Atom- oder Windkraft?

Die Energie- und Klimawochenschau: Unionspolitiker fordern längere Laufzeiten für Atomkraftwerke

Hoch her geht es seit einigen Tagen in der Berliner großen Koalition. Die einen wollen die Atomkraft zum Heilmittel gegen den hohen Ölpreis erklären und das Ausstiegsgesetz kassieren, die anderen erklären den Partner zur "Atomsekte". So die Charakterisierung, die der SPD-Generalsekretär für die CDU fand, nach dem diese eine Verlängerung der Restlaufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke geforderte hatte.

Zankapfel ist das "Gesetz zur geordneten Beendigung der Kernenergienutzung zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität", das im April 2002 in Kraft getreten war. In dem waren seinerzeit für jedes einzelne Atomkraftwerk Reststrommengen festgelegt worden. Beim gegenwärtigen Stand wären Biblis A und Neckaarwestheim die nächsten Kandidaten, die ihr Soll erfüllt hätten und beide in etwa 400 Tagen vom Netz gehen müsste.

Eventuell können sich die Betreiber damit, wenn es zwischenzeitlich weiteren Stillstand geben sollte, noch in die nächste Legislaturperiode hinüber retten - in der Hoffnung, dass dann eine schwarz-gelbe Bundestagsmehrheit den Atomausstieg kippt. Für das AKW Brunsbüttel mit seiner Pannenserie wird das. wie berichtet, wohl auf jeden Fall gelten.

Standorte der noch nicht abgeschalteten AKW. Grafik: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie

Offensichtlich wollen CDU und CSU schon einmal den Bundestagswahlkampf einläuten. Zuletzt hatte am Montag im Deutschlandfunk Katherina Reiche, die stellvertretende Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag, den Atomkurs ihrer Partei verteidigt. Kernkraft sei CO2-frei. Außerdem trage sie heute 30 Prozent zur Stromproduktion bei und sei daher nicht so leicht zu ersetzen.

Tatsächlich betrug der Anteil der Atomkraftwerke, unter anderem aufgrund verschiedener Stillstände, 2007 nur 22,1 Prozent, wie aus den Zahlen des Bundesverbandes der deutschen Industrie hervorgeht. Allerdings haben die Kraftwerksbetreiber ein erhebliches Interesse daran, diesen Anteil möglichst lange zu halten, denn mit den älteren, bereits abgeschriebenen AKWs lassen sich pro Anlage mehrere 100 Millionen Euro im Jahr verdienen. Deshalb halten sie auch gar nichts vom Vorschlag des Bundesumweltministers, die Reststrommengen der alten Pannenreaktoren auf neuere Kraftwerke zu übertragen.

Auftrieb könnte der atomfreundliche Kurs der Union auch durch die Politik einiger Nachbarländer bekommen. So betätigt sich Frankreichs Präsident Sarkozy intensiv als Handlungsreisender in Sachen Atomkraft, vornehmlich in Nahost, wohl wissend, dass die zivile Nutzung der Atomenergie auch immer der notwendige erste Schritt für ihre militärische Anwendung ist. Sein letzter Kunde heißt Jordanien, wo französische Konzerne Uranerz abbauen und einen Reaktor errichten wollen. Am Wochenende unterschrieben auch die britische und die kanadische Regierung Vorverträge für eine nukleare Zusammenarbeit mit Amman. In Teheran wird man derlei sicherlich mit Interesse verfolgen und in Tel Aviv nicht minder.

