Astronomen haben jetzt insgesamt 100 exoplanetare Exoten aus dem kosmischen Ozean gefischt

Genfer Planetenjäger spüren acht neue Exoplaneten und einen extrasolaren Jupiter auf

Die erste magische Grenze ist erreicht: Summa summarum 100 extrasolare Planeten sind den Planetenfischern bis heute in die Fangnetze gegangen. Noch scheiden diese als potenzielle Lebensträger aus, da sie für die Entwicklung von Leben schlichtweg zu groß, zu heiß, zu nah, zu weit entfernt vom Zentralstern sind.

Bilder: NASA

Immerhin hat letzte Woche das Planet Search Team unter der Leitung von Geoffrey Marcy und Paul Butler gleich 14 neue ferne Welten und zudem einen jupiterähnlichen Exoplaneten entdeckt (Vgl. Planetensystem entdeckt, das unserem Sonnensystem ähnelt). Jetzt meldet sich das Schweizer Team zu Wort. Angeführt von dem Planetenjäger-Guru Michel Mayor spürte es mindestens acht neue Exoplaneten auf. Darunter ist erneut ein jupiterähnlicher Planet, der nicht nur den richtigen Abstand zum Heimatstern hat, sondern denselbigen sogar in einer kreisförmigen Umlaufbahn umkurvt

Es ist schon frappierend, aber offensichtlich eine literaturhistorisch fundierte Tatsache. Zwischen der griechischen Antike und dem Jahr 1917 wurden nach Schätzung des US-Historikers Michael J. Crowe zu dem Sujet "Leben im All" 170 Bücher geschrieben. Zumindest der weltweit bekannte Planetenjäger Geoffrey W. Marcy weiß diese Entwicklung zu würdigen.

Von Aristoteles bis Kant haben sich die klügsten Männer den Kopf zerbrochen, ob in unserem Universum andere Erden und andere Lebensformen existieren. Und jetzt stehen wir kurz davor, endlich dieses jahrtausendalte Geheimnis zu lüften.

Dabei dürfte Prof. Marcy von der University of California selbst zu den klügsten Köpfen seines Genres zählen. Seitdem Michel Mayor und Didier Queloz vom Genfer Observatorium Ende 1995 bei dem Stern 51 Pegasi b den ersten extrasolaren Planeten einer noch nicht erloschenen Sonne entdeckten, liefern sich Marcy und sein Kollege Paul Butler vom Carnegie Institut in Washington mit den beiden Schweizern ein regelrechtes Kopf-an-Kopf-Rennen. Es ist ein Wettlauf, bei dem sich beide Forschergruppen in punkto Neuentdeckungen gegenseitig überbieten, wohl wissend, dass es völlig offen ist, welches Team auf der Jagd nach einem erdähnlichen Planeten den längeren Atem hat und als erstes die Ziellinie durchläuft.

Bei ihrem 15 Jahre währenden Dauerlauf haben sich die beiden US-Forscher vom California & Carnegie Planet Search einen beachtlichen Vorsprung erarbeitet, entdeckten sie doch bislang nicht nur die meisten extrasolaren Planeten, sondern vor kurzem erstmals 15 neue Planeten auf einen Schlag, worunter sich ein Planetensystem befindet, das eine deutliche Verwandtschaft mit unserem erkennen lässt. "Man könnte sagen, es handelt sich um einen ersten Cousin unseres Sonnensystems", sagte Paul Butler letzte Woche während einer NASA-Pressekonferenz im Hauptquartier der US-Raumfahrtbehörde in Washington. Mit einem Alter von ungefähr fünf Milliarden Jahre hat das fremde Solarsystem tatsächlich ähnlich viele Jahre auf dem astralen Buckel wie das unsrige. Und der dort vagabundierende jupiterähnliche Sterntrabant umkreist sein Muttergestirn in fast gleicher Entfernung wie Jupiter die Sonne. "Es erinnert uns an unsere Heimat", so die Forscher über das 41 Lichtjahre von der Erde entfernte im Sternbild Krebs gelegene fremde Solarsystem, mit dem sie bereits bestens vertraut sind, spürten sie doch bereits 1996 in dieser Region einen Planeten auf, der masseärmer als Jupiter ist und 55 Cancri in einer Distanz von nur zirka nur 15 Millionen Kilometer alle 14,6 Tage umrundet.

