Auch die Nakba ist Teil der deutschen Geschichte!

Palästinensische Mutter mit Kind, 1948. Bild: Hanini, CC BY-SA 3.0

Über Israel-Palästina-Traumata und den Rassismus in der deutschen Staatsraison

In den sozialen Medien kracht es! Kaum eine Diskussion wird in Deutschland dieser Tage derart scharf geführt wie die über den Israel-Palästina-Konflikt. Hinter diesem Disput stehen nicht nur die Komplexität der politischen und geopolitischen Fragen. Emotionale Aufladung und Verbitterung gehen auch auf kollektive Traumata zurück.

Das nationale Trauma in Folge des historisch einmaligen Verbrechens des Holocausts mündete in Deutschland in der herrschenden Staatsraison mit ihrer bisher bedingungslosen Solidarität mit dem Staat Israel als Schutzraum für die jüdische Bevölkerung. Auf der anderen Seite aber steht das Trauma der Nakba, der in Folge der israelischen Staatsgründung einsetzenden Verdrängung der angestammten arabischen Bevölkerung und der Besetzung ihres Landes durch zionistische Siedler, die bis heute andauert.

Ein Teil des humanistischen historischen Bewusstseins in Deutschland basiert auf dem Gedenken an Auschwitz und auf der Empathie und Identifikation mit den Opfern der Shoa. Dass dies nie wieder geschehe und dass jede Grundlage von Antisemitismus und Rassismus bekämpft gehört, ist eine gesellschaftliche Übereinkunft. Es ist ein zu Recht nicht verhandelbarer Konsens, dass die Geschichte des Schreckens von Holocaust und die aktive Verantwortung der Millionen aus der Großelterngeneration eine besondere Verantwortung dieses Landes gegenüber dem jüdischen Leben, egal wo in dieser Welt, mit sich bringt.

Das Problem im heutigen Deutschland ist die Ausblendung und Verleugnung des anderen Traumas neuerer Teile der hiesigen Bevölkerung – mitsamt der daraus erwachsenden Konsequenzen für staatliches Handeln. Deutsche Geschichte ist demnach nur die Geschichte derer, deren Großeltern auch hier gelebt haben. Die Traumata der migrierten Bevölkerung aus dem arabisch-islamischen Raum gehören scheinbar nicht dazu.

Gründung Israels notwendig – nur zu welchem Preis?

Die Gründung Israels als historische Notwendigkeit zur Schaffung eines Schutzraums für Jüd:innen wurde auf dem Rücken der indigenen Bevölkerung Palästinas verwirklicht. Bis zu einer Million Menschen wurden vertrieben, sie verbringen seit Generationen ein Leben in Flüchtlingslagern, ohne Aussicht auf ein würdevolles Dasein. Anderen Indigenen wurde das Land, auf dem sie und ihre Vorfahren einst lebten, im Laufe der Geschichte Stück für Stück entrissen. Und die, die bleiben konnten, wurden zu Menschen zweiter Klasse.

Die Vertreibung wurde nie gestoppt, auch wenn die großen brutalen Ereignisse lange her sind. Sie dauerte im Alltag immer weiter an. Das Land, das den ursprünglichen Einwohnern Palästinas blieb, wurde immer kleiner, immer segmentierter, sodass auch die Perspektive eines souveränen palästinensischen Staates immer weniger real erscheinen muss.

Auch die aktuelle Eskalation ist ausgelöst worden durch Vertreibung, dieses Mal von palästinensischen Familien aus ihren Häusern in Sheikh Jarrah. Der israelische Philosoph Omri Boehm warnt daher in der Berliner tageszeitung: "Wenn es keine demokratische Alternative gibt, ist eine zweite Nakba möglich, nicht 'nur' Apartheid."

Die Vertreibung und das Schicksal der Palästinenser:innen ist eine Wunde in der Seele des Orients und der islamischen Welt, die bis heute nicht verheilt, sondern immer wieder aufgerissen wird. Es gibt seit der Nakba eine humanistische, aber auch kulturell, ethnisch-religiös basierte empathische Identifizierung mit den vertriebenen Palästinenser:innen in der Bevölkerung vom nördlichen Westafrika über Istanbul bis Indonesien.