Derweil will Großbritanniens Premierminister Gordon Brown auch daheim neue AKW in die Landschaft setzen. Ohne seien die Klimaschutzziele angeblich nicht zu erreichen. Sein gleichzeitig angekündigtes Windenergieprogramm wurde von konservativen Kräften allerdings als zu ehrgeizig und kaum umsetzbar angegriffen. Es liefe darauf hinaus, dass bis 2020 fast täglich ein neues Windrad errichtet werden müsse. Das sei nicht zu schaffen, da es an Fertigungskapazitäten fehle. In Deutschland sind hingegen 2007 883 Anlagen installiert worden, immerhin 2,4 pro Tag. Die neuen Windräder hatten übrigens eine Nennleistung von 1632 Megawatt (MW), womit in etwa ein AKW wie Brunsbüttel ersetzt werden kann, das eine Leistung von 770 MW hat, aber besser ausgelastet ist, wenn es nicht gerade wegen der einen oder anderen Panne stillsteht.

Wind wäre schneller, aber was ist mit den Kosten?

Das erste neue Atomkraftwerk soll in Großbritannien hingegen frühestens 2018 ans Netz gehen. Bis dahin könnten, wenn es im hiesigen – nicht mehr besonders schnellen – Tempo voranginge, knapp 9000 Windanlagen mit einer Nennleistung von rund 16.000 MW stehen. Die könnten in etwa so viel Strom liefern, wie fünf der neuen Europäischen Druckwasserreaktoren (EPR), die der französische Atomkonzern Areva entwickelt hat. Diese Rechnung ist allerdings nur sehr grob, denn die meisten britischen Kapazitäten sollen vor den Küsten entstehen, wo die Windräder eher größer sein werden. Soll heißen, es könnten auch, wenn der Sache der entsprechende Nachdruck gegeben würde, noch größere Kapazitäten entstehen.

Auch die Kosten sprechen nicht so zwingend für die Atomkraft, wie ihre Befürworter gerne glauben machen wollen. Atomstrom ist in Deutschland nur deshalb so billig, weil viele Anlagen längst abgeschrieben sind und weil viele Kosten, wie etwa die politischen Kosten der Atommülltransporte, der Allgemeinheit aufgeladen werden können. Bei den Baukosten schneiden Atom- und Windkraft hingegen in etwa gleich ab.

Ein Windrad kostet derzeit etwa eine Million Euro pro MW, was einer Milliarde pro Gigawatt (GW) entspricht. Frankreichs AKW-Bauer Areva will seine EPR-Reaktoren für 2,5 bis fünf Milliarden Euro das Stück verkaufen, was bei einer Leistung von 1,6 GW 1,56 bis 3,125 Milliarden Euro pro GW entspricht. Nun muss man allerdings die Leistung der AKWs doppelt bis dreifach rechnen, da sie wesentlich weniger Stillstand als die Windanlagen haben. Unterm Strich gibt es also, wenn Areva seine Preisvorstellungen einhalten kann, bei den Baukosten einen kleinen Kostenvorteil für die Atomkraftwerke. Rechnet man allerdings die Kosten für Brennstoffbeschaffung und -entsorgung hinzu, wird dieser sicherlich deutlich schrumpfen oder sich gar auflösen.

Mit dem Bau der Offshore-Windparks kann sich die Kostenrelation noch einmal verschieben: Einerseits ist vor den Küsten wegen stärkerer Winde der Energieertrag deutlich größer, andererseits sind die Bau- und vermutlich auch die Betriebskosten höher.

Der dänische Nordsee-Windpark Horns Rev umfasst 80 Anlagen. Bild: Horns Rev

Anstoß für Offshore-Windparks

Derweil scheint es in Deutschland mit der Errichtung von Offshore-Windparks endlich voranzugehen. Während dieser Tage gerade in Bremerhaven die vierte internationale Offshore-Konferenz tagt, gab es bereits Mitte Juni die letzte Trockenübung für den ersten deutschen Offshore-Windpark, der unter der Bezeichnung alpha ventus ab dem Herbst vor der ostfriesischen Insel Borkum entstehen soll. Bauherren werden EWE, E.on und Vattenfall sein.

