Auch Amazon will Tausende von Satelliten in eine Umlaufbahn schicken

Zwei Stapel mit insgesamt 60 Starlink-Satelliten auf einer Falcon‑9-Oberstufe. Bild: SpaceX

In den nächsten Jahren stehen Hunderte von Raketenstarts für Zehntausende Satelliten und eine Massierung des Weltraumschrotts an. Die Folgen scheinen nicht zu interessieren

Amazon bzw. Jeff Bezos steigt auchein ins Wettrennen mit Satellitennetzen zur Abdeckung der Erde mit Breitbandverbindungen. Im April wurde bekannt, dass Amazon Tausende von Satelliten in eine erdnahe Umlaufbahn (LEO) bringen will. Verantwortlich wird das Tochterunternehmen Kuiper Systems sein, in dem viele ehemalige Mitarbeiter von SpaceX arbeiten, das für Starlink insgesamt fast 12000 Kommunikationssatelliten in den Weltall bringen will. Die FCC, die für die USA zuständige Behörde, hat genehmigt, 4425 Satelliten in eine Höhe von 1200 km in den Weltraum zu bringen. Auch der Antrag, weitere 7518 Satelliten in einer Höhe von 335 km bis 346 km anzubringen, wurde von der amerikanischen Behörde genehmigt. Die Satelliten haben nach Starlink jeweils ein Gewicht von 227 kg. Sie haben einen Antrieb und sind manövrierfähig, können miteinander kommunizieren und sind mit Phased-Array-Antennen wie 5G-Sendemasten ausgestattet (Allein SpaceX will 12.000 Satelliten in eine Umlaufbahn bringen).

Jetzt hat in der Oligarchenkonkurrenz Bezos-Musk Amazon bei der FCC einen Antrag für ein nicht-geostationäres Netzwerk von 3236 Satelliten auf 98 Umlaufbahnen in einer Höhe von 590, 610 und 630 km eingereicht. Es würde also voll um die Erde werden, wo jetzt bereits 4.816 Satelliten, davon 2000 noch funktionsfähig, und über 14.300 Raketen, Raketen- und andere Schrottteile kreisen. Die neuen kleineren Satelliten werden die Schicht aus Weltraumschott um die Erde mehren und es mitunter künftig schwieriger machen, den Weltraum zu beobachten oder in ihn zu gelangen.

Schließlich wollen nicht nur Amazon und SpaceX, sondern viele andere Unternehmen wie Samsung, OneWeb oder Kepler eine große Menge Satelliten in Umlauf bringen. Damit wird für die weltweit flächendeckende Breitbandkommunikation durch Satelliten nicht nur die erdnahen Umlaufbahnen mit Artefakten verdichtet, sondern auch das Klima der Erde mit vermutlich Tausenden von Raketenstarts belastet. Ein Start einer Falcon-9-Rakete belastet nach Berechnungen die Atmosphäre mit 640 Tonnen CO2-Äquivalent. Dazu kommen Rußpartikel in großer Höhe, die die Temperatur auf der Erde beeinflussen könnten. Möglich wäre auch wieder ein Abbau der Ozonschicht.

Amazon will die digitale Kluft schließen

Amazon erklärt, dass es vielen Millionen Menschen und Firmen in den USA und auf der ganzen Erde, die bislang keinen Zugang zu einer breitbandigen Kommunikation haben, einen solchen verschaffen will. Mit dem Kuiper System soll die "digitale Kluft" geschlossen und schnelle Internetverbindungen auch in ländliche und schwer zu erreichende Gebiete gebracht werden. Weltweit hätten 3,8 Milliarden Menschen keine schnelle und verlässliche Breitbandverbindung. Denen wird Amazon wahrscheinlich keinen Breitbandzugang kostenlos gewähren.

Überdies werde mit dem Kuiper System die Mobilkommunikation erweitert und mobile Breitband-Konnektivität für den Luft-, Land- und Schiffsverkehr ermöglicht, also auch für den Betrieb von autonomen Fahrzeugen. Aufgefahren wird auch das Internet der Dinge, Maschine-Maschine-Kommunikation etc. Der Vorteil von Amazon sei, dass es auch die notwendige terrestrische Netzwerk- und Computerinfrastruktur mit interkontinentalen Glasfaserverbindungen, Datenzentren, Rechenkapazitäten, Techniken und dem Wissen, die Daten sicher zu transportieren, besitze.

