As-Suchna: Meinungsverschiedenheiten zwischen Syrien und Russland?

Antike Ruinen in der Nähe von as-Suchna. Foto: James Gordon from Los Angeles, California, USA. Lizenz: CC BY 2.0

Türkische Truppen rücken in syrischem Kurdengebiet vor

As-Suchna (übersetzt: "die Heiße") ist eine syrische Kleinstadt, die in der Wüste zwischen Palmyra und dem Ölförderzentrum Deir ez-Zor liegt. Diese Provinzhauptstadt mit knapp 300.000 Einwohnern ist seit Jahren von der Terrororganisation IS eingeschlossen, wird aber zur Hälfte von Regierungstruppen kontrolliert, die man aus der Luft versorgt. Nun will sich die Regierung mit der Eroberung von As-Suchna einen Landversorgungsweg nach Deir ez-Zor bahnen und wieder an die Ölvorkommen kommen, die dort lagern. Al-Masdar nach hat die vom 5. Korps und der 18. Panzerdivision angeführte Armee das vom IS kontrolliere Beduinenzentrum von den umliegenden Bergen aus zusammen mit der örtlichen Miliz "Freiheitsfalken" eingekesselt und beschießt es mit Artillerie und Raketen. Allerdings scheint die bereits am Donnerstag angekündigte Eroberung der Stadt noch nicht gelungen zu sein.

Während russische Medien über militärische Operationen der syrischen Armee und ihrer Verbündeten sonst eher in einem optimistischen Tonfall berichten, zitiert das Portal Sputniknews zur as-Suchna-Offensive überraschend Experten, die warnen, dass die Regierungstruppen den Dschihadisten zahlenmäßig im Verhältnis eins zu drei unterlegen seien, weshalb ein "selbständiges Stürmen" der Stadt "eine kaum lösbare Aufgabe" wäre. Außerdem könne es zu "Störaktionen im Rücken der Regierungstruppen" kommen, weil der IS seinen Kämpfern die "Diversionen" lehre: "So graben sich kleine Grüppchen von drei, vier Mann in der Wüste ein und verüben dann Terroranschläge im rückwärtigen Armeegebiet."

Schwer einschätzbar

Was der Hintergrund solcher Warnungen ist, lässt sich derzeit schwer ausmachen. In jedem Fall deuten sie darauf hin, dass es entweder Meinungsverschiedenheiten zwischen der syrischen Armee und ihren russischen Militärhelfern gibt - oder dass man den IS glauben lassen will, es gäbe solche Meinungsverschiedenheiten, um ihn in eine Falle zu locken. So könnte man ihm beispielsweise suggerieren, die syrische Armee nähere sich Deir ez-Zor vom Südosten her, während sie in Wirklichkeit vielleicht vom Nordosten her vorstößt und dem Euphrat folgt.

Oder ist die kurdisch dominierte und amerikanisch unterstützte SDF, die gerade dabei ist, ar-Raqqa, die de-Facto-Hauptstadt des IS, zu erobern, Ziel solch einer Täuschung? Das ist insofern wenig wahrscheinlich, als die syrische Armee im Westen von Madaan bereits viel näher an ar-Raqqa heranrückte, als die etwa 160 Kilometer südlich davon gelegene IS-Stadt entfernt ist.

Liegt keine Täuschung vor, und es gibt tatsächlich Meinungsverschiedenheiten zwischen Syrien und Russland, dann könnten diese an unterschiedlichen Vorstellungen über die richtige Beendigung des Bürger- und Stellvertreterkrieges liegen: Will die syrische Regierung vielleicht vor allem verhindern, dass sich im Nordosten des Landes eine kurdisch dominierte und amerikanisch gestützte Gegenregierung etabliert, die große Teile der Öl- und Gasvorräte kontrolliert und sich wie ein territorialer Sperrriegel zwischen Damaskus, Bagdad und Teheran schiebt?

Halten es die russischen Streitkräfte im Lande eventuell für sinnvoller, erst das westliche Hinterland von Dschihadistennestern zu säubern, die es dort immer noch in großer Zahl gibt? Nicht nur in der fast komplett von der al-Qaida-Filiale Fatah asch-Scham beherrschten Provinz Idlib, sondern auch nördlich von Homs, in zwei Regionen der Provinz Damaskus und im Süden des Landes, an den Grenzen zu Israel und Jordanien. Dort soll allerdings ein Waffenstillstand gelten, den der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump beim G20-Gipfel in Hamburg beschloss. Möglicherweise richtet sich eine Täuschung über Meinungsverschiedenheiten zu as-Suchna auch an die Dschihadisten dort, damit sie sich in falscher Sicherheit wiegen.

Türkei vergrößert Sperrriegel zwischen Kurdenkantonen

Leichter entschlüsselbar sind die Motive des Einmarschs türkischer Truppen in die Dörfer Bobene und Sifteke im Westen des von Kurdenmilizen ausgerufenen Kantons Kobanê, den am Sonntag die kurdische Propagandaagentur ANHA meldete. Damit baut die türkische Armee ihren Sperrriegel aus, der eine Vereinigung des Kantons Afrin mit Kobanê und Cizîrê verhindert. Kurz vorher hatte die ebenfalls kurdische Agentur Hawarr verkündet, man wolle in der gesamten international nicht anerkannten Region "Rojava" wählen lassen. Die PKK-nahe Kurdenmiliz YPG drohte den türkischen Truppen inzwischen mit "Reaktionen", wenn sie die beiden Dörfer nicht wieder räumen. (Peter Mühlbauer)