Auf der Suche nach einer neuen akademischen Disziplin

In Magdeburg wurde über die Notwendigkeit und Ausrichtung einer "Bildwissenschaft" verhandelt

"Turn! Turn! Turn!" So sangen es einst The Byrds. Mittlerweile ist das auch innerhalb der Kulturwissenschaften schon ein altes Lied. Seit Richard Rorty den "linguistic turn" 1967 zum neuen Paradigma der Philosophie erhob, ist bis zum "cultural turn" so ziemlich jede disziplinäre Wende schon mal da gewesen. Das müsste eigentlich niemanden mehr so richtig aufregen, wäre da nicht der "pictorial turn", den William J. T. Mitchell 25 Jahre später für uns entdeckt bzw. erfunden hat. Ganz gleich, ob Mitchell zu Beginn der 1990er Jahre ein neues, bildliches Paradigma der Kulturwissenschaften diagnostiziert hat oder ob er einfach nur das allgemein übliche Gerede von "der Bilderflut" etwas geschickter als seine kulturpessimistischen KollegInnen benannte: Der "pictorial turn" ist und bleibt ein Dauerbrenner, der in akademischen Kreisen immer gerne diskutiert wird.

So auch bei der Mammutkonferenz "Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung", die Ende September in Magdeburg stattfand: In gut und gerne 50 Vorträgen (plus drei Podiumsdiskussionen) an fünf Tagen ging es um nicht mehr und nicht weniger als die Frage, ob der "pictorial turn" die Gründung einer neuen wissenschaftlichen Disziplin in Deutschland nötig macht. Im Grunde waren sich die Teilnehmenden diesbezüglich zwar sowieso alle einig - eine "Bildwissenschaft" muss her! Aber wie soll sie aussehen? Darüber gab es heftige Diskussionen.

Im traditionellen Fächerkanon sind es insbesondere die Kunstwissenschaften und die Philosophie, die sich der Bilder annehmen. Dort scheinen sie zunächst auch gut aufgehoben - doch gucken beide Disziplinen allzu selten über den Tellerrand dessen, was sie als "Kunst" definieren, hinaus. Und so blieben wichtige Bildressourcen wie private Foto-Alben, der Kühlergrill eines Rolls-Royce oder auch Toilettenpapier-Verpackungen viel zu häufig unbeachtet. Die Beispiele sind allerdings mit Bedacht gewählt - gerade sie wurden bisweilen eben doch erforscht. Kluge Köpfe wie die Kulturwissenschaftler Aby Warburg und Erwin Panofsky oder auch der globalisierungskritische Soziologe Pierre Bourdieu waren da immer schon ein bisschen weiter als der Mainstream ihrer Fächer.

Spätestens seit den 1990ern gibt es ohnehin in praktisch allen kulturwissenschaftlichen Fächern einen Trend zur Erforschung visueller Phänomene. Ganz zentral beschäftigt sich etwa die Medienwissenschaft mit profanen Bildern und ihren Entstehungsbedingungen; man denke nur an Friedrich Kittlers exzellente Berliner Vorlesung von 1999, die beim Merve Verlag mittlerweile unter dem Titel "Optische Medien" erschienen ist.

In nahezu allen natur- und kulturwissenschaftlichen Bereichen werden Bilder mehr und mehr zum Thema. Dieser Trend hat seinen Ursprung natürlich in den USA - William J. T. Mitchell lässt grüßen. So erforscht beispielsweise Tom Holert die kulturelle Konstruktion visueller Wahrnehmung im Geist der ursprünglich englischsprachigen "Visual Culture". Kurzum: Längst wird Bildforschung auch in Deutschland betrieben.

Der oben erwähnte Kühlergrill und seine Thematisierung bei Erwin Panofsky deuten allerdings auf ein weiteres heißes Eisen, das mit dem "pictorial turn" verbunden ist: "Was ist ein Bild?" So lautet der inflationär zitierte (und nie befriedigend beantwortete) Titel eines von Gottfried Boehm 1994 herausgegebenen Sammelbandes. Anders gefragt: Muss sich eine ernst zu nehmende Bildwissenschaft mit exotischem Kram wie Autozubehör, dem Cyberspace und vielleicht sogar mit mentalen Bildern beschäftigen - oder tut es auch das althergebrachte Ölgemälde an der Museumswand?

Man sieht also: In Magdeburg gab es viel Anlass zur Diskussion. Die Veranstaltung wurde durch den Philosophen Klaus Sachs-Hombach organisiert, der sich schon seit einigen Jahren als Herausgeber einschlägiger Sammelbände hervor tut. Zu nennen wäre hier beispielsweise die "Reihe Bildwissenschaft" beim Scriptum Verlag. Wer diese Bücher bereits gelesen hatte, konnte ahnen, dass einerseits hochkarätige VertreterInnen unterschiedlicher Disziplinen vor Ort sein würden - und dass andererseits ein extremer Überhang an PhilosophInnen zu befürchten war.

Tatsächlich entwickelte sich die Tagung mehr und mehr zu einem Schlagabtausch darüber, ob die Semiotik die einzig mögliche Grundlage der ansonsten interdisziplinär zu denkenden Bildwissenschaft sei - so sahen es insbesondere die SemiotikerInnen. Dagegen waren vor allem die Nicht-PhilosophInnen; und das umso mehr, als sie knappe vier Tage lang heftige geistige Schlachten um Syntax, Semantik und Pragmatik der Bilder sowie um Peirces ausgefeilte Zeichenterminologie hatten ertragen müssen, bis sie auch mal so richtig zum Zug kamen.

