Atomkriegsgefahr in Korea

Auch wenn es nur ein Säbelrasseln sein sollte, so droht eine neue Rüstungsspirale in Fernost

Seit Wochen dauert die Atomkrise um Korea an. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un hat Südkorea, Japan und den USA wiederholt mit einem Krieg gedroht und dabei selbst den Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen. Ob er die dazu notwendigen Raketen und Atomgefechtsköpfe verfügt, ist unter Experten umstritten. Es heißt, wahrscheinlich ist alles nur Säbelrasseln aus innenpolitischen Machterhaltungsgründen. Jedenfalls ist der diplomatische Flurschaden schon jetzt gewaltig. In Fernost droht eine neue Rüstungsspirale.

Soviel Bellizismus gab es noch nie. Der nordkoreanische Diktatorenschnösel Kim Jong Un hat bekanntlich eine Vorliebe für "Walt Disney"-Comics: "Piff", "Paff", "Puff", "Boiiing!" und "Wummm!". Er drohte innerhalb von zwei Wochen gleich drei Nachbarstaaten mit Krieg und schloss selbst einen Ersteinsatz von Atomwaffen nicht aus. Die internationale Staatengemeinschaft war diesem provokativen Rausch ziemlich hilflos ausgeliefert. Man versuchte, die Politik des fröhlich-frechen Tyrannenknaben noch als "rational" darzustellen, suchte nach innenpolitischen Rechtsfertigungen für dessen Verhalten und war sichtlich bemüht, die eigene Zivilbevölkerung zu beruhigen: Dem großspurigen Tyrannen würden schlicht die militärisch-technischen Mittel fehlen, um seine deklarierten Absichten in die Tat umsetzen zu können. Alles sei nur eine mediale Inszenierung, die sich seit Jahrzehnten jedes Frühjahr in abgeschwächter Form wiederholen würde, wenn die südkoreanisch-amerikanischen Militärmanöver beginnen.

So sprach die US-Regierung am 30. März von einer "langen Geschichte der Kriegsrhetorik und Drohungen". Dies ist aber nur bedingt richtig, schließlich schickten die Nordkoreaner auch noch einen Satelliten ins All, testeten ihre erste Uran-Bombe und lösten damit ein allgemeines Wettrüsten auf der koreanischen Halbinsel und in der ganzen Region aus. Gleich mehrere Staaten versetzten ihre Streitkräfte in Alarmbereitschaft.

Wie groß die gegenwärtige Atomkriegsgefahr tatsächlich ist, werden die Historiker erst in ein paar Jahrzehnten herausarbeiten können. Wenn man heute danach fragt, hängt die Antwort davon ab, wen man gefragt hat. Während die Militärexperten vor der internationalen Atomkriegsgefahr warnen, meinen die Regionalexperten für Korea, dass das Propagandagetöse aus Nordkorea bloß innenpolitischen Zwecken diene. Jedenfalls ist man seit Beginn der Krise von staatlicher Seite bemüht, die reale Gefahr eines Atomkrieges nicht allzu sehr ins öffentliche Bewusstsein eindringen zu lassen. Schließlich müssen die Regierungen in den USA, Südkorea und Japan eine landesweite Massenpanik befürchten. Außerdem "droht" eine Erosion der internationalen Akzeptanz von Atomwaffen.

"Brinkmanship" nennt man diese "Politik am Rande des Abgrunds" seit Beginn des Kalten Krieges zu Anfang der fünfziger Jahre. Der damalige US-Außenminister John Forster Dulles meinte damit die Bereitschaft zur Durchsetzung politischer Interessen auch eine Krise zu provozieren, die sogar einen (Atom-)Krieg billigend in Kauf nimmt. Mithin ein gefährliches "Spiel mit dem Feuer".

Im Verlauf des Kalten Krieges hatte es wiederholt solch eine Atomkriegsgefahr gegeben (1956, 1962, 1967, 1973, 1983, etc.). aber oft unterlagen sie strengster militärischer Geheimhaltung, etwa als der amerikanischer General Douglas McArthur im Koreakrieg Atomwaffen einsetzen wollte, oder die Nukleardrohungen wurden in wohlgesetzten Worten mehr oder weniger verklausuliert ausgesprochen, wie bei der Fernsehansprache von US-Präsident John F. Kennedy am 22. Oktober 1962, die den Auftakt zur Kubakrise bildete. Aber so direkt und unverfroren wie Kim Jong Un hat noch kein militärpolitischer Machthaber mit einem Atomkrieg gedroht.