Wie Kuiper die Satelliten in die Umlaufbahn bringen will, ist noch nicht bekannt. Bezos hat ja auch mit Blue Origin ein eigenes Raumfahrtunternehmen, das mit New Glenn auch einen Raketentyp zur Verfügung haben könnte. Einsatzbereit soll sie aber erst 2021 sein. Unklar ist auch, ob Amazon eigene Satelliten bauen will oder welche von einer anderen Firma kauft.

Bild: Starlink

Einige der Starlink-Satelliten wurden schon zu Weltraummüll

Eilig scheint es Amazon mit dem Satellitenprojekt, das Zugang zu weiteren Kunden bietet, geworden zu sein, nachdem SpaceX am 23. April mit einem Raketenstart gleich 60 Starlink-Satelliten in eine Umlaufbahn gebracht hat. Dabei stellte sich aber heraus, dass drei der 60 Satelliten nun schon zum Weltrauschrott gehören. Man ist allerdings nicht sehr gesprächig. Gegenüber Business Insider räumte Starlink Ende Juni ein, dass drei Satelliten nicht funktionsfähig waren (failed) und angeblich "passiv" beim Eintritt in die Atmosphäre verglühen werden.

45 Satelliten hätten ihre finale Position erreicht. Da wäre also eine Unsicherheit bei weiteren 12 Satelliten. 5 Satelliten würden bald ihre Position erreichen, weitere 5 wären auf dem Weg dorthin, 5 weitere würden noch überprüft, von denen allerdings 3 nicht mehr in Funktion sind. Und offenbar sollen zwei Satelliten "absichtlich" passiv in die Atmosphäre eintreten, um ein Ende der Lebenszeit zu simulieren. Versichert wird, dass alle 5 Satelliten beim Eintritt in die Erdatmosphäre verglühen würden, wodurch der Einsatz für eine "saubere Umwelt" kenntlich werde. Über den Grund, warum es mindestens bei drei Satelliten Pannen gab, wollte man sich nicht äußern. Elon Musk hatte im April gesagt, die Technik sei neu, man müsse damit rechnen, dass einige Satelliten nicht arbeiten.

Wilder Westen Weltraum

Wenn aber ein Zwanzigstel, vielleicht auch fast ein Zehntel der in den Weltraum gebrachten Satelliten nicht funktioniert, wäre dies schon eine gewaltige Menge, sollten Tausende in eine Umlaufbahn gebracht werden. Noch ist auch nicht klar, wann die Schrottsatelliten in die Atmosphäre stürzen und welche Folgen es hätte, wenn tausende Satelliten dies über die Jahre hinweg tun. Versichert wird von Starlink, dass die Satelliten entweder ihren Antrieb nutzen werden, um innerhalb von Monaten in der Atmosphäre zu verglühen. Und wenn "in einem unwahrscheinlichen Ereignis das Antriebssystem unbrauchbar wird, werden die Satelliten innerhalb von 1-5 Jahren in der Erdatmosphäre verglühen, bedeutend schneller als die Hunderte oder Tausende von Jahren, die für Satelliten in höheren Umlaufbahnen erforderlich sind".

Das mag man glauben oder auch nicht, die FCC glaubt dies offenbar - und erteilt Genehmigungen für amerikanische Satelliten, die um die ganze Erde kreisen und alle anderen Staaten betreffen können. Nach den Weltraumgesetzen ist dies möglich, aber es ist doch ein Irrsinn, dass nationale Behörden das Vollpflastern der Umlaufbahnen mit zigtausenden Satelliten, mit dem anfallenden Schrott und der Belastung der Atmosphäre durch Raketenstarts und abstürzenden Müll mit Folgen für die ganze Menschheit genehmigen können.

Peripher erscheint da schon eher die Beschwerde von Astronomen, aufgrund der Satelliten keinen ungehinderten Blick mehr in den Weltraum zu haben. Die Sonnensegel der Satelliten stören die Astronomen, sie seien heller als vermutet. Oligarch Musk entgegnete: "There are already 4900 satellites in orbit, which people notice ~0% of the time. Starlink won't be seen by anyone unless looking very carefully & will have ~0% impact on advancements in astronomy." Eine australische Astronomin stellte angesichts von Starlink die entscheidende Frage: "Wer darf die Erdulaufbahnen benutzen und zu welchen Zwecken?"