Auch die "Volksrepubliken" kündigen eine Mobilmachung an

Ukrainische Milizen machen zunehmend Probleme, an den Einfallsstraßen von Kiew werden Scharfschützen postiert

In der Ukraine hat Präsident Poroschenko eine Mobilmachung in drei Wellen angeordnet. Die erste Phase hat am 20. Januar begonnen, hier sollen 50.000 Menschen eingezogen werden. Weil die gerne in Regierungskreisen gefeierte patriotische Stimmung nicht so wirklich vorhanden ist, versicherte Poroschenko, dass die Eingezogenen nicht im Krieg eingesetzt würden, gleichzeitig wurde ein Ausreisestopp für die Männer im wehrfähigen Alter angeordnet, die nur noch mit Sondergenehmigungen des Militärs über die Grenze gelassen werden.

Auch Alexander Sachartschenko, der Führer der "Volksrepublik" Donezk, kündigte eine Mobilmachung an. Bild: novorossia.su

Viele scheinen sich der Mobilmachung entziehen zu wollen, indem sie sich verstecken, anderswohin ziehen oder beispielsweise nach Russland fliehen, wo Präsident Putin gönnerhaft die Aufenthaltsdauer verlängert hat. Bei den Straßen nach Kiew werden an 8 Straßensperren Stellungen für Scharfschützen eingerichtet.

Schwierigkeiten gibt es mit der Miliz Aidar, die "Freiwilligen" begehen etwa in der von der Ukraine kontrollierten Region Lugansk Entführungen, Plünderungen, Schlägereien und Diebstahl. Die ukrainischen Streitkräfte sollen auch bereits mehrmals auf Stellungen der Miliz mit Raketenwerfern geschossen haben. Unklar ist, ob das "Bataillon" nun aufgelöst worden ist oder nicht, am Wochenende demonstrierten Milizionäre vor dem Hauptquartier der Armee in Kiew. Einer der Kommandeure, Serhiy Melnychuk, ist Abgeordneter der Radikalen Partei, der andere, Ihor Lapin, ist Abgeordneter der Volksfront. Man ist also gut verankert in der Politik.

Vom Verteidigungsministerium heißt es, Aidar werde neu aufgestellt und verstärkt. Offensichtlich gibt es auch Probleme mit der Bezahlung. Aidar wurden bereits im September von Amnesty Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

In Debalcevo scheinen die ukrainischen Streitkräfte weitgehend eingeschlossen zu sein. Die Stadt wird von den Separatisten bombardiert. Es gibt keinen Strom und kein Warmwasser mehr, die Menschen haben sich in die Keller geflüchtet, die Zahl der Toten steigt. Über 2000 Zivilisten seien aus Debaltseve und Avdiyivka evakuiert worden. Angeblich hält die Nationalgarde noch die Stadt und verhindere, dass die "Tasche" geschlossen werde.

Während sich Kiew weiter auf den Krieg vorbereitet, da der Waffenstillstand nur noch auf dem Papier steht, die Verhandlungen in Minsk nicht vorankommen und die Kämpfe zunehmen, rüsten auch die Volksrepubliken auf und haben ihrerseits eine Mobilmachung beschlossen, um Truppen aufzubauen. Alexander Sachartschenko, der Führer der "Volksrepublik" Donezk, kündigte an, die Gesamtstärke der Bewaffneten durch die Mobilmachung auf bis zu 100.000 zu erhöhen (Angaben wurden berichtigt). Eine rhetorische Finte dürfte es sein, wenn Sachartschenko die Mobilmachung im Gegensatz zu der in der Ukraine als "freiwillig" bezeichnet. Zunächst offenbar hofft man, freiwillige Rekruten werben zu können, denen Kleidung und Ausrüstung, drei Mahlzeiten am Tag und ein "anständiges" gehalt geboten wird. Man wird damit rechnen müssen, dass auch hier viele jungen Männer, die noch dageblieben sind, versuchen werden zu fliehen. Ob sich dann Russland auch so kulant erweisen wird?

Während in der Ukraine die Kämpfe weitgehend von den Milizen geleistet werden, die zunehmend mit dem Kommando des Militärs unzufrieden sind und schon einmal einen "parallelen Generalstab" fordern, haben auf Seiten der "Volksrepubliken" bislang nur Milizen, möglicherweise unterstützt von russischen Soldaten, gekämpft. Auch hier wird sich die Situation ändern, wenn Truppeneinheiten aus Zwangseingezogenen mit an den Kämpfen beteiligt werden. In der Ukraine hat man große Probleme bei den Streitkräften mit Alkoholkonsum, Befehlsverweigerung oder Kampfunlust. (Florian Rötzer)

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