Auf der Suche nach dem Juden-Gen

Das internationale HapMap-Projekt versucht, die Vielfältigkeit der genetischen Ausstattung des Menschen zu kartografieren. Jetzt steht ein neuer, stark erweiterter Datensatz bereit

Die Behauptung, alle Angehörigen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe teilten ihre grundsätzliche genetische Ausstattung, ist zunächst einmal trivial, weil oft schon am Phänotyp ersichtlich, also auch für das wissenschaftlich nicht geschulte Auge. Seit Jahren befassen sich Forscher mit der Frage, was noch alles hinter dem Offensichtlichen steckt. Warum sollte man sich auf die Suche nach dem Juden-, dem Yoruba- oder dem Han-Chinesen-Gen begeben?

Zunächst verraten individuelle Unterschiede in der Genausstattung einiges über die Geschichte der Menschheit. Wer kam woher, wer ist mit wem verwandt? In den Genen trägt jeder Mensch auch Spuren seiner Vergangenheit. Im Juni betrachteten gleich zwei Studien diesen Aspekt am Beispiel der Juden - ein Paper erschien im American Journal of Human Genetics, das andere im Wissenschaftsmagazin Nature. Beide zeigen ein in der Geschichte relativ seltenes Phänomen: Die Tatsache nämlich, dass die Zusammensetzung des Genpools eines Volkes von seiner Kultur, seiner Religion bewahrt wird.

Seit um das Jahr 800 herum Juden nur noch unter sich heirateten und der Zustrom von Konvertiten abbrach, hörte auch der Zufluss von Genen von außerhalb auf. Juden, egal welcher Herkunft, sind deshalb meist enger miteinander verwandt als mit anderen Völkern, die in ihrem Herkunftsgebiet leben. Jedenfalls bis auf äthiopische und indische Juden, die mit anderen Äthiopiern beziehungsweise Indern sehr viel gemein haben. Die Herkunft der Religionsgemeinschaft lässt sich auf diese Weise recht deutlich in den Nahen Osten verfolgen.

Das mag interessant für das Feuilleton sein - aus wissenschaftlicher Sicht interessanter sind diese Studien (auch die zwei erwähnten) jedoch, was ihre potenzielle medizinische Anwendung betrifft. Indem man die Unterschiede zwischen den Ethnien sichtbar macht, kann man herausfinden, welche Mutationen mit bestimmten Krankheiten zusammenhängen. Diesen Ansatz verfolgt das internationale HapMap-Projekt auf weltweiter Basis.

In Nature veröffentlichen die beteiligten Forscher in dieser Woche die Ergebnisse von Phase III des Projekts. Dazu analysierten sie die Gensequenzen von 1184 Menschen aus elf unterschiedlichen Populationen, darunter Han-Chinesen, Inder, Japaner, Massai, Italiener und Yoruba. Allerdings ist eine komplette Genanalyse in diesem Umfang derzeit noch zu aufwändig, deshalb beschränkte man sich auf 856 Genabschnitte, die im Mittel aus 7200 Basenpaaren bestanden - insgesamt rund 0,1 Prozent des menschlichen Genoms. Daraus kann man nun so genannte Haplotypen zusammenstellen - Varianten einer Basensequenz in ein- und demselben Genabschnitt.

Die mit HapMap 3 erweiterte Datenbasis ermöglichte es den Forschern, auch seltener vorkommende Varianten zutage zu fördern. Die Hoffnung der Wissenschaft: Wenn es gelingt, vererbbare Krankheiten mit diesen Markern in Verbindung zu bringen, könnte man dereinst auch mehr über die Natur dieser Krankheiten lernen. Damit sollen sich nun aber andere befassen - das HapMap-Projekt stellt lediglich die Daten in einer kostenlos zugänglichen Datenbank zur Verfügung. In so genannten Assoziations-Studien kann man nun Gruppen mit einer bestimmten Krankheit und bestimmtem Haplotyp mit Kontrollgruppen vergleichen, die von der Krankheit nicht betroffen sind - der Auslöser für die Erbkrankheit muss sich dann als Bestandteil des entsprechenden Haplotyps ausfindig machen lassen.

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