Während des Kalten Krieges konnte der Ausbruch eines nuklearen Krieges letztendlich immer wieder vermieden werden. Dieser Erfolg war manchmal das Ergebnis eines rationalen Krisenmanagements, manchmal war es schlichtweg "Glück", wie der frühere US-Verteidigungsminister Robert McNamara einmal einräumte.

Wer sich auf "Brinkmanship" einlässt, muss seinen Gegner genau kennen. Das nordkoreanische Regime wird das Verhalten von US-Präsident Barack Obama in den Konfliktlagen in Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien genau studiert haben - mit dem Ergebnis, dass sie mit einem solchen Präsidenten ein "war game" wagen können. Aber wer "Brinkmanship" erfolgreich betreiben will, muss seine Eskalationsdominanz sicherstellen, die diplomatischen Regeln perfekt beherrschen und seinen Apparat unter Kontrolle haben. Davon kann im Fall von Nordkorea nicht die Rede sein.

In jedem Fall bleibt ein "Restrisiko" durch menschliches Versagen, Desinformation oder einem technischen Störfall, das einen Fehlalarm auslöst, der zu einem "Krieg aus Irrtum" (engl. accidental war) führen kann. So warnte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am 9. April 2013: "Ein kleiner Zwischenfall, verursacht durch einen Fehlschlag beziehungsweise einen Fehler, kann dazu führen, dass die Situation unkontrollierbar wird."

Tatsächlich kam es in den letzen Wochen bereits zu kleineren Zwischenfällen:

  • Am 26. März 2013 warf ein südkoreanischer Wachsoldat im Landkreis Hwacheon eine Handgranate, weil er meinte, in einem Gebüsch habe sich etwas bewegt. Daraufhin wurden die südkoreanischen Truppen vor Ort für mehrere Stunden in erhöhte Gefechtsbereitschaft ("Chindoge-1") versetzt.
  • Am 10. April verbreitete der Zivilschutz der japanischen Stadt Yokohama (3,7 Millionen Einwohner) eine Falschmeldung über einen angeblichen nordkoreanischen Raketenstart und löste damit eine lokale Massenpanik aus. "Es liegen Informationen über einen Raketenstart aus Nordkorea vor", lautete die vorproduzierte Meldung für den Fall der Fälle, die versehentlich online gestellt worden war. Erst nach zwanzig Minuten wurde der Fehler bemerkt.
  • Am 11. April gab es erneut Fehlalarm: Die Luftfahrbehörde in der japanischen Stadt Fukuoka meldete irrtümlich den Start einer nordkoreanischen Rakete. Die Warnung wurde an alle Flugsicherheitszentren gesendet. Nach vier Minuten erfolgte das Dementi.
  • Am 13. April folgte der dritte Raketenfehlalarm innerhalb von vier Tagen: Ein japanischer Beamter der Luftfahrtbehörde in Osaka wollte eigentlich eine Warnung wegen eines kleinen Erdbebens herausschicken, das am gleichen Tag den Westen Japans erschütterte. Stattdessen verschickte er eine in Erwartung eines nordkoreanischen Angriffs vorbereitete Raketenwarnmeldung an 87 Flughafenbüros. Daraufhin wurde zumindest ein Inlandflug verschoben. Nach sechs Minuten wurde der Irrtum bemerkt und die Falschmeldung zurückgezogen.

Zur Zeit bereitet das nordkoreanische Militär den (Salven-)Abschuss von mehreren Kurz- und Mittelstreckenraketen vor. Vermutlich handelt es sich "nur" um Raketentests, aber wenn die Raketen auf Japan zufliegen, wer kann dann innerhalb weniger Minuten feststellen, dass es sich nur um "Tests" handelt?

