Auf der Suche nach dem jüngsten TAG

Link-Jäger und News-Sammler organisieren sich in Tagging-Gemeinschaften

Netzerfahrene Surfer kooperieren inzwischen in Online-Communities bei der thematischen Sortierung von Web-Links. Dabei entstehen neue Wege der Wissensbeschaffung.

Bei jedem Internet-Einsteiger bildet sich mit der Zeit eine Gewohnheit aus, wie er sich die im Netz gebotenen Informationen nutzbar macht. Wahrscheinlich ist jeder bei seinen ersten Gehversuchen mit der Menge an Angeboten überfordert und bewältigt die Absicht, sich einen ersten Überblick über die Vielfalt zu verschaffen, auf die naheliegendste Art: Er klickt sich von Link zu Link.

Je nach der Menge der Zeit, die man im Internet verbringt und den persönlichen Interessen ergeben sich nach und nach bestimmte Vorlieben. Manche Seiten besucht man öfter, viele verlässt man gleich wieder und vergisst sie schnell, einige Sites, die man regelmäßig öffnet, werden bald zum festen Bestandteil der Internetnutzung.

Der Surfer lernt bald den Vorteil von Lesezeichen kennen und legt sich einen Vorrat der Seiten an, die er regelmäßig besucht. Die Enttäuschung, dass man dabei oft auf ein Bookmark klickt, in der Erwartung, die Seite sei inzwischen aktualisiert worden, dort aber nur denselben Inhalt wie beim letzten Besuch findet, führte zuerst unter den Webloggern zu einer breiten Unterstützung des RSS-Formats.

RSS-Reader sind automatische Programme, die eine vom Benutzer eingegebene Web-Adresse in regelmäßigen Abständen daraufhin überprüfen, ob die Seite inzwischen neuen Text enthält, es dort also etwas Neues zu Lesen gibt. Der Auftraggeber findet so, hat er erst einmal bei einem Online-Dienst für RSS-Abrufe wie Bloglines eine Anzahl Websites abonniert, bei jedem Durchlauf seines Abrufprogramms eine Liste von Seiten vor, die vor kurzer Zeit um neue Inhalte ergänzt wurden.

Aus dem Hyperlink-Klick-Surfer und dem Lesezeichen-Sammler ist ein fortgeschrittener Netz-Nutzer geworden, der – entsprechend seinem ganz persönlichen Interessenspektrum – eine topaktuelle Zusammenstellung neuer Artikel vorfindet. Das RSS-Format ist ein so praktisches Verfahren, sich mit Informationen zu versorgen, dass bei vielen Anwendern bald der Effekt auftritt, dass die Menge der im Reader auflaufenden Webseiten nicht mehr bewältigt werden kann. Es entsteht der Wunsch, neben der Wahl der Web-Ressource ein weiteres Ordnungsmerkmal für die Filterung einzubeziehen, sodass aus der Menge der verfügbaren Informationen eine thematische Vorauswahl getroffen werden kann.

In diese Lücke stößt Delicious, ein Social-Bookmarking-Dienst, bei dem der Nutzer eine von ihm besuchte Webseite in Gestalt eines Lesezeichens ablegen und mit einer Anmerkung und einem Stichwort (Tag) belegen kann. Ein Bookmark im eigenen Delicious-Account zu speichern, dauert nur wenige Sekunden, und die so entstehende Sammlung hat den Vorteil, dass man später ein gesuchtes Lesezeichen durch das angemerkte Stichwort einfach wiederfinden kann.

Delicious-Teilnehmer betätigen sich somit als ehrenamtliche Webseiten-Redakteure, indem sie für gut befundene Links mit Anmerkungen und Stichworten bezeichnen. Diese Schlagwort-Zuordnungen von der Community werden für die Erzeugung von themengenauen RSS-Feeds genutzt, sodass sich jeder Surfer, auch Nicht-Mitglieder, eine Linksammlung informativer Webseiten zu seinem speziellen Interessengebiet ausgeben lassen kann.

Noch einen Schritt weiter geht Looksmart's Furl, ein Online-Dienst, auf dessen Web-Servern nicht nur Lesezeichen, sondern gleich die dazu gehörende Webseite abgespeichert werden kann. Hier kommt der Community-Gedanke noch mehr zum Tragen als bei Delicious, weil die Entwickler von Furl eine bis in Details durchdachte Filterfunktion für das Aussieben der besten Webseiten zu einem Thema in die Tat umgesetzt haben.

Als Nutzer findet man anhand eines nützlichen Bookmarks andere Teilnehmer, die eben dieses Lesezeichen in ihrer Sammlung abgelegt haben und stößt so auf Leute, die an ähnlichen Themen interessiert sind, wie man selbst. Künftig kann man sich nun gezielt die neuen Lesezeichen dieser Gleichgesinnten, gefiltert nach Bewertungsnote und Themen-Stichwort, als RSS-Feed anzeigen lassen.

Der Erfolg von solchen Tagging- und Austausch-Communities wie Delicious für Bookmarks, oder Flickr für Fotos wird von den Großunternehmen im Online-Business nicht nur aufmerksam verfolgt. Man versucht auch, das Konzept der software-gestützten Zusammenarbeit von Personen, die sich nie im Leben begegnet sind, in eigene Entwicklungen zu übernehmen.

Wer sich beim amerikanischen Yahoo-Angebot My Web 2.0 Beta anmeldet, hat neben dem beschriebenen Bookmark-Tagging und einem Speicher für die bei der Suche geöffneten Webseiten eine Suchfunktion zur Verfügung, die von den Entwicklern als eine Umsetzung einer Social Search Engine begriffen wird.

MyWeb-2.0-Teilnehmer können untereinander ihre Web-Bekanntschaften in eine Liste vertrauenswürdiger Personen aufnehmen. Benutzt ein Mitglied dann die Yahoo-Suche, dann werden bei der Ermittlung der Suchergebnisse die Lesezeichen und Anmerkungen dieses Personenkreises berücksichtigt. In der Zukunft können so Gemeinschaften von Interessierten auf einem Spezialgebiet entstehen, deren gesammelte Web-Erfahrungen und -Kenntnisse darüber entscheiden, welche Seiten in der Suchmaschine als beste Treffer angezeigt werden.

Aus dem Netz-Neuling vom Anfang ist inzwischen ein Alpha-Geek geworden, der als Teil eines lose verbundenen Netzwerks anderen Surfern beim Entdecken neuer Web-Angebote hilft, und der über den Erfolg oder Misserfolg eines neuen Projekts wie der personalisierten Suchmaschine von Yahoo mitentscheidet. Denn am Ende hängt wieder alles vom kleinen Mann am Rechner ab, ohne dessen freiwillige Mitarbeit solche kollaborativen Systeme, deren Erfolg auf Geben und Nehmen beruht, zum Scheitern verurteilt sind.

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