Auch Großbritannien führt eine Drohnen-Todesliste

Britische MQ-9 "Reaper" beim Einsatz über Afghanistan. Bild: POA(Phot) Tam McDonald/MOD. Lizenz: ODL

Das Land tritt gegen die Todesstrafe ein, aber praktiziert die Hinrichtung von Menschen ohne jegliche Gerichtsverfahren

Seit fast fünfzehn Jahren führen die Vereinigten Staaten ihren Drohnen-Krieg. Im Zentrum dieses Schattenkrieges steht vor allem die Todesliste, auf der die Namen von Zielpersonen vermerkt sind - die sogenannte "Kill List". Wie mittlerweile bekannt ist, wird sie vom US-Präsidenten höchstpersönlich wöchentlich, an jedem Dienstag, unterzeichnet und abgesegnet.

Vor wenigen Tagen wurde allerdings bekannt, dass die USA nicht der einzige Staat dieser Welt sind, der eine solche Drohnen-Todesliste führt. Ein ausführlicher Bericht der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve macht deutlich, dass auch die Briten, die ebenfalls bewaffnete Drohnen einsetzen, eine derartige Liste führen - und ihren Opfern teils merkwürdige Codenamen geben, etwa jene von Musikern, Comicfiguren oder Pornodarstellern.

So wurden manche der Ziele, hauptsächlich Terrorverdächtige, allerdings auch angebliche Drogenschmuggler, unter anderem als Britney Spears, Drake, Krusty the Clown, Iron Man oder Garfield bezeichnet.

Laut Reprieve würde diese ungewöhnliche Namensgebung für die Öffentlichkeit besonders schockierend sein, da sie den gesamten Prozess der Tötung vollkommen entmenschlichen soll.

Abgesehen davon macht der Bericht deutlich, dass Großbritannien schon früh nach Beginn des "Krieges gegen Terror" seine eigene Todesliste erstellte und in diesem Zusammenhang eng mit Washington zusammenarbeitete. Prekär ist die Tatsache, dass Großbritannien seinen Schattenkrieg nicht nur in bekannten Kriegszonen, etwa in Afghanistan, führt, sondern auch in Staaten wie Pakistan. Offiziell herrscht in diesem Land jedoch kein Krieg. Des Weiteren zählt die Regierung in Islamabad zu den engsten Verbündeten Londons.

Ähnlich verhält es sich mit dem Drohnen-Krieg der USA, der unter anderem ebenfalls in Staaten stattfindet, mit denen sich Washington offiziell nicht im Krieg befindet, etwa Pakistan, Jemen oder Somalia.

In diesem Kontext wird auch klar, dass die britische Regierung bezüglich ihrer Kriegsaktivitäten mehrmals gelogen hat. So suggerierte etwa David Cameron, der britische Premierminister, im September 2015 die Einführung einer Liste, auf der sich Individuen befinden, die eine "Gefahr" darstellen würden. Reprieve hebt diesbezüglich hervor, dass diese Politik, die Individuen, die dem staatlichen Sicherheitsapparat oder dem Militär nicht passen, zum Ziel macht, keineswegs neu ist, sondern schon seit über einem Jahrzehnt im Geheimen im Gange ist.

"Für ein Land, welches lautstark gegen die Todesstrafe eintritt - sogar im Falle einer Verurteilung nach einem fairen Gerichtsverfahren - ist diese Heuchelei gewaltig. Nun wissen wir, dass britische Behörden tief verwickelt sind in die Hinrichtung von allen möglichen Menschen, inklusive angeblicher Drogendealer, ohne jegliche Gerichtsverfahren", meinte etwa Clive Stafford Smith, der Leiter von Reprieve.

Ein Leben auf der Kill List

Wie sich jemand fühlt, dessen Name auf einer solchen Todesliste - egal ob britische oder amerikanische - steht, machte ein Betroffener auf beeindruckende Art und Weise deutlich. Vergangene Woche veröffentlichte der britische Independent einen Kommentar von Malik Jalal, einem Mann aus Waziristan, jener pakistanischen Region, die an Afghanistan grenzt und seit Jahren von den "Todesengeln", wie die einheimische Bevölkerung die unbemannten Maschinen nennt, heimgesucht wird.