Die Menschen dort sehen den Opfern der Nakba ähnlich, sie haben die gleichen ethnischen Merkmale und erkennen sich in ihrem Leid wieder. Dazu kommt, dass die Besatzer und Verdränger immer gestützt und hochgerüstet wurden von den imperialen Mächten, die auch ihre Länder kolonisiert und mit Kriegen überzogen haben. Und nun muss man sich der Tatsache stellen: Dieser Teil der Welt ist nun auch Teil Europas, Teil des postmigrantischen Deutschlands.

Diese historisch gewachsene empathische Identifikation mit dem Leid der Palästinenser:innen begründet die Wut in Teilen der migrantischen Gesellschaft, nicht aber eine von Konservativen heraufbeschworene Fata Morgana eines "importierten Antisemitismus". Natürlich gibt es die hässlichen und antisemitischen Aktionen in diesen Tagen, die insbesondere von türkischstämmigen rechtsradikalen und islamistischen Gruppen ausgehen. Diese sind zu verurteilen und strafrechtlich zu verfolgen.

Es ist auffällig, wie bewusst viele Organisator:innen der propalästinensischen Demonstrationen dieses Problem ansprechen und dagegen vorgehen, während die Medien, allen voran die konservativen, sich auf die einzelnen antisemitischen Aktionen und Stimmen stürzen, um die gesamte Solidaritätsbewegung in dieses Licht zu stellen.

Trauma der Nakba über Generationen

Die breite Wut in Teilen der migrantischen Gesellschaft ist legitim und begründet, basierend auf dem Trauma der Nakba, das sich über Generationen erstreckt und identitätsstiftend wirkt. Die Identifikation wird verstärkt von der Erfahrung aus der eigenen Lebenswelt in Deutschland, wo der Staat, der sie immer wieder diskriminiert, weitgehend auf der Seite der Vertreibung steht.

Mit der Leugnung dieses Traumas als Teil deutscher Geschichte und Verantwortung befördert die deutsche Staatsraison den von Neurechten beschworenen "Kampf der Kulturen". Denn wer den Geschichten und Traumata von migrierten Teilen der Bevölkerung keinen Platz gibt, leugnet indirekt ihre gleichwertige Position in der Gesellschaft.

In Konsequenz heißt das auch: Wenn die traumatische Erfahrung der Nakba für die islamische Welt nicht zu Deutschland gehört, gehören auch die Muslime nicht zu Deutschland oder Europa. Gehören sie dazu, und das ist nicht mehr verhandelbar, gehört auch ihre Geschichte dazu.

Deutschland muss sich lösen von der ethnozentristischen Komposition seines Geschichtsbildes, wenn dieser Konflikt die Gesellschaft nicht weiter spalten soll. Bleibt die Staatsraison so einseitig und leugnet die Geschichte von migrierten Minderheiten, ist das die beste Voraussetzung, viele Menschen in die Arme von Kulturkrieger zu treiben, die nach einem neuen Dschihad rufen.

Auch ist diese Haltung aus der Zeit gefallen. Die kritische und multikulturelle Gesellschaft folgt längst nicht mehr dem national engen Rahmen der Geschichte. Sie ist offen für die verschiedenen regionalen Stränge einer neuen inklusiven, kollektiven, nationalen oder auch europäischen Identität.

Nur im gemeinsamen Zusammentragen der Leidensgeschichten und in der Rücksicht auf die verschiedenen Traumata kann ein Miteinander gelingen, das rassistischer Diskriminierung und islamistisch-antisemitischen Hass den Raum nimmt. Das heutige Deutschland steht aus seiner Geschichte heraus auf ewig in Verantwortung für die jüdische Weltbevölkerung – aber auch für das Schicksal der arabischen Bevölkerung Palästinas.