Auch die Sims lieben Sex

Kritische Berichte über das Leben in den Sims-Online-Gemeinden lieben ihre Väter und Mütter dagegen nicht

Bei den Sims war die Welt stets in Ordnung. Zwar kann man schon seit längerem bei dem Spiel, das zu den erfolgreichsten Simulationsspielen überhaupt zählt, seine Figuren dank im Netz angebotener Nackt-Patch so verändern, dass sie unter ihren Klamotten "richtig" menschlich aussehen. Aber Sex war und ist bei dem Spiel dennoch ein Fremdwort. Genau wie Kriminalität, Betrug und andere Dinge, die in einer heilen und vorwiegend für Kinder und Jugendliche gedachten Spielewelt ­ zumindest nach Meinung der Hersteller Electronic Arts und Maxis - nun einmal nicht gehören.

Doch das hat sich nun offenbar geändert. Seit mehreren Monaten kann man die Sims in einer englischsprachigen Fassung nämlich auch online spielen. Was dabei alles möglich ist, klingt auf der Seite thesims.de nach einem harmlosen Spaß, der im Augenblick allerdings knapp zehn Dollar pro Monat kostet:

Der Spieler ist, wer er sein will ­ Er erstellt und gestaltet seinen Sim ganz individuell so, wie er selber ist - oder jemand anders. Wer möchte er sein? Launisch, berechnend oder albern? Ein Friedensstifter oder eine Nervensäge, ein Einsiedler oder ein Aufmüpfiger?
Bau eines Traumhauses ­ Der Spieler baut sein Traumhaus, die hippste Boutique oder den coolsten Treffpunkt in der Nachbarschaft. Die einzige Grenze dieser benutzererstellten Online-Welt ist das Internet.
Mitbewohner und Partner ­ Der Spieler baut einen Freundeskreis auf, macht mit seinen Mitbewohnern Geschäfte, verbessert die Nachbarschaft oder eröffnet eine Bar.
Der Spieler spricht für sich selber ­ Der Spieler trifft andere Sims, flirtet mit ihnen und lernt sie mit Hilfe von Live-Chats, geheimen Kurznachrichten und einer Vielzahl von animierten Gesten und Aktionen näher kennen.
Das Leben ist, was man daraus macht - Der Spieler lässt seiner Fantasie freien Lauf. Er wählt seine Online-Rolle und geht seinen Weg in dieser unberechenbaren, grenzenlosen Online-Welt. The Sims Online ­ wo das wahre Leben seltsamer ist als die Fiktion.

Viele der Spieler haben inzwischen diese Beschreibung offenbar wortwörtlich genommen, haben ihrer irdisch-realen Fantasie also virtuell freien Lauf gelassen und tatsächlich eine unberechenbare Online-Welt geschaffen. In den mittlerweile entstandenen virtuellen Städten wird nämlich gehurt, betrogen und geklaut - fast wie im richtigen Leben. Das behauptet zumindest The Alphaville Herald, ein Weblog, das im Oktober online ging und vor allem aus dem Leben der größten Sims-Gemeinde, Alphaville, berichtet.

In dieser Stadt, die sogar über eigene Radiostationen verfügt, blüht demnach das Geschäft mit dem Cybersex.Mafia-Familien sorgen aus ihrer ganz speziellen Sicht für Recht und Ordnung, wenn sie sich nicht gerade gegenseitig bekriegen oder andere Mitspieler erpressen. Und einige der in The Alphaville Herald erhobenen Vorwürfe und beschriebenen Vorgänge sind so haarsträubend, dass die Verantwortlichen eigentlich handeln und einschreiten müssten.

Das haben sie nun auch getan, indem sie kurzerhand den Chef des Weblog aus Alphaville ausgeschlossen haben. In einem Brief bedauerte Electronic Arts zwar diese Maßnahme: Man sei aber der Meinung, dass der Schritt gut für das Spiel und die Community gewesen sei.

Gegründet hat The Alphaville Herald Peter Ludlow, Professor an der University of Michigan, der sich als Philosoph für die Zusammenhänge zwischen realem und virtuellem Leben interessiert und deshalb als Avatar Urizenus an dem Leben in Alphaville teilgenommen hat. Aber nicht nur der Philosoph ist bei Sims-Online zur unerwünschten Person erklärt worden, auch einige Spieler, die in ihren Profilen Links zu seiner Seite veröffentlicht hatten, haben ihren Account verloren.

Eine auf den ersten Blick zwar seltsame Vorgehensweise, weil The Alphaville Herald keine kommerzielle Netzseite ist und daher auch nicht gegen die Nutzungsbestimmungen verstößt. Aber vermutlich haben die verantwortlichen Unternehmen in Wirklichkeit nur Angst, dass Berichte über die Schattenseiten von Sims-Online dafür sorgen könnten, dass das Spiel zukünftig als nicht jugendfrei eingestuft wird. Das wäre für die Betreiber nämlich ein echter Super-GAU, weil die Nachfrage nach Sims-Online mit stagnierenden 80.000 Mitspielern schon jetzt äußerst enttäuschend ist. (Ernst Corinth)

Anzeige