Auf Kriegsfuß mit den Lesern

Der Westen als Retter

Mit anderen Worten: Kritik im Kern ist fehl am Platze. Hinter einem "Irrtum" oder einer "Tragödie" stecken keine bösen Absichten, sondern im Gegenteil hehre Ziele, die allenfalls einmal verfehlt werden können. Ähnlichen Sinnes betont Christian Neef im Spiegel, man solle nicht vergessen, dass sich der Westen in den 90er Jahren für Russland "starkmachte", damit IWF und Weltbank milliardenschwere Kredite ausreichten und das Land so vor einer Katastrophe bewahrten. Doch leider sei Gewalt weiterhin "ein probates Mittel russischer Politik geblieben" und "eine Politik des politischen Kompromisses, wie sie der Westen pflegt", würde als Schwäche ausgelegt.

Somit werden einige Elemente eines Weltbildes kenntlich: der Westen als Retter, immer wieder auf der Suche nach Kompromissen, der IWF als Hilfsfonds, bereit, anderen unter die Arme zu greifen, der Irak-Krieg ein bedauerlicher Irrtum. Oder mit anderen Worten: Wir sind die Guten, zumeist von edlen oder doch zumindest vernünftigen Motiven geleitet - mit Sicherheit jedoch keine Abgesandten eines Imperiums.

Damit einem diese ebenso sympathische wie vielleicht letztlich doch grundlose Annahme nicht wie Schnee in der Sonne schmilzt, bedarf es gedanklicher Schutzblenden, um so höher und dichter, je stärker das Licht der realen und ungefilterten Informationen darauf scheint. Es gilt, manches konsequent auszublenden. Und offenbar ist das derzeit mehr, als die übergroße Zahl der Leser noch zu tolerieren bereit ist.

Ein weiterer Kern des beschriebenen Weltbildes, so wie es nun in der Ukraine-Krise zutage tritt, scheint die Annahme zu sein, im Westen herrsche Demokratie. Seinen ungläubigen Lesern erklärt Bernd Ulrich dazu in der Zeit, die "zeitweiligen Klüfte zwischen Regierungshandeln und Mehrheitsmeinung gehören natürlich zur Demokratie". Der Kabarettist Volker Pispers hat diesen seltsamen Widerspruch vor einiger Zeit einmal so auf den Punkt gebracht: "Wir haben eine Demokratie. Und Sie kriegen in einer Demokratie keine Mehrheit für eine Politik, von der 90 Prozent der Bevölkerung profitieren würde."

Abseits von Satire, aber inhaltlich sinnverwandt, zitierte der renommierte amerikanische Althistoriker Moses I. Finley (1912-1986) in einem seiner letzten Bücher Aristoteles1:

Tyrannis ist die Herrschaft eines Mannes zu seinem eigenen Nutzen, Oligarchie die Herrschaft zum Nutzen der Reichen, Demokratie die zum Nutzen der Armen.

"Peinliche" Fragen

Was vorrangig als Kommentar zur Gerechtigkeit in der Gesellschaft erscheint, lässt sich auch auf deren Außenpolitik ausweiten - die schließlich ebenso interessengeleitet ist. Natürlich geht es derzeit im Kern auch um die (exklusive) Bindung an die USA, die infrage zu stellen manchem "peinlich" oder "lächerlich" erscheint. Jasper von Altenbockum etwa, Innenpolitik-Chef der FAZ, kommentierte in der vergangenen Woche in Bezug auf das Gezerre um Snowden im NSA-Untersuchungsausschuss:

Die Lächerlichkeit der Berliner Hysterie liegt auch daran, dass sich eine ganze Schar deutscher Politiker von den Mächten, die sie täglich ausspioniert, ausgerechnet die vorknöpft, von denen sie beschützt werden und deren Interessen sie deshalb teilen sollten.

Die These, dass deutsche Politiker von den USA beschützt werden, ist vielleicht tatsächlich eine Debatte wert. Auch wenn sie in dieser Klarheit zunächst an das berühmte "Stockholm-Syndrom" erinnert - die Solidarisierung von Opfern einer Geiselnahme mit ihren Entführern. Christian Neef merkt im Spiegel zum Thema an, dass von den hierzulande stationierten US-Militärs "gerade mal 43.000 geblieben" seien, mithin keine ernste Bedrohung für irgendwen - ganz so, als sei die Anwesenheit einer ausländischen Militärmacht, in welcher Stärke auch immer, das Selbstverständlichste der Welt.

Bernd Ulrich konstatiert am Ende seines Kommentars immerhin wenigstens einen Punkt, über den Konsens herrscht: "So treffen in diesen Wochen Weltsichten aufeinander, die allem Anschein nach längere Zeit nicht miteinander ausgetauscht wurden." Und vielleicht ergibt sich am Ende ja doch noch eine produktive Debatte daraus. Denn alles Psychologisieren um die "Russland-Versteher" und deren historische "Schuldkomplexe" kann auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass Putin zumindest derzeit für viele praktisch und ganz konkret eine politisch glaubwürdigere Figur abgibt als mancher westliche Regierungschef. Um das wahrzunehmen, muss man sich keine russischen Verhältnisse wünschen. Man muss noch nicht einmal mit allen Entscheidungen des russischen Präsidenten einverstanden sein. Bei der Frage der Glaubwürdigkeit geht es weniger um Anhängerschaft, als um die innere Schlüssigkeit politischen Handelns, um die Akzeptanz bei der eigenen Bevölkerung, sowie die Autonomie von fremden Mächten.

Der Konflikt mit der Ukraine ist das Brennglas, in dem der Westen und insbesondere deutsche Politik ihre eigene Schwäche in diesen drei Punkten erkennen kann. Die Tausenden harschen Leserkommentare, die den Medien nun hierzulande um die Ohren fliegen, sind ein Weckruf an manchen, das eigene Weltbild erneut mit der Realität abzugleichen. Als Journalist auf Kriegsfuß mit den eigenen Lesern zu stehen, mag Stoff für eine absurde Komödie sein, dauerhaft durchhalten lässt es sich nicht. (Paul Schreyer)