Aserbaidschanische Armee stößt in den Korridor vor

Während die Armenier Anfang der 1990er Jahre einen Korridor zwischen Armenien und Arzach besetzen konnten, sicherte sich Aserbaidschan im Norden und Westen der ehemaligen Autonomen Region Bergkarabach ein Drittel des Rayons Schahumjan und kleinere Teile der Rayons Martakert und Martuni. Karte: VartanM

Rückeroberung Stück für Stück?

Die Armee Aserbaidschans hat den Armeniern ihren eigenen Angaben nach am Sonntag sieben Dörfer abgenommen und gestern Gelände in der Umgebung der Ortschaft Waranda erobert, die auf Türkisch Füzuli heißt. Füzuli liegt im Süden des Korridors zwischen Armenien und Arzach, der ehemaligen Autonomen Region Bergkarabach.

Dieser Korridor gehörte nicht zu Bergkarabach, wurde aber 1993 von Truppen aus Armenien und Arzach besetzt, um eine Landverbindung zwischen den beiden Gebieten herzustellen. Außer etwa einem Fünftel von Füzuli gehören dazu unter anderem die Rayons Zengilan (Kowsakan), Kelbecer (Kelbajar), Laçın (Laçîn / Berdsor) und Qubadlı (Qûbadlî / Kashunik). Sie bildeten in den 1920er Jahren die autonome sowjetische Kurdenregion Kurdistana Sor, in der Kurmandschi Amtssprache war. In den 1930er Jahren setzte dort eine Aserbaidschanisierungspolitik ein, in deren Rahmen Kurden teilweise nach Zentralasien umgesiedelt wurden.

Massaker und Vertreibungen

Der gestrige Gebietsgewinn ist nicht der erste, den die aserbaidschanische Armee in den letzten Jahren machte: 2016 eroberte sie Dorf Çocuq Mercanlı zurück und verschaffte sich Zugang zum Berg Lele Tepe. Zwei Jahre darauf rückte sie in die Ortschaft Günnüt in der neutralen Zone in Nachitschewan ein. Von dort aus kann sie mit Artilleriebeschuss die Verbindungsstraße zwischen der armenischen Hauptstadt Eriwan und der Arzach-Hauptstadt Stepanakert unterbrechen.

Nachitschewan ist eine von Armenien, dem Iran und der Türkei umschlossene aserbaidschanische Exklave. Anders als bei der armenischen Exklave Bergkarabach entschied man in ihrem Fall in den 1920er Jahren, dass sie auch ohne Landverbindung zu Aserbaidschan gehören sollte. In den Jahrzehnten danach sank der Anteil der Armenier dort von etwa einem Drittel auf unter ein Prozent.

Auch anderswo separierten sich Armenier und Aseris - oder wurden separiert. Die Korridorortschaft Ağdam (Akna), in der 1989 etwa Aserbaidschaner lebten, besteht deshalb heute nur mehr aus einigen hundert Armeniern. Dass fast alle Aseri-Türken aus den von Armeniern kontrollierten Gebieten flohen, hängt auch damit zusammen, dass sie Vergeltungstaten befürchteten. Nicht nur wegen des Völkermords der Türken an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, sondern auch wegen mehrerer Massaker und Vertreibungen außerhalb des Osmanischen Reichs:

Im September 1918 etwa brachte die "Armee des Islam" in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku zehn- bis fünzigtausend Armenier um. Augenzeugenberichten nach wurden dabei auch Kindern massenhaft die Kehlen durchgeschnitten. Ein halbes Jahr vorher hatten die armenischen "Roten Wachen" des Bolschewisten Stepan Schahumjan, die Baku damals kontrollierten, über 8.000 Aseris ermordet. Schahumjan hatte dazu am 13. April 1918 an das Zentralkomitee der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik geschrieben: "Der Entwicklung des von uns geplanten Bürgerkrieges müssten wir einen nationalen Charakter geben […]. Wir spielten bewusst mit dem nationalen Charakter, um unsere Ziele zu erreichen."

Impulskontrolle oder Hingabe an den Rausch militärischer Erfolge?

Inzwischen über ein Vierteljahrhundert andauernde Versuche, den Bergkarabachkonflikt diplomatisch zu lösen, scheiterten bislang vor allem an einer mangelnden Bereitschaft Bakus, Kompromisse zu akzeptieren. Hintergrund dieser kompromisslosen Haltung könnte sein, dass die Staatsführung des Landes die Zeit für sich arbeiten sieht: Mit seinen reichlichen Öleinnahmen kann es sich einen Militäretat leisten, der so groß ist wie der gesamte armenische Staatshaushalt. Diese finanzielle Überlegenheit scheint sich nun auch an der Front auszuzahlen, wo die Armenier in den letzten Tagen vier Panzer verloren.

Ob die Aserbaidschaner dabei auf verdeckte personelle Hilfe aus der Türkei angewiesen waren, die die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete (und die man in Baku bestreitet), ist ebenso offen wie das weitere Vorgehen. Will das Land wirtschaftliche Schäden vermeiden, könnte es den Korridor und Bergkarabach Stück für Stück erobern und alle paar Jahre wieder ein paar Dörfer und Anhöhen einnehmen. Hat seine Staatsführung weniger Impulskontrolle, könnte sie sich im Rausch militärischer Erfolge auch zu einer schnelleren Ausdehnung hinreißen lassen.

Dann drohen eventuell Sanktionen. Weniger durch die EU, die Bergkarabach trotz der Volksabstimmung von 1991 (die einem sowjetischen Kompromiss aus den 1920er Jahren nach über die endgültige Zugehörigkeit des Gebiets entscheiden sollte) als Teil Aserbaidschans einstuft, als durch die USA, die Arzach zwar nicht offiziell anerkannt haben, aber Entwicklungkredite gewährten. Die Parlamente einer Reihe von amerikanischen Bundesstaaten haben außerdem Resolutionen verabschiedet, in denen der US-Präsident aufgefordert wird, die Unabhängigkeit des armenischen Landes anzuerkennen. (Peter Mühlbauer)