Die bisherigen "Pannen" hatten keine negativen Auswirkungen, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sich noch gravierende Fehler oder Fehleinschätzungen ereignen oder ereignet haben, über die die Öffentlichkeit bisher nicht informiert wurde. Am 3. April gab sich US-Verteidigungsminister "Chuck" Hagel in einer Rede vor der National Defense University in Washington selbstkritisch: "Wir nehmen diese Bedrohung ernst. Man braucht nur einmal falsch zu liegen, und ich möchte nicht der Verteidigungsminister sein, der falsch liegt."

Außerdem erhöht sich mit dem Andauern der Krise die Gefahr eines Präventiv- oder Präemptivschlag. So gab der südkoreanische Verteidigungsminister Kim Kwan Jin am 1. April 2013 bekannt, dass Südkorea einen Plan zur aktiven Zügelung Nordkoreas ausgearbeitet habe, der u. a. einen Präemptivangriff vorsieht. Hinzu kommt, dass aufgrund der geringen strategischen Tiefe auf der koreanischen Halbinsel, der hohen Truppenkonzentration und der Mobilität der Streitkräfte beider Seiten die volle Gefechtsbereitschaft innerhalb von Stunden oder Tagen hergestellt und ein Angriff beginnen kann.

Auch im amerikanischen Kongress reden die Republikaner - nach einer Spiegel-Meldung vom 11. April 2013 – "immer lauter von einer militärischen Option." Möglich ist, dass auch einige US-Militärs entsprechende Überlegungen anstellen und einen Präventivkrieg befürworten, solange das nordkoreanische Atomarsenal noch nicht voll einsatzfähig ist und das Land noch nicht über eine funktionierende Interkontinentalrakete verfügt, mit der das US-Territorium angegriffen werden kann.

Davon ist in den bürgerlichen Massenmedien wenig zu hören. Stattdessen wird lieber betont, mit welcher stoischen Gelassenheit die Zivilbevölkerung in der südkoreanischen Metropole Seoul (9,8 Millionen Einwohner) auf die Drohungen aus Nordkorea reagieren. Die "Spiegel"-Korrespondentin Heike Sonnenberger berichtete aus Seoul:

Die Drohungen aus Kim Jong Uns Machtzirkel seien im Moment zwar lauter, aber nicht viel aggressiver als sonst, sagt eine Amerikanerin, die in Südkorea seit drei Jahren für eine Nachrichtenagentur arbeitet und ihren Namen lieber nicht nennen will. "Wenn sie plötzlich still wären, dann wäre etwas faul." Doch die Kims würden nichts unternehmen, was ihre Macht gefährden könnte. Und einen Krieg, so glaubt sie, würde das Regime nicht überstehen.

Aber auch "Ruhe" kann eine Form von Massenhysterie sein. Die Szenerie erinnerte an die Situation in der japanischen Hauptstadt im Jahre 2011, als die Bevölkerung ihren belanglosen Alltagsgeschäftigkeiten nachging, während ein paar Kilometer weiter zwei, drei Atomreaktoren explodierten. "Das ist nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen. Die Frage ist, mit welchem Ende," erklärte die Pressesprecherin des US-Außenministeriums Viktoria Nuland am 5. April. Diese Frage stellt man sich auch in Deutschland: Nach einer Meinungsumfrage vom 9. April glaubten 31 Prozent der Deutschen, dass der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un seine Androhung eines Atomangriffs wahrmachen werde, gleichzeitig äußerten 54 Prozent, sie hätten Angst vor einem möglichen Krieg auf der koreanischen Halbinsel.

Zur Interpretation dieser Umfrageergebnisse ist anzumerken, dass die Berichterstattung in den bürgerlichen Massenmedien bescheiden ist. Nicht nur werden der Öffentlichkeit – wie üblich – die militärisch relevanten Informationen vorenthalten, in den Nachrichtensendungen der staatlichen Fernsehsender wird die Koreakrise möglichst kurz abgehandelt. In Einzelfällen überschritt die Berichterstattung zur Koreakrise die Grenze zum Schwachsinn. So fühlte sich Gregor Peter Schmitz auf "Spiegel Online" an ein Basketballmatch erinnert und Philipp Abresch, einer der berüchtigten "ARD"-Auslandskorrespondenten, bezeichnete den Konfliktverlauf im Morgenmagazin schlicht als "Theateraufführung".

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