Nunmehr hat das Schweizer Team gekontert und auf einer Pressekonferenz anlässlich des viertägigen Meetings "Scientific Frontiers in Research on Extrasolar Planets" (18. bis 21. Juni 2002 im Carnegie Institut in Washington, D.C. in Gegenwart der internationalen Planetenjäger-Elite die Neuentdeckung von 12 Exoplaneten vermeldet, wovon acht als bis dato unbekannt bestätigt werden konnten. Fünf Sterntrabanten wurden mit dem ELODIE-Spektographen des 1.93-Meter-Teleskops des Observatoire Haute-Provence in Südost-Frankreich, die anderen drei mit dem CORALIE-Spektrographen des 1.2-Meter-Euler-Teleskops in La Silla, Chile detektiert. Somit erreicht der Exoplaneten-Katalog fast die magische Hunderter-Grenze.

Wie die Astronomen Didier Queloz und Michel Mayor von den Geneva Extrasolar Planet Search Programmes ferner berichteten, spürten sie während der Observation auch einen jupiterähnlichen Planeten auf, dessen Bahn im Gegensatz zu dem von Marcy und Butler kürzlich entdeckten Riesenplaneten noch deutlicher der unseres Jupiter gleicht. Auch wenn der neue Exoplanet ebenfalls wie alle anderen zuvor nachgewiesenen fernen Welten nur eine lebensfeindliche Gaskugel ist und die fast selbe Masse wie Jupiter aufweist, umkreist er gleichwohl HD190360A, seinen Heimatstern Gliese 777A, auf einer kreisförmigen Umlaufbahn. Genau dies ist aber für die Entstehung eines stabilen Planetensystems und damit für die Bildung erdähnlicher Planeten von elementarer Wichtigkeit. "Die ersten Planeten, die wir bei anderen Sternen entdeckt haben, waren jene mit kurzen Umlaufzeiten - einfach, weil sie am leichtesten nachzuweisen sind", erläutert Didier Queloz. "Erst jetzt sind wir langsam in der Lage, auch Planetensysteme, die unserem eigenen gleichen, zu beobachten".

Dass das US-Forscherduo überhaupt das verräterische periodische Wackeln des 52 Lichtjahre entfernten Sterns, das die Gravitation des stellaren Begleiters verursachte, deutlich registrierte, ist auf das hochoptimierte astronomische Instrumentarium zurückzuführen. Dank der daraus resultierenden Sensibilität konnte der gravitationsbedingte Tanz des Muttergestirns metergenau erfasst und der Riesenplanet, der alle sieben Jahre in der 3,65-fachen Entfernung (548 Millionen Kilometer; Abstand Jupiter-Sonne: 780 Millionen Kilometer) der Erde von der Sonne sein Zentralgestirn umkreist, lokalisiert werden.

Aufgrund dieser Konstellation glauben die Schweizer Forscher, dass die Wahrscheinlichkeit von extrasolaren, eventuell sogar lebensfreundlichen, erdgroßen Planeten im Gliesesystem höher ist, als im Cancri-System. "In der inneren Region ist Platz für erdähnliche Planeten", sagt Stephane Udry, der ebenfalls dem Genfer Team angehört.

Dass derzeit über die genaue Anzahl der detektierten Exoplaneten Uneinigkeit herrscht, hängt damit zusammen, dass vier der nunmehr zwölf vorgestellten Neuentdeckungen auch das US-Team unter der Leitung von Geoffrey Marcy fast zeitgleich aufgespürt hat. Bei einigen anderen herrscht noch Unsicherheit. Für diese Irritation ist gleichwohl noch ein anderer, völlig profaner Grund verantwortlich, wie der Nestor der Planetenjäger Michel Mayor (Vgl.Auf der Jagd nach extrasolaren Planeten) zu berichten weiß: "Die angegebene Zahl ist oft auch Ausdruck einer Strategie - um zum Beispiel finanzielle Unterstützung zu bekommen." (Harald Zaun)

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