Philosophischer Anführer der filmwissenschaftlichen, kunsthistorischen und anderen DissidentInnen war der Jenaer Professor Lambert Wiesing, der sich vehement dagegen wehrte, Bilder einfach mit Zeichen gleichzusetzen. Dabei gehörte er selbst auch zur Fraktion derjenigen, die zwar viel über "reine Sichtbarkeit" sprachen, es aber nicht für nötig hielten, dabei mit Hilfe konkreter Bilder zu argumentieren. Dieser philosophische Logozentrismus wurde aus den Reihen des Publikums mehrmals heftig kritisiert. Wiesings Argument, man könne mit Bildern schlichtweg keine abstrakten Sachverhalte abbilden, war jedenfalls nicht überzeugend - eine halbwegs rational arbeitende Bildwissenschaft wird sehr schnell das Gegenteil heraus finden können. Man denke etwa an Horst Bredekamps wegweisende Leviathan-Studie.

Eine Frage, die wohl noch viel zentraler hätte diskutiert werden sollen, geriet bei all dem fast an den Rand: Ist die Bildwissenschaft nun als eigenständige Disziplin zu denken oder sollte es sich eher um eine "Zwischenschaft" handeln, wie Marion G. Müller es einmal formuliert hat? Auch diese Kommunikationswissenschaftlerin war in Magdeburg dabei. Ihr gemeinsamer Auftritt mit Tom Knieper gehörte zu den Höhepunkten der Tagung, denn das gut eingespielte Team führte die Vorteile allgemein verständlich aufbereiteter Interdisziplinarität sehr anschaulich vor.

Als "special guests" der Veranstaltung fungierten der prominente Neurowissenschaftler Ernst Pöppel und Christa Maar von der Burda Stiftung. Diese promovierte Kunsthistorikerin hat in den vergangenen Jahren eine äußerst hochkarätig besetzte Vorlesungsreihe unter dem Titel "iconic turn" in München organisiert. Vor allem aber verfügt sie - gemeinsam mit Pöppels Humanwissenschaftlichem Zentrum an der Münchener Universität - über die nötigen Ressourcen und Kontakte, um eine Bildwissenschaft nicht nur theoretisch auszudiskutieren, sondern auch praktisch umzusetzen. Dies deutete sie jedenfalls in Magdeburg an.

Zugleich machten Maar und Pöppel klar, dass es bei ihren gemeinsamen Bemühungen nicht um die Konstruktion einer homogenen Bildwissenschaft geht. Von einer züchtigen Beschränkung auf zweidimensionale visuelle Zeichen (wie aus den Reihen der Semiotik gefordert) hielten sie gar nichts. Statt einer genau definierten Rahmentheorie als Grundlage der Bildwissenschaft forderte Pöppel konkrete, extrem interdisziplinäre Fragestellungen. Dieses Argument ist recht plausibel - schließlich weiß heute niemand definitiv, was "die Kunst" ist oder was "die Medien" sind. Trotzdem sind sowohl Kunstwissenschaften als auch die Medienwissenschaft zur Zeit sehr fest in Deutschlands akademischer Landschaft etabliert.

Nach Magdeburg ist zumindest so viel klar: Einen Königsweg zur Bildwissenschaft gibt es derzeit nicht. Viele zentrale Fragen bleiben notgedrungen offen: Wird die einschlägige Forschung als eigenständige Disziplin oder transdisziplinär organisiert? Gehen die wichtigsten Impulse von der Philosophie aus oder behält die Kunstgeschichte ihre Funktion als Leitwissenschaft im Bereich des Visuellen? Können akustische, haptische und mentale Phänomene Bilder sein? Sollte die Produktionsseite (Kunst, Design, etc.) Teil der Bildwissenschaft sein?

Es gibt viele solcher Fragen, deren Beantwortung eher wissenschaftspolitische als abstrakt-intellektuelle Fähigkeiten erfordert. Deshalb wäre die Bildforschung gut damit beraten, sich an konkreten Fragestellungen auszutoben. Metatheoretische Debatten werden sie nur begrenzt voran bringen können - gerade in den Zeiten knapper Kassen.

Trotzdem sind Klaus Sachs-Hombachs Ideen eine wichtige Bereicherung des Diskurses rund um den "pictorial turn". Initiativen wie das von ihm angeregte "Zentrum für interdisziplinäre Bildforschung" oder auch das Virtuelle Institut für Bildwissenschaft werden zwar nicht zwangsläufig zu der von ihm erhofften "disziplinierenden" Wirkung führen. Sie können aber entscheidende Impulse liefern, wenn es darum geht, Bilder künftig systematischer und breiter zu erforschen, als das bisher geschehen ist.

In diesem Sinne war die Magdeburger Konferenz trotz aller Meinungsverschiedenheiten ein Meilenstein auf dem Weg zu einer reflektierten Wissenschaft (oder "Zwischenschaft"?) von den Bildern. Und diese Tatsache sollte in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Der Kunsthistoriker Karlheinz Lüdeking brachte das sehr feinsinnig auf den Punkt, als er in einer Diskussion scheinbar nebenbei anmerkte, die klassischen Fragen Immanuel Kants würden heute durch das Fernsehen beantwortet. Diese Fragen lauten: "Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir glauben?"

So viel scheint sicher: Selbst wenn die bildwissenschaftliche Forschung sich nicht in einer eigenständigen Disziplin organisieren sollte, wird sie in den nächsten Jahren doch immer wichtiger werden. Schließlich hilft sie entscheidend beim Überdenken einer weiteren Frage Kants, auf die es noch immer keine befriedigende Antwort gibt: "Was ist der Mensch?"

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