Auf dem Narrenschiff

Ausschnitt aus dem Titelblatt von Sebastian Brants "Der Narrenspiegel, das gros Narrenschiff".

Mit Donald Trump hat die Postmoderne gesiegt, sind Wahrheit und Desinformation, Fiktion und Realität ineinander übergegangen und alle Positionen parteiisch geworden, die Wissenschaft inklusive

Ist Donald Trump nun ernsthaft an Covid-19 erkrankt oder hat es ihn nur leicht erwischt, so dass er bald wieder in den Wahlkampf zurückkehren kann? Die Situation um den Präsidenten hat nur noch einmal deutlich gemacht, dass sich in der Politik zunehmend Nebel ausbreitet, der von Medien vergrößert wird. Die Desinformations- und Verwirrungskampagne aus dem Weißen Haus hat Donald Trump, der König der Lügen, schon im Wahlkampf 2016 begonnen. Er hat ungeniert alternative Fakten und damit das Verschwinden einer kollektiv anerkannten Wirklichkeit durchgesetzt, ein Zustand, der daraus resultiert, dass die Öffentlichkeit permanent mit Lügen, Halbwahrheiten und Schwindeleien, gepaart mit bösartiger Demütigung der politischen Gegner, bombardiert wird.

Am Sonntag wurden Trump und sein Team vermutlich wieder beim Schwindeln ertappt. Das Weiße Haus verbreitete zwei Fotos, die zeigen sollen, wie Trump im Krankenhaus arbeitet und Dokumente unterschreibt. Seine Tochter Ivanka posaunte: "Nothing can stop him from working for the American people. RELENTLESS!" Schnell stellte sich nach Überprüfung der EXIF-Daten heraus, dass die Fotos, die Trump in unterschiedlichen Räumen zeigen, in einem Abstand von 10 Minuten gemacht wurden. Vergrößert man das eine Foto, um zu erkennen, was Trump unterschreibt, scheint es sich um ein leeres weißes Blatt zu handeln.

Im Barock wurde das Labyrinth zum Paradigma. Eine Welt, die von der Außenwelt so abgeschlossen ist, dass man nach Eintritt die Orientierung verliert und umherirrt. Eine selbstverschuldete Falle, ähnlich der Fliege, die in ein Fliegenglas geflogen ist und stur den Ausgang oben sucht. Das Barock hat gezeigt, dass es auch eine Lust am Eingesperrtsein gibt, einen betäubenden Schwindel, den Boden unter den Füßen zu verlieren, in die Bodenlosigkeit einer Phantasmagorie einzutreten und in ihr zu schwimmen oder zu surfen. Das Meer oder das Flüssige gegen den Boden und das Feste, die Verankerung in einem Fundament.

Nie gibt es symptomatisch eine Korrektur bei Trump, es wird trotz aller Faktenchecks und Evidenzen einfach weiter gelogen. Trump ist nur herausragendes Exempel für den Trend. Die Welt wird mit den digitalen Medien zu einer barocken Bühne der Täuschung, wie sie nach dem Buchdruck entstanden ist. Alles ist möglich, man fühlt sich wohl im Spiegellabyrinth, in dem es kein außen mehr gibt, man schafft immer mehr Simulakren und Illusionen, in denen man sich verliert. Wahrheit war einmal und wird selbst wie bei dem Kampf gegen Desinformation zum Spieleinsatz, alles ist subjektiv.

Gleichzeitig wächst die Skepsis, gedeiht das Misstrauen, verstärkt sich der Verdacht, dass hinter den Fake News und der Desinformation, die immer die anderen inszenieren, nichts mehr ist. Die Welt: ein Potemkinsches global village, ein fiebriges Gebilde mit vielen Schichten, wie in Stanislaw Lems Roman: "Der futurologische Kongress". Als Vorbilder wären das "Narrenschiff" von Brant, Calderons "Das Leben ist ein Traum", das "Lob der Torheit" von Erasmus oder natürlich der "Don Quijote" von Cervantes. In der Erzählung über ihn, so Cervantes, "taucht kein Moment der Wahrheit auf".

Die Angst, auf der Bühne der Täuschung ins Leere zu stürzen, wenn man hinter die Oberflächen und die sie produzierenden Maschinerie schaut, treibt die Menschen zur vermeintlichen Vererdung in der Heimat oder Nation, auch mitunter in der Religion, die bedroht wird, weswegen auch Verschwörungen und Paranoia vorherrschen, und gleichzeitig zur Herdenbildung, um sich Gewissheit zu verschaffen - gegen die anderen, die andere Wahnbilder vertreten. Das ist tödlich, weil zwischen den von Angst getriebenen und miteinander konkurrierenden Wahnvorstellungen jede vermittelnde und neutrale Instanz weggeätzt wird.

Man kann nur noch für uns oder gegen uns sein. Wir sind immer die Guten, die anderen sind die Bösen, der tiefe Staat, die Geheimdienste, die globalen Eliten, die Russen oder der Westen, die Mainstreammedien oder die Fake-News-Medien. Der Widerstand oder der leidenschaftliche Kampf gegen den Wahn der anderen verleiht dem eigenen Wahn Wirklichkeitscharakter. Donald Trump, der narzisstische Wirklichkeitsverleugner, der zum US-Präsidenten durch die Stimmen von Wirklichkeitsverweigern wurde, hat den Mechanismus nur deutlich gemacht, der eintritt, wenn die Kritik und die Aufklärung, ja in Zeiten von Klimawamdel und Covid-19 auch die Wissenschaft, selbst zur Partei werden und zum Teil des Labyrinths.

Ähnlich könnte die Situation zur Zeit von Platon gewesen sein. Er hat Sokrates gefeiert, der alle Gewissheiten mit Skepsis durchsetzt hat, um dann sein bekanntes Höhlengleichnis zu entwickeln, also die Ausarbeitung einer Desinformationsfalle, um zu erklären, warum Menschen alternative Fakten glauben und diese gegen Kritik und Aufklärung verteidigen. Wichtig dabei ist, dass die Aufklärung über Desinformation die Ausarbeitung von Techniken beinhaltet, wie dies möglich wäre, also wie kollektiv empfundene Wahrheit erzeugt werden kann. Als erster Schritt der Neuordnung des Realen und Fiktiven/Illusionären/Simulierten muss die Täuschung verallgemeinert und die Weltwahrnehmung irrealisiert werden, um Sein und Schein unentwirrbar zu verflechten. Das ist das Doppelgesicht der Aufklärung als Ent-täuschung, die Illusion vorgeblich zerstört, indem sie diese konstruiert.

Gegen die Lust an der Täuschung trat im Barock Descartes an, eine Rammwalze, ein Versuch, die Wahrheit gegenüber Illusion durchzusetzen, um eine völlig losgelöste, individuierte Gewissheit zu finden, die gleichzeitig völlig losgelöst von der Person allgemein ist. Entscheidend war die Geradlinigkeit, sich nicht im Labyrinth durch Zweifel und der Suche nach Wahrheit zu verlieren, indem man gegen jeden Zweifel stur einfach gerade aus marschiert: die Methode der Rationalität oder des Fortschritts, die schon lange zerbrochen ist.

Jetzt warten wir wieder im Schwund der kollektiven Gewissheiten, die sich nur noch im Kampf der Rotten und Meuten gegen die Anderen und ihren Positionen oder in deren Abwehr vorübergehend ergeben, um gleich wieder zu zerfallen, auf neue Strategien der Ent-täuschung, die nicht mehr aus dem Buchdruck und der Rationalität erwachsen können, sondern aus dem Virtuellen der digitalen Ordnung der Dinge. (Florian Rötzer)