In Bremerhaven hatte vor zwei Wochen der Anlagenhersteller Multibrid, eine Areva-Tochter, zwei weitere seiner neu entwickelten 5-MW-Windräder errichtet, die auch vor Borkum zum Einsatz kommen sollen. Binnen drei Tagen waren die Anlagen mit einer Nabenhöhe von 130 Metern installiert. Allerdings bewegt man sich auf festem Boden. Ob die Montage auch auf See so reibungslos geht, muss sich noch zeigen. Der Herbst ist jedenfalls auf See nicht gerade eine Garantie für ideale Bedingungen.

Wie dem auch sei, Multibrid-Geschäftsführer Martin Lehnhoff sieht mit den beiden neuen Anlagen den "Einstieg in die Serienproduktion der M5000 erfolgreich geschafft. Als nächstes stehen die sechs Anlagen für den ersten deutschen Offshore-Windpark „alpha ventus“ und die 25 Anlagen für den ersten französischen Offshore-Windpark Côte d´Albatre an. ... Bis 2011 wird unsere Produktion eine jährliche Kapazität von 100 Anlagen erreichen."

Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien Gesetzes (EEG), die am 6. Juni den Bundestag passiert hat, sind die Bedingungen für den auf hoher See gewonnenen Windstrom deutlich verbessert worden. Ab 1. Januar 2009 wird er mit 13 Cent pro Kilowattstunde (KWh) vergütet. Wenn die Anlagen vor Ende 2015 in Betrieb gehen, gibt es sogar noch einen so genannten "Sprinterbonus" von 2 Cent pro KWh oben drauf. In der Branche rechnet man dadurch mit einem gewaltigen Schub. In den den potenziellen deutschen Nordsee-Windparks, die alle mindestens ein paar Dutzend Kilometer vor der Küste in der Ausschließlichen Wirtschaftszone errichtet werden sollen, sind bereits mehr als 1.100 Anlagen genehmigt. Viele Bauherren haben bereits Lieferverträge abgeschlossen.

Repower blüht auf

Zu den Profiteuren diese Booms wird sicherlich auch der Windanlagenhersteller Repower gehören, um den sich Areva im Frühjahr 2007 eine Übernahmeschlacht mit dem indischen Konzern Suzlon geliefert hatte. Erst als die Franzosen unterlegen waren, hatten sie sich die Mehrheit bei dem bisher noch relativ kleinen Hersteller Multibrid gesichert. Bei Repower, wo es längere Zeit rote Zahlen gegeben hatte, freut man sich unterdessen über steigende Gewinne und ein kräftiges Anschwellen der Auftragsbücher.

3,1 Millionen Euro machte man von Januar bis März 2008 an Gewinn (vor Steuern und Zinsen). Im Vorjahreszeitraum waren es nur 255.400 Euro gewesen. Im gleichen Zeitraum wurden 65 Anlagen mit einer Leistung von 129 MW abgerechnet. Ende März standen 696 Windenergieanlagen (Vorjahr 498) mit einer Gesamtnennleistung von 1.419 MW (Vorjahr 984,5 MW) in den Büchern, was laut Firmenangaben einem potenziellen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro entspricht. Bezogen auf die Leistung kommen 82 Prozent der Aufträge aus dem Ausland.

Und so soll es in den nächsten Jahren weiter gehen: Für das neue Geschäftsjahr, das von April bis März 2009 läuft, rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von 1,1 Milliarden Euro und hofft dabei auf einen Vorsteuergewinn von rund 60 bis 70 Millionen Euro. Im darauf folgenden Jahr hofft man den Umsatz um weitere 40 bis 50 Prozent steigern zu können. Am 31. März waren 1246 Mitarbeiter bei Repower beschäftigt, 305 mehr als ein Jahr zuvor. Das Geschäft wird allerdings zur Zeit fast ausschließlich mit zwei verschiedenen Modellen von 2-MW-Anlagen gemacht. In den Auftragsbüchern stehen erst neun 5-MW-Anlagen, die für die Offshore-Windparks in Fragen kommen. (Wolfgang Pomrehn)

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