Auf gut keyboardisch

Neusprech im Netz – Teil 2

Ich werde nun wirklich langsam alt. Der Sprachwandel, der sich mittels SMS und Web vollzieht, breitet sich offenbar weit schneller aus, als mein Hirn mithalten kann. Noch vor kurzem habe ich mich auf Telepolis über das neue österreichische Mem "voi" (= voll) echauffiert (Die Ideologie des "voi geil" versus "voi oag"). Meine sprachapokalyptischen Warnungen, die auch dem "Falter" eine Story zur "Generation voi oag" wert waren, haben indes wenig bewirkt: Ich bekomme mittlerweile von 21jährigen schon SMS mit bis zu drei "voi" pro Satz, und im Zug höre ich als Mitlauschender bei fünf pro Satz zu zählen auf. Zum Trotz habe ich mich in die Karl-Kraus-Lektüre geflüchtet und theoretisiere einsam zur Vertrottelung der Welt.

Wenn mir dabei langweilig wird, arbeite ich bei meinen nächtlichen Streifzügen durch virtuelle Kontaktbörsen an der Übersetzung diffiziler Stellen, wie etwa der folgenden:

MiKe iSch LüüP Disch uuuR uNd Es TuT ma aLLes uuuRe LeiD Sei Ma Nimma BööS iCh wiLL diSch niie WieDer so OaGii vaLiern *BüüDDee* BiG KiSS

Für den Sprachforscher dürfte von Interesse sein, dass hier eine junge Österreicherin auch sächsische ("isch" für ich) oder gar badische (?) Elemente einbaut, ohne sich der ethnographischen, ja geopolitischen Dimension dieser Sprachhandlungen bewusst zu sein. Eine persönliche Liebessprache überwindet alle Dialekte! Das ist schön. – Für meine immer noch alltagsempirischen Forschungen ist jedoch etwas ganz anderes von Belang.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis es jemandem dämmert: Wenn man Großbuchstaben durchgängig klein schreiben darf, dann kann man doch auch Kleinbuchstaben ab sofort gROSS schreiben. Und das könnte – emergenztheoretisch betrachtet – der wahrscheinlich erste Schritt in Richtung Keyboardisch gewesen sein, einer neuen Sprache, die das Potenzial hat, endgültig zur Lingua Franca des Internets zu werden.

Durch meinen Artikel zum voi-Syndrom habe ich (sorry, ein Ösi!) nicht nur erfahren, dass "Ey Alder" oder "Digga" ganz normale Anreden sind, dass "Fettgondel" ein aktuelles Schimpfwort ist (wobei mir die semantische Herleitung fehlt, auch auf Schimpfwoerter.de wurde ich nicht fündig) und dass "Kanak Sprak" auch Leute sagen dürfen, die damit keine Ausländerfeindlichkeit signalisieren wollen. Aber niemand hat mich auf Keyboardisch als nächsten evolutionären Sprung hingewiesen.

Und so wurde ich wieder ganz unvorbereitet mit Folgendem konfrontiert:

`·•» [Ç]أР[ã]§ [ì]Çè & [H]ôTTè® [t]HãÑ [ƒ]ì®Ë «•·Ž

Ein Rätsel, wie sich ein offenbarer Freund der Kryptographie derartige Mühen machen kann. Oder habe ich da etwas übersehen, gibt es dafür auch eine Voreinstellung auf der Tastatur?

Immerhin hat uns der Verfasser dieser Zeile ein politisch überaus korrektes Lebensmotto mit auf den Weg gegeben. Vielleicht hat er vorher zu viel Rammstein und Konsorten gehört, vielleicht ist aber auch alles bereits standardisiert und irgend ein Wunsch-Motto auf UBoot.com:

* ërŠ† wëññ wïr ïñ úñŠrëm ëïgëñëm b£ú† £ïëgëñ úñÐ Ðër £ë†z†ë †rØpfëñ ïñ Ðër ërÐë vërŠïçkër†, wïrÐ úñŠër Š†Ø£z für ïmMër Š†ërbëñ *

Ein Kollege, ebenfalls bekennender Kulturpessimist (und dennoch progressiv), sagte zu mir unlängst: "Wenn das so weitergeht, bellt die Jugend bald nur noch." Es könnte noch schlimmer kommen: Bald werden wir Mitt-Dreißiger gar nicht mehr lesen können, was sie schreibt.

Mittlerweile überlege ich mir ernsthaft, einmal meinen Klingelton zu ändern und vielleicht doch mal HipHop zu hören. Damit ich den Anschluss wieder finde. (Stefan Weber)