärt für mich den zielgruppenübergreifenden Erfolg Schwarzeneggers. Einerseits wirkt er übermenschlich und nachgerade posthuman, andererseits ist er der nette Steirerbub von nebenan. Jeder bastelt sich seinen eigenen Arnold. Die einen bevorzugen Arnie als den schwangeren Mann aus Junior, die anderen den arroganten Muskelmacho, manche schätzen an ihm den liebenden Familienvater, wieder andere feiern seine reaktionäre Gefängnispolitik als Gouverneur. Als Identifikationsfigur taugt Schwarzenegger dahingehend eigentlich nicht. Identifikation setzt eine bipolare Struktur voraus, ein Eigenes und ein Anderes, ein Echtes und ein Falsches.
Bei Schwarzenegger verschwimmt alles. Wer sich mit Schwarzenegger identifiziert, der in-dentifiziert sich in Wahrheit, um es mit einem Neologismus auszudrücken. Jenseits der Semantik ist Schwarzenegger pure Performance - weiter, besser, mehr, höher, schneller, größer, und immer so weiter. Abgesehen von seinem, so meine ich, aufrichtigen Bekenntnis zur liberalen Demokratie und zum Pluralismus - allerdings in ihrer autoritären und meritokratischen Variante.
Den Körper Arnolds erreicht man nur durch hartnäckiges Training und Askese. Ist er also doch eher ein Zen-Mönch als ein kapitalistischer Hedonist? Hält der Bodybuilder den strengen Trainingsplan nicht ein, wird er Kompromisse mit seinem Körper schließen müssen.
Jörg Scheller: Ganz klar: Schwarzenegger ist ein kapitalistischer Zen-Hedonist!
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