Atombombe oder Demokratie?

Dem moralischen Urteil muss eine zivilisatorische Perspektive folgen. Anmerkungen zu den Massenmorden in Japan am 6. und 9. August 1945

Über Paul Tibbets, den Todespiloten der Hiroshima-Bombe, hat Spiegel-Online vor wenigen Tagen einen Beitrag mit der Überschrift "Der reuelose Massenmörder" veröffentlicht. Angesichts des zivilisatorischen Abgrundes, der sich mit den Weltbeherrschungs-Experimenten über Hiroshima und Nagasaki aufgetan hat, führt der Blick auf eine unreife und zynische Einzelpersönlichkeit freilich nicht weiter. Paul Tibbets ist nur einer von ungezählten Repräsentanten der "Banalität des Bösen". Lange bevor er ins Spiel kam, gab es schon jenen zivilisatorischen Komplex der Menschenverachtung, der bereitet war für Erfindung, Produktion, Einsatz oder Nachbau der Atombombe.

Zu sprechen ist also an erster Stelle nicht von zufällig involvierten Menschlein und Möchtegern-Helden, sondern von einem massenmörderischen Zivilisationskomplex, nicht von kleinen Soziopathen, sondern von gigantischen soziopathischen Strukturen, nicht von einem reuelosen Sünder, sondern von einem systematischen Apparat der Verdrängung und Lüge. Jener Abgrund unserer Gattung, der die dunkle Kehrseite einer möglichen Schönheit jedes Menschen ist, hat sich in Form der Atombombe gleichsam "materialisiert". Dieses Ereignis des Abgrundes betrifft die menschliche Familie auf dem Planeten als Ganzes, auch die zukünftigen - noch nicht geborenen - Generationen.

Entscheidend ist für eine grundlegende Betrachtungsweise - auf Zukunft hin - nicht, welcher ideologische "Überbau" jeweils die nationalen Atomwerkstätten überdacht. Entscheidend ist vielmehr, dass die Atombombe das mit dem Menschsein latent einhergehende Totalitäre auf eine bislang unübertroffene Weise offenbar gemacht hat. Unsere Gattung zeichnet sich fortan durch die Fähigkeit aus, über sich selbst die universale Todesstrafe zu verhängen. Ist eine kulturelle Höchstleistung, die dieses Ereignis wieder rückgängig macht und also ein "Zivilisationsdenken" in den Kategorien der Todesstrafe schon von der Wurzel her überwindet, überhaupt denkbar?

Superman-Märchen statt internationales Recht

Dies scheint siebzig Jahre nach "Hiroshima und Nagasaki" nicht der Fall zu sein. Wir dulden, dass die Kriegsreligion, deren höchste Gottheit die Atombombe ist, weiterhin die mächtigste und für den Zivilisationsprozess maßgebliche Religionsform bleibt. Das Kriegsdenken verschlingt die weitaus meisten Ressourcen der Weltgesellschaft und reproduziert unentwegt eine Welt-Unordnung, in der die Potenzen des Mitgefühls, der Solidarität und der Lebensfreude systematisch erstickt werden.

Politisch wird die kostspielige Militärproduktion von Leiden als "rationales Handeln" ausgegeben. Massenkulturell subventionieren infantile Superman-Mythen den Kriegsapparat ("schöne Atompilze" inklusive). Vom leidenschaftlichen Vorsatz der Vereinten Nationen, die Menschheit von der Geißel des Krieges zu befreien, ist nunmehr wenig zu spüren.

Wer das "Ding" hat, braucht nicht mehr sprechen

Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat schon am 8. Juli 1996 festgestellt, dass die Androhung eines Nuklearwaffeneinsatzes und erst recht der Einsatz von Atombomben generell völkerrechtswidrig sind. Nichtsdestotrotz kündigen in unserer Gegenwart registrierte Atomwaffenbesitzer eine "qualitative Weiterentwicklung" hin zu begrenzt einsetzbaren Atombomben an. Schon lange wissen wir - gerade auch durch hochrangige Militärs -, dass das Ausbleiben eines weiteren nuklearen Waffeninfernos seit Ende des 2. Weltkrieges nicht mehr ist als das Ergebnis eines waghalsigen Glückspiels (Lebenslügen der nuklearen Abschreckung).

Die Atombombe, so bleibt mit Arundhati Roy festzuhalten, ist das antidemokratischste und totalitärste Ding, das je von Menschen produziert worden ist. Wer mit der großen Vernichtung drohen kann, unterliegt zwangsläufig der Verführung, sich der Entwicklung einer globalen Überlebenskultur unter den Vorzeichen von Empathie, Dialog und Vernunft zu verweigern. Wer über das "Ding" verfügt, braucht mit keinem, der es nicht besitzt, in ein Gespräch einzutreten. Mit den Verheißungen von Aufklärung, Freiheit, Demokratie oder Völkerrecht ist die Bombe schon deshalb unvereinbar.

Die Bombe potenziert die Paranoia, die uns Menschen unendlich mehr gefährdet als jede andere Spezies auf dem Planeten, ins Unermessliche. Konsequenter Weise ist dem Versuch, den Erdkreis durch ein ultimatives physisches Drohinstrument unter Kontrolle zu bringen, ein Projekt nachgefolgt, mit dem auch alle geistigen Inhalte und Kommunikationsprozesse überwacht werden sollen.

Die physische (oder soziale) Eliminierung von Menschen an jedem beliebigen Ort der Erde durch digitalen Knopfdruck erfolgt Tag für Tag. Zugunsten einer Gewöhnung an die Aushebelung des Rechtes werden sogar vermeintlich progressive - "postkolonialistische" - Argumente angeführt: Die kriegerische Anarchie sei in globalem Maßstab als Normalfall zu bewerten, während die Idee einer rechtlich geordneten Völkerwelt lediglich auf ein alteuropäisches (gleichsam "imperialistisches") Konstrukt hinauslaufe. Wenn die Dinge so stehen, gibt es zur totalitären Lösung - ferngelenkte Morde und Atomwaffenbesitz eingeschlossen - natürlich keine Alternative.