Atomausstieg: Rechtsauffassung veraltet?

Das Forschungsschiff HELMER HANSSEN vor der Küste von Spitzbergen. Foto: Randall Hyman

Die Energie- und Klimawochenschau: Von ausnahmsweise guten Nachrichten aus der Arktis, der Fortsetzung der UN-Klimaverhandlungen und dem Streit um Brennelementelieferungen ins belgische AKW Tihange

Manchmal gibt es auch beruhigende Nachrichten aus den Klimawissenschaften: Wissenschaftler des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel haben jetzt gemeinsam mit Kollegen US-amerikanischen und norwegischen Kollegen herausgefunden, dass die Methanquellen am Meeresboden vor Spitzbergen einen positiven Effekt haben, indem sie der Atmosphäre Treibhausgase entziehen.

Das ist alles andere als selbstverständlich und ziemlich genau das Gegenteil von dem, was die meisten Experten erwartet hätten. Denn Methan ist selbst ein starkes Treibhausgas. In der Atmosphäre entwickelt ein Methanmolekül (CH4) hochgerechnet auf einen Zeitraum von 100 Jahren die 30fache Wirkung eines Kohlendioxidmoleküls (CO2), schreiben die Kieler in einer Pressemitteilung.

Seit Jahren gibt es daher eine zunehmende Sorge wegen der großen Methan-Mengen, die am Grund der arktischen und auch anderer Meere eingefroren sind und durch die Erwärmung der Ozeane mobilisiert werden könnten. Auch auf Telepolis wurde wiederholt gefragt, welche Gefahr von diesen potenziellen zusätzlichen Treibhausgasquellen droht.

Nun hat ein Forscherteam in einer umfangreichen Messkampagne über Methanquellen vor dem norwegischen Spitzbergen festgestellt, dass ausgerechnet an der Wasseroberfläche direkt über diesen der Ozean 2.000-mal mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre absorbiert, als dort Methan umgekehrt in die Atmosphäre gelangt. "Sogar wenn man die stärkere Treibhauswirkung des Methans herausrechnet, haben wir in diesen Bereichen also eine negative Wirkung auf den Treibhauseffekt", meint Jens Greinert, der bei Geomar forscht und lehrt und zu den Autoren der am Montag veröffentlichten Studie gehört.

Noch keine Entwarnung

Die Wissenschaftler hatten die die Wassersäule sowie die unterste Atmosphäre über den seit längerem bekannten Methanquellen untersucht, die sich dort am Meeresboden in Tiefen zwischen den 80 bis 2600 Metern befinden. Das Methan perlt dort aus dem Boden und löst sich auf dem Weg nach oben je nach Tiefe zum Teil oder vollständig im Meerwasser. Aus den flachen Quellen in 80 bis 90 Metern Tiefe gelangt es aber durchaus an die Oberfläche und kann an die Atmosphäre abgegeben werden.

Zugleich kommt mit dem Methan aber nährstoffreicheres Wasser an die Oberfläche, das dort das Algenwachstum spürbar fördert. Diese pflanzlichen Einzeller brauchen zum Gedeihen CO2. Daher nahmen die obersten Wasserschichten über den Quellen erheblich mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf, als es über ebenfalls untersuchten Vergleichsflächen in der Nähe der Fall war, die nicht über Methanaustrittsstellen lagen.

Wie weit die Erkenntnisse auf andere Regionen übertragbar ist, bleibt unklar. Die Geomar-Pressemitteilung zitiert den Erstautor der Studie John Pohlman, der für den U.S. Geological Survey arbeitet. Dieser meint, dass Gebiete mit flachen Methanvorkommen, anders als bisher gedacht, nicht notwendiger Weise zu den Klimaveränderungen beitragen, wenn dort die Bedingungen ähnlich sind.

Doch das ist ungewiss. Greinert meint, dass der beobachtete, fürs Klima so positive Nährstofftransport vermutlich nicht ursächlich mit den Methanquellen und den aufsteigenden Blasen zusammenhängt. Einig sind sich die beiden, dass weitere Untersuchungen notwendig sind. Große Methanquellen sind zum Beispiel am Grunde der flachen Küstenmeere Sibiriens bekannt.