Atomstrom kommt die Franzosen teuer zu stehen

"Wir sind in einer Sackgasse". Gespräch mit Guillaume Duval über die französische Marotte Atomkraft

Guillaume Duval, der laut biografischer Auskunft über viele Jahre als Ingenieur in unterschiedlichen amerikanischen und deutschen Konzernen tätig war, ist Chefredakteur der französischen Alternatives economiques, einem Monatsmagazin, das Globalisierungskritikern und Gewerkschaften nahesteht. Telepolis sprach mit ihm über die französische Marotte Atomkraft, die Reaktionen auf Fukushima und Diskussionen um einen Ausstieg à la Deutschland.

Hat die Atomkatastrophe in Fukushima einen bleibenden Eindruck bei der französischen Bevölkerung hinterlassen?
Guillaume Duval: Kaum. Selbst in sozialistischen Kreisen und bei Umweltschützern und Grünen war und ist eine Anti-Atomkrafthaltung keineswegs selbstverständlich. Ich befürchte, Japan hat nur einen kleinen Teil der ohnehin kritischen Bevölkerung aufgeschreckt. In der Regierung und bei den Energiekonzernen wird weiterhin daran gearbeitet, dass Atomkraft eine Zukunft hat.
Es wird sich in Frankreich also nichts ändern?
Guillaume Duval: Fukushima hat das Atomproblem zumindest europäisiert. Es wird zukünftig eine bessere Zusammenarbeit auf EU-Ebene geben, was die Sicherheit angeht. Auch kleine Korrekturen in der französischen Energiepolitik sind nicht ausgeschlossen - allerdings geht es dabei nicht um einen Ausstieg. Beispielsweise soll mehr Sicherheit für die Meiler garantieren werden. Sarkozy will zudem schneller als geplant Modernisierungen der veralteten Technik vorzunehmen. Natürlich ist Fukushima in den Augen der Regierung auch ein weiteres Argument für den Bau der EPR-Reaktoren. Diese sollen die Zukunft der Atomkraft, nicht nur in Frankreich, absichern.
Diese Zukunft ist aber ganz schön teuer: Immerhin wurden in die Druckwasserreaktoren (EPR) schon Milliarden investiert...
Guillaume Duval: Ja, nicht nur der Bau und die Entwicklung einer neuen Generation von Kernkraftwerken ist sehr teuer, sondern auch der Abbau der alten Reaktoren. Hinzu kommt natürlich noch die ungelöste Frage des Atommülls und die Suche nach einem Endlager. Das alles ist derzeit nicht im Strompreis eingerechnet. Die Rechnung dafür kommt erst noch. Experten meinen, dass der "wahre" Strompreis derzeit schon bei 60 Euro pro Megawatt-Stunde erzeugten Strom liegt - das Doppelte des jetzigen Preises.
Warum setzt Frankreich denn nicht wie Deutschland auf Erneuerbare Energien?
Guillaume Duval: Das hat viele Ursachen. Atomkraft hat in Frankreich eine ganz andere Bedeutung und stand jahrzehntelang für Unabhängigkeit und billige Strompreise. Zudem ist die Atomenergie ein Wirtschaftsfaktor, vor allem im Exportbereich. Wenn wir jetzt anfangen, auf Erneuerbare Energien umzusteigen, dann hat das nicht die gleichen Effekte wie in Deutschland, da wir uns keine Industrie aufgebaut haben.
Wenn wir Windräder oder Solarpanele kaufen, dann kurbelt das die Wirtschaft in Ostdeutschland aber nicht in Frankreich an. Wir können also nicht mit dem "Arbeitsplatzeffekt" werben. Zudem ist der Energiemarkt in Frankreich anders organisiert: Wir haben keine Stadtwerke, die sich unabhängig für eine bestimmte Energieform entscheiden können. In Frankreich ist alles zentral organisiert, in erster Linie vom größten Stromversorger EDF.
Und dieser setzt auf Atomstrom...
Guillaume Duval: Ja. Aber EDF ist es auch, der in Windanlagen investiert. Im Vergleich zu den 58 betriebenen Atommeilern ist das natürlich marginal. Neben EDF gibt es noch kleinen Ökostromunternehmen wie die Kooperation Enercoop, diese versorgen aber nur relativ wenige Haushalte. Selbst wenn politisch eine "Energiewende" gewollt und gefördert wird, macht es wenig Sinn diese zentralen Strukturen zu zerschlagen. Das würde die Kosten der Umstellung um ein vielfaches erhöhen.

