Atomkraft: Know-how für den Anlagenrückbau verkauft

Abhängigkeiten: Ohne Russland wird auch der Abbau von abgeschalteten AKW schwierig

Der Westen soll sich so schnell wie möglich von russischen Rohstoffen lösen, tönt es auf allen Kanälen. Und man soll jetzt wieder mehr auf heimische Kernkraft setzen und die abgeschalteten AKW wieder in Betrieb nehmen. Was dabei, bewusst oder nicht, übersehen wird, ist die Tatsache, dass der Westen auch von Russlands Uran abhängig ist. Auch das Know-how für den Anlagenrückbau wurde längst verkauft.

Mit der Konzentration auf das Kerngeschäft stieg die RWE 2006 aus der damaligen Tochter Nukem aus, die 1960 zur Entwicklung und Herstellung nuklearer Brennelemente gegründet wurde und im Laufe der Zeit eine umfangreiche technologische Expertise im Bereich der Kernkrafttechnik aufgebaut hatte.

Die Nukem wurde an den US-amerikanischen Private Equity Fonds Advent International Corporation verkauft, damit begann der Know-how-Verlust im Kerntechnik-Bereich. Advent zerlegte die Nukem und verkaufte die Einzelteile.

Der Handelsbereich Nukem Energy GmbH wurde im Januar 2013 von der kanadischen Cameco Corporation übernommen. Schon 2009 wurde die Nukem Technologies GmbH, in der die Nukem-Geschäftsaktivitäten in den Bereichen Rückbau, Management von radioaktiven Abfällen sowie Ingenieurtechnik zusammengefasst wurden, vom russischen Kraftwerksbauer Atomstroyexport übernommen.

Der wie Atomstroyexport zu Rosatom gehörenden Brennstofffirma TVEL wurde 2019 die Aufgabe übertragen, einen neuen Back-End-Bereich durch die Integration aller bei Rosatom verfügbaren Ressourcen aufzubauen. Der Konzernbereich soll das Know-how aus den Bereichen Abfallbehandlung und Rückbau bündeln. Mit dem Übergang in die neu geschaffene Division bringt Nukem nicht nur eine Marke mit langer Tradition und relevante Referenzen ein. Gemeinsam mit TVEL wird auch neue Forschungs- und Entwicklungsarbeit betrieben.

Nukem Technologies

Welche Zukunft diese integrierte Arbeit, auf die auch der Rückbau deutscher Kernkraftwerke wie Neckarwestheim und Philippsburg setzte, jetzt noch hat, ist derzeit unabsehbar. Möglicherweise kann man für den Rückbau der ausgemusterten deutschen Kernkraftwerke nicht mehr auf das Know-how der Nukem Technologies zurückgreifen und muss diese Expertise auf Steuerzahlerkosten neu aufbauen, was ordentlich Geld und Zeit kosten dürfte.

Abhängigkeit der EU von Russland im Nuklearbereich kaum zu verringern

"Die EU ist bei Kernenergie noch abhängiger von Russland als bei Erdgas", wird Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zitiert. Rund 40 Prozent des angereicherten Urans, das für den Betrieb von Atomkraftwerken benötigt wird, bezieht Europa nach Angaben der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) insgesamt aus Russland und dem russlandtreuen Kasachstan.

Russland hat in den vergangenen Jahren ähnlich wie China Milliarden in die Entwicklung bestimmter Schlüsseltechnologien investiert und ist bei der Nukleartechnik dem Westen um Längen voraus. Der russische Staatskonzern Rosatom ist heute ein weltweiter Player mit mehr als 350 Unternehmensbeteiligungen.

Westliche Firmen können die zahlreichen AKW russischer Bauart offensichtlich weder warten noch mit Brennstäben versorgen. Ohne den Brennstoffnachschub ist der Betrieb zahlreicher AKW jedoch nicht mehr gesichert.

So steht man auf kurz oder lang in der EU vor der Frage, ob man die Stromversorgung einem Blackout aussetzen will, weil zahlreichen mittel-und osteuropäischen AKW der Brennstoff ausgeht oder ob man sich auf russische Forderungen einlassen will, um die Stromversorgung besser zu garantieren. Derzeit noch kraftvoll verkündete westliche Durchhalteparolen dürften im Ernstfall dann ziemlich schnell vom Winde verweht sein.

Für private Investoren ist der Kernkraftbereich inzwischen ein No-Go

Der Kernkraftbereich ist heute eine Branche, von der private Unternehmen die Finger lassen, weil die möglichen Risiken weder abschätzbar noch versicherbar sind. So wundert es wenig, dass es für Kernkraft beim BDEW, dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft heute niemanden mehr gibt, den man zum Thema Kernkraft noch ansprechen könnte.

Siemens ist aus der Technik ausgestiegen und der letzte europäische Vertreter seiner Art hängt am Tropf des französischen Steuerzahlers, der sich inzwischen darum bemüht, diese Last auf die EU abzuwälzen, sodass die Steuerzahler anderer EU-Mitglieder zur Kasse gebeten werden können.

Dies dürfte auch der Fall sein, wenn die verbliebenen Kernkraftwerksbetreiber sich von Russland als Brennstofflieferant lösen wollen. Als Geldgeber bleibt da letztlich nur der Steuerzahler in Westeuropa, auch wenn diese Länder sich dann stärker verschulden oder an anderen Stellen einsparen müssen. (Christoph Jehle)