Auch Saudi Arabien startet Kampfdrohnenprogramm

Es wird eng an Syriens Himmel: Mindestens sechs Staaten lassen in Syrien Drohnen fliegen und töten

Die Windschutzscheibe ist zersplittert, die Motorhaube eingeschlagen. In einem YouTube-Video steht Bilal Abdul Kareem vor dem, was einmal sein Auto war und erzählt über das, was eigentlich eine journalistische Recherche in Syrien werden sollte und fast mit dem Tod des amerikanischen Reporters endete. "Für ungefähr eine halbe Stunde hörten wir Drohnen über unseren Köpfen", erklärte er einige Tage nach dem Angriff gegenüber "The Intercept". "Wir saßen im Auto und dann plötzlich wurde alles schwarz. Es fühlte sich an, als hätte sich die Erde geöffnet und uns verschluckt. In Wahrheit hat die Explosion unser Auto in die Luft geworfen."

Die Geschichte von Abdul Kareem, der unter anderem für CNN und den britischen Channel 4 arbeitet, mag nicht ungewöhnlich sein in einem Land, in dem schon dutzende Journalisten ihr Leben verloren. Ungewöhnlich ist hingegen, dass Fast-Drohnenopfer Abdul Kareem nicht weiß, welche der Konfliktparteien ihm nach dem Leben trachtete. Denn während in Ländern wie Somalia, Afghanistan oder Pakistan die USA ein Monopol auf die unbemannten Tötungen haben, fliegen in Syrien Kampfdrohnen von einer ganzen Reihe von Staaten.

Saudi-Arabien will die chinesische Kampfdrohne Pterodactyl kaufen. Screenshote aus YouTube-Video

Mindestens sechs Staaten lassen in Syrien Drohnen fliegen und töten

Mindestens sechs Staaten lassen mittlerweile ihre unbemannten Kampfflugzeuge am syrischen Himmel aufsteigen und am syrischen Boden töten. Neben den USA, Russland und Großbritannien, sind das Israel und sehr wahrscheinlich auch der Iran und die Türkei.

Öffentlich wahrgenommen werden die Einsätze meist nur dann, wenn irgendetwas (aus Sicht der Angreifer) schief läuft. Wie in dieser Woche, als die Meldung über den Angriff einer israelischen Drohne es nur deshalb in die Medien schaffte, weil die syrische Regierung angab, das unbemannte Flugzeug über den syrischen Golanhöhen abgeschossen zu haben. Oder wenn die beteiligten Staaten aus Propagandagründen selbst mit ihren Drohneneinsätzen prahlen: Wie im Falle des Iran, dessen Staatsfernsehen Ende 2015 stolz Bilder einer selbst entwickelten Kampfdrohne zeigte, die in Syrien getestet worden sein soll.

Doch die Mehrzahl jener Staaten, die in Syrien mit unbemannten Flugzeugen töten, verhält sich hinsichtlich ihrer Drohnennprogramme wie ihre Drohnen selbst: leise und unauffällig. Darüber, dass es die Liste jener Staaten, die in Syrien unbemannt töten, noch länger werden könnte, haben nun arabische Medien berichtet. Der nächste mögliche Player am syrischen Himmel: Saudi-Arabien. Dessen Regierung soll in China mehrere Kampfdrohnen bestellt haben.

WikiLeaks veröffentlichte Hinweise auf saudische Drohnenwünsche

Produzent der Drohnen ist der chinesische Rüstungshersteller Chengdu, dessen Kampfdrohne Pterodactyl, auch Wing Long genannt, nach eigenen Angaben nicht nur zur Überwachung eingesetzt, sondern auch mit Boden-Luft-Raketen und Laser-gestützten Bomben bestückt werden kann. Vorbild für die Entwicklung der rund zehn Meter langen Drohne ist die Predator-Drone der US-Armee, mit der die Vereinigten Staaten vor allem einen Großteil ihrer Angriffe in Pakistan fliegen. Letztes Jahr hatte China bereits CH-4-Kampfdrohnen an das irakische Militär geliefert (Irakische Regierung führt erste chinesische Kampfdrohne vor).

Hinweise darauf, dass Saudi-Arabien sich um die Anschaffung von Kampfdrohnen bemüht, gibt es bereits seit mehreren Jahren. In einer 2011von WikiLeaks veröffentlichen Botschaftsdepesche berichtete ein Vertreter der US-Botschaft über ein Treffen des damaligen US-Botschafters James Smith mit dem damaligen stellvertretenden saudischen Verteidigungsministers Prince Khalid bin Sultan. Bin Sultan war in den Jahren 2009 und 2010 verantwortlich für Luftangriffe auf den Jemen, bei denen damals hunderte Zivilisten umkamen. Von Smith auf die Bombardierung eines jemenitischen Krankenhauses angesprochen, machte dieser laut der Depesche ausbleibende amerikanische Drohnen-Lieferungen verantwortlich: "Hätten wir den Predator, hätten wir das Problem vielleicht nicht."

Auch in den folgenden Jahren scheint sich die US-Regierung - anders als im Falle anderer Waffenlieferungen - geweigert zu haben, Drohnen an Saudi Arabien zu verkaufen. Noch im Jahr 2015 verweigerte das US-Außenministerium die Lieferung von Kampfdrohnen und verwies auf einen "Mangel an Regierungstransparenz" hinsichtlich der Aufklärung von "Menschenrechtsproblemen" in Saudi Arabien.

Anfang dieses Jahres berichteten Medien hingegen über einen weiteren möglichen Drohnen-Lieferanten: Israel. "Saudi Arabien kauft israelische Drohne über Südafrika. Diese Drohnen kommen später zerlegt aus Südafrika nach Saudi-Arabien, wo sie wieder zusammengebaut werden", zitierte die Jerusalem Post einen anonymen saudischen Whistleblower. (Fabian Köhler)

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