Auf die Straße gegen Corona!

Bolsonaro in der Menge am 15. März, die Videos der Massenversammlungen werden demonstrativ auf seinem Twitter-Account veröffentlicht.

In Brasilien geht Präsident Bolsonaro demonstrativ auf Kundgebungen, in Nicaragua rief die Regierung zu einem Marsch gegen den Erreger auf

In Lateinamerika zeigt sich der Irrsinn im Umgang mit der Corona-Pandemie in beiden politischen Lagern. Sowohl der rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro als auch das Präsidentenpaar Daniel Ortega-Rosario Murillo in Nicaragua riefen zu Protesten gegen den 2019-nCo-Virus auf bzw. leugnen die Ernsthaftigkeit der Lage.

"Der Virus hat eine gewisse Hysterie ausgelöst, und einige Gouverneure ergreifen Maßnahmen, die unserer Wirtschaft sehr schaden werden", sagte Bolsonaro in einem Radiointerview und verwies auf die bereits in fast allen 27 Bundesstaaten Brasiliens verhängten Verkehrsbeschränkungen.

Bolsonaro hatte den neuartigen Coronavirus mehrfach als "Fiktion" und "Phantasie" bezeichnet, die von der Presse genährt werden. Die so angeblich geschürte "Hysterie" werde der Wirtschaft des Landes schaden. Dies geschehe just zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die brasilianische Wirtschaft zu erholen beginne.

Bolsonaro hob positiv hervor, dass sich in Städten wie Rio de Janeiro und São Paulo trotz der Verkehrsbeschränkungen der öffentliche Personennahverkehr sowie der Waren- und Pkw-Verkehr weitgehend ungestört entwickle. Er versuchte damit ein Bild der Normalität zu vermitteln, während die jeweiligen Lokalregierungen den Notstand ausriefen. Indes verzeichneten die brasilianischen Behörden den ersten Todesfall bei bislang gut 300 nachgewiesenen Infektionen. "Die Busse sind alle voll, das Leben geht weiter, und wir sollten nicht in Hysterie verfallen", sagte Bolsonaro, der aus fast allen Teilen des Landes wegen seiner Zweifel an der Pandemie heftig in der Kritik steht.

Am vergangenen Sonntag wies der ultrarechte Präsident sogar die Empfehlungen des Gesundheitsministeriums und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück und nahm demonstrativ an einer von ihm anberaumten Demonstrationen gegen das Parlament und die Justiz teil, nachdem beide Staatsgewalten einige kontroverse Initiativen seiner Regierung gestoppt hatten.

Obwohl er am kommenden Samstag 65 Jahre alt wird und damit zur Risikogruppe gehört, umarmte Bolsonaro zahlreiche Demonstranten, ließ sich mit ihnen fotografieren und blieb etwa eine Stunde lang auf der Kundgebung. Besonders skurril ist das Verhalten des Rechtsaußen, weil er "in Anbetracht der Unfähigkeit des diktatorischen venezolanischen Regimes, auf die Covid-19-Epidemie zu reagieren" die Grenze zum Nachbarland absperren ließ. Dies sei notwendig, so twitterte Bolsonaro, "um die Sicherheit und Gesundheit unserer Bevölkerung, insbesondere in der nördlichen Region des Landes, zu gewährleisten".

In Nicaragua reagierte die Führung des linksgerichteten Daniel Ortega indes mit einem Aufruf zu "Liebe" - und Demonstrationen gegen den Virus. Ortegas Ehefrau und Vizepräsidentin, Rosario Murillo, hatte ihre Anhänger am Samstag zu einem nationalen Aktionstag unter dem Motto "Liebe in der Zeit des Covid-19" aufgerufen. Der Marsch in der Hauptstadt Managua stand im Widerspruch zu allen Hinweisen von Virologen, wie die Ausbreitung des Virus in Mittelamerika gestoppt werden kann.

Während andere Länder der Region ihre Bürger in Quarantäne schicken, motivierten Ortega und Murillo ihre Anhänger zur Teilnahme an dem Marsch. Tausende Menschen in Rot und Schwarz, den Farben der regierenden Sandinisten, kamen auf die Avenida Bolívar, eine der größten Straßen der Hauptstadt. Nur zwei fehlten: Daniel Ortega und Rosario Murillo. (Christian Kliver)