Ausstiegsszenarien, Vorbild Deutschland

Welche fiktiven Szenarien für ein französischen Atomausstieg gibt es und wann soll demnach der letzte Meiler vom Netz gehen?
Guillaume Duval: Es gibt zwei Szenarien, die derzeit in Expertenkreisen diskutiert werden. Das bislang ambitionierteste Ausstiegsmodell hat Bernhard Dessus von Forscherverband Global Chance errechnet. Sein Vorbild ist der Atomkonsens in Deutschland. Demnach will er es schaffen, bis 2031, also in 20 Jahren, alle französischen Atomkraftwerke abzuschalten. Er will bis 2020 die derzeit rund 409 Terrawatt produzierten Atomstrom auf 180 TW senken, um 2030 die Produktion von Atomstrom ganz zu stoppen.
Dieses Ziel will er vor allem mit drastischen Energiesparmaßnahmen, der Förderung von Erneuerbaren Energien und dem Stopp von überflüssigen Stromexporten ins Ausland erreichen. Ein moderateres Szenario hat die Forschergemeinschaft Négawatt aufgestellt: Der Ausstieg aus der Atomkraft soll demnach bis 2040 vollzogen werden, die vollständige Umstellung auf Erneuerbare Energien bis 2050. Wie auch Dessus stellt Négawatt vor allem auf umfangreiche Energiesparmaßnahmen in den privaten Haushalte ab.
Halten Sie das für machbar?
Guillaume Duval: Auch wenn ich sehr für einen Atomausstieg plädiere, bleibe ich skeptisch. Einen Ausstieg bis 2031 halte ich für zu ambitioniert. Das Modell von Négawatt ist dagegen realistischer, bei allen politischen und ökonomischen Problemen, die damit verbunden sind.

Keine Lobby fürs Energiesparen

Wo liegen die Herausforderungen für die französische Gesellschaft?
Guillaume Duval: Die Franzosen glauben in der Atomfrage pragmatisch zu handeln. Es gibt kaum das Bewusstsein für die konkreten Gefahren und die finanziellen Folgen. Dabei kommt ein "Weiter-so" den französischen Verbraucher mindestens genauso teuer, wenn nicht noch sehr viel teurer. Zudem gibt es in Frankreich bis jetzt keine Lobby fürs Energiesparen, das ist eine völlig neue Herausforderung für uns.
Für eine Energiewende müssten wir zuallererst die Elektroheizungen abschaffen und die großflächig Gebäude dämmen. Die wichtigste Frage ist, wie bei privaten Haushalten gespart werden kann. Die Industrie ist das kleinere Übel.
Spätestens wenn es teuer wird, muss also umgedacht werden?
Guillaume Duval: Wir sind in einer Sackgasse. Frankreich dachte, dass es sich mit Atomkraft unabhängig machen könnte. Doch das sind wir nachgewiesener Maßen nicht. Denn Areva muss das Uran aus Afrika holen, um damit den französischen und europäischen Markt zu sättigen. Hinzu kommt, dass die politische Lage in den betreffenden afrikanischen Ländern wie dem Niger, eines der ärmsten Länder der Welt, sehr instabil ist.
Eine weitere Abhängigkeit ist das Öl: Frankreich hat ein enormes Verkehrsaufkommen, vor allem private PKW. Auch hier sind wir sehr anfällig, sollte der Ölpreis explodieren und wir keine Alternativen entwickelt haben. Ob die französische Politik eine Energiewende will oder nicht: sehr bald wird man ohnehin gezwungen sein zu handeln. (Susanne Götze)