Mit zwei GBU-12 226kg Laser-gelenkten Bomben und vier Hellfire Luft-Boden-Raketen bewaffnete MQ-9 "Reaper" in Afghanistan. Bild: U.S. Air Force

Jalal gehört zum Führungskreis eines Friedenskomitees in seiner Region. Ziel des Komitees ist die Vermittlung zwischen den lokalen Stämmen und den Taliban. Wie viele andere Menschen in Waziristan glaubt Jalal an eine friedliche Lösung zwischen den Stämmen und den ansässigen militanten Gruppierungen. Dies ist nicht verwunderlich, da viele Taliban-Kämpfer gleichzeitig auch Stammesmitglieder sind. Als diese sind sie mit den gesellschaftlichen Strukturen vor Ort tief verbunden. Jalal betont, dass das Vorgehen des Komitees der pakistanischen Regierung ein Dorn im Auge ist.

Im Laufe mehrerer militärischer Operationen Islamabads wurde Waziristan in den letzten Jahren mehrfach verwüstet. Bei den zahlreichen Angriffen starben nicht nur bewaffnete Taliban-Kämpfer, sondern auch zahlreiche Zivilisten. Menschenrechtsorganisationen berichteten immer wieder von Kriegsverbrechen. Tausende Menschen sahen sich gezwungen ihre Heimat zu verlassen und fanden unter anderem Zuflucht in einigen Regionen Afghanistans.

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Mit zwei GBU-12 226kg Laser-gelenkten Bomben und vier Hellfire Luft-Boden-Raketen bewaffnete MQ-9 "Reaper" in Afghanistan. Bild: U.S. Air Force

Bezüglich des Drohnen-Krieges in der Region spielt der pakistanische Sicherheitsapparat seit Jahren eine führende Rolle. Der Krieg mit den Todesmaschinen wird nicht nur toleriert, sondern auch gefördert. Zwischen dem pakistanischen Geheimdienst ISI sowie der CIA findet seit Jahren ein reger Informationsaustausch statt. Dies betrifft auch potenzielle Ziele von Drohnen-Angriffen.

Im Januar 2010 wurde Malik Jalal das erste Mal von einer Drohne angegriffen. Er hatte Glück und überlebte unverletzt. Sein Neffe, Salimullah, musste schwerverletzt ins Krankenhaus. Vier weitere Männer, die in einer nahegelegenen Miene arbeiteten, wurden getötet.

Im September desselben Jahres fand der nächste Angriff auf Jalal statt. Er war gerade auf dem Weg zu einer Stammesversammlung, als der Wagen hinter ihm zerbombt wurde. Die vier Insassen, wieder waren es lediglich lokale Arbeiter und keine bewaffneten Kämpfer, wurden getötet, Jalal überlebte ein weiteres Mal.

Einen Monat später fand ein weiterer Drohnen-Angriff statt. Drei Menschen wurden getötet. Unter ihnen befand sich auch Jalals Cousin, Kalimullah. Jalals Verdacht schien sich zu bestätigen. Er war zum Ziel der Drohnen geworden.

Im März 2011 fand ein vierter Anschlag auf Jalal statt und traf eine Stammesversammlung. Über vierzig Zivilisten wurden an jenem Tag getötet. Viele von ihnen waren Mitglieder des Friedenskomitees. Ein weiteres Mal überlebte Jalal - und erlebte das Massaker hautnah.

Quellen, die Jalal aufgrund ihrer eignen Sicherheit nicht genauer benennen möchte, haben bestätigt, dass er und andere Mitglieder des Friedenskomitees von Nordwaziristan auf der Todesliste der Amerikaner und ihrer Verbündeten stehen. Aus irgendeinem Grund will das Weiße Haus Jalal und seine Freunde in Leichensäcken sehen.

Von nun begann Malik Jalal, seinen Alltag zu ändern. Er parkte sein Auto immer abgelegen, weit weg vom eigentlichen Zielort. Er mied Einladungen zu Abendessen - aus Angst, dass das Mahl mit einem Drohnen-Massaker enden könnte. Nachts schlief Jalal außerhalb des Hauses, etwa unter Bäumen, um seine Familie nicht zu gefährden.

Auch Jalals Kinder fürchten sich. Sein kleiner Sohn Hilal meinte einst zu seinem Vater, dass auch er Angst vor den Drohnen habe. Jalal versuchte ihn zu beruhigen, indem er behauptete, Drohnen würden keine Kinder töten. Doch Jalals Sohn wusste, dass das eine Lüge war.