Auf der Suche nach der journalistischen Substanz

Mythen des (Internet)Journalismus Teil 1

Es kreucht, krautet und fleucht im journalistischen Unterholz. Manche Internet-Portale wie "dieredaktion" (von der Deutschen Post) geben sang- und klanglos ihren Geist auf, andere wie die Krautreporter gehen an den Start. Die Branche ist aufgescheucht und während die Alten dreimal am Tag ein Vaterunser beten, dass sie noch einen tariflichen Arbeitsvertrag in der Tasche haben, stürmen die Jungen über den Ruinen der gedruckten Presse in das Internet und suchen nach dem heiligen Gral, also wie sich vom digitalen Schreiben leben lässt. Mit im Sturmgepäck haben sie dabei allerlei Mythen über den (Internet)Journalismus.

Eine davon nährt sich von der Annahme, dass es so etwas wie eine journalistische Essenz gebe. Dass wenn man sie nur schreiben ließe, sich das Schöne und Wahrhaftige entfalten könne. Das wäre dann so wie die Möbel bei Manufaktum: Mit fein gedrechselten Sätzen, aufpolierten Vergleichen, eleganten Wendungen und solide gezimmerten Schlüssen - Journalismus als "Werther’s Echte". Und das Internet sei dafür genau der richtige Platz - ohne Platzprobleme, und vor allem frei.

Freilich auch weitgehend frei vom (bisherigen, herkömmlichen) Kontext. Und dann ist man schnell bei der Frage, die sich die sogenannten Medium-Theoretiker stellen: Wie wird die Botschaft vom Medium beeinflusst? Ist es das Gleiche, wenn ich einen Kommentar von "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über die Folterpraxis der USA ("Der Teufelspakt", Zeit 52/2014) in der gedruckten "Zeit" oder auf einem E-Reader lese?

In beiden Versionen beinhaltet der Text die gleiche lexikalische Bedeutung. Amerika (USA) ist das Land zwischen Kanada und Mexiko, foltern bedeutet die Zufügung heftigen Schmerzes und unter Demokratie versteht man eine Staatsform, die Herrschaft des Volkes. Diese lexikalischen Bedeutungen sind festgelegt und niedergeschrieben und sind die Grundlage von Kommunikation. In der Wissenschaft sind einzelne Begriffe noch sehr viel eindeutiger definiert, so sollten zwei Ärzte zum Beispiel unter Echolalie schon das Gleiche verstehen, nämlich die automatische und zwanghafte Nachahmung sowie Wiederholung von Wörtern ("Papageiensprechen").

Neben dieser lexikalischen Bedeutung auf Seiten des Textes existiert aber noch eine zweite Bedeutungsebene, die Ebene der Bedeutungszuschreibung durch den Leser. Er interpretiert den lexikalischen Gehalt des Textes und versieht ihn so mit einem Bedeutungsüberschuss. Und dieser Bedeutungsüberschuss wurzelt nicht zuletzt in der materiellen Form der Botschaft, die bereits ihrerseits den lexikalischen Text interpretiert. Denn dieser wird quasi vom Kontext umspült und dieser Kontext ist nichts anderes als die Seinsbedingungen des Textes: Etwa das Papier auf dem er gedruckt ist, die Zeitung, in der er erschienen ist, der Platz innerhalb der Seitenstruktur der Zeitung. So macht es zum Beispiel schon einen bedeutsamen Unterschied, ob ein Innenminister einen Beitrag in einer "seriösen" Zeitung wie etwa der "Süddeutschen" schreibt oder in einem rechtsradikalen Blatt wie der "National Zeitung". Das war auch der Grund, warum der ehemalige CSU-Staatsminister und Rechtsprofessor Theodor Maunz dort nur unter Pseudonym schrieb.

Man kann es auch so formulieren: Auf dem Weg des Textes in das Hirn des Lesers gerät dieser Text in unterschiedliche Gravitationsfelder, die seine Polung beziehungsweise Lesart verändern. Zu diesen Gravitationsfeldern gehört auch der Leser, die Interpretation des Textes ist abhängig von der sozialen Herkunft und der sozialen Lage, in die etwa Merkmale wie formale Bildung eingehen. Und dazu gehört auch die Lektüre von bestimmten Zeitungen oder Magazinen selbst, das Lesen der "Zeit" oder der "Bildzeitung" ist ja bereits ein Indikator für einen bestimmten sozialen Kontext.

Und Zeitungen selbst sind keineswegs nur Produzenten von Nachrichten auf "toten Bäumen", sondern soziale und wirtschaftliche Organismen, die eine Funktion als Indikator für gesellschaftliche Entwicklungen abgeben. Sie stehen so für historisch gewachsene Macht- und Herrschaftsverhältnisse ebenso wie für bestimmte soziale Gruppen - Milieus, Schichten, Klassen.

Und Journalismus konstituiert sich in Abhängigkeit von diesen Gravitationsfeldern und wird so nicht nur zu einer komplexen gesellschaftlichen Tätigkeit, sondern ist über die symbolische Ebene Mit-Urheber der sozialen Welt und somit ein Akteur der sozialen Kämpfe. Journalismus erzeugt Weltsicht und die Sicht auf diese Welt ist natürlich ein ziemliches Politikum, umstritten und umkämpft.

Einer der Mythen der jungen Wilden ist nun zu glauben, das Internet als quasi immaterieller Träger und Verbreiter der journalistischen "Substanz" heble diese gesellschaftlichen Mechanismen aus und erlaube eine Art "puren" Journalismus jenseits der Einflüsse der Gravitationsfelder. Ein freischwebender Journalismus, der jungfräulich und rein sich zwischen den IP-Adressen entfaltet und all das Alte und Böse, die Abhängigkeiten und Begrenzungen, das Schmutzige und Liederliche hinter sich lassend. Internet-Journalismus, das ist dann wenn sich auf den Webseiten die pure journalistische Essenz ergießt, gerne als Blogger, dem Inbegriff der neuen Freiheit und großem Gegenspieler der alten, trägen Schlachtschiffe draußen in der analogen Welt.

Ein derartiger "essentieller" Journalismus ist freilich wie alkoholfreies Bier, Diätplätzchen oder Kaffeeersatz: Ohne die gesellschaftliche Konnotation ist er zwar frei von Gravitationsfeldern, steht aber auch in der Gefahr der Beliebigkeit und ist auch frei von Relevanz. Die Aufhebung der Gravitation funktioniert zwar im Internet, als analoge Wesen aber bleibt uns die gesellschaftliche Schwerkraft erhalten. (Rudolf Stumberger)