Auf zum Roten Planeten?

Die gestochen scharfen Bilder vom Mars machen in erster Linie die Unwirtlichkeit des Weltalls noch deutlicher

Wir haben die ersten Farbfotografien vom Mars gesehen, die von der Kamera des Rovers Spirit gemacht wurden. Die große Aufregung gibt es nicht mehr, die ausbrach, als vor sieben Jahren Pathfinder Bilder vom Mars zur Erde sendete und wir bereits jede Anfahrt an einen Steinbrocken mit erleben durften (Der erste Teleroboter auf dem Mars - und wir waren dabei). Gleichwohl, die Faszination bleibt, über einen Roboter-Fernling direkt auf eine weit entfernte Welt zu schauen: telepräsent auf dem Mars zu sein. Auch wenn weiterhin von der Fahrt zum Mars und weiter geträumt werden mag und US-Präsident Bush womöglich demnächst vor allem aus wahltaktischen Gründen einen Plan zur Wiederaufnahme der bemannten Raumfahrt verkünden wird, dürfte das Verlangen, monatelang in einer Konservenbüchse eingesperrt zum Mars zu fliegen, um dort eine Wüste zu besichtigen, mittlerweile weitaus geringer als in den 60er Jahren sein, bevor der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte.

Das erste Bild vom Mars des Rover Spirit am 6. Januar. Bild: Nasa

Pathfinder war wohl der Höhepunkt der Begeisterung der Internetnutzer für den Mars. Obgleich damals, am 9. Juli 1997, also am ersten Tag der Landung, "nur" 47 Millionen Zugriffe auf die Nasa-Website erfolgten - es gab freilich noch Mirrors auf leistungsfähigen Servern -, war dies doch für viele frustrierend, weil sie die Seite nicht aufrufen konnten. Pathfinder entdeckte den roten Planeten, als das Web gerade den ersten Schritt zu einem Massenmedium machte und bei entsprechenden Premieren oft schlichtweg verstopft war. Allerdings gab es für viele Menschen auch mit dem Internet noch eine neue Welt zu entdecken, die von Premieren und unbekannten Möglichkeiten angefüllt war. Auf die Seite von Spirit erfolgten innerhalb von 24 Stunden 225 Millionen Zugriffe, also fünf Mal mehr als 1997, doch seitdem ist die Zahl der Benutzer auch explodiert. Die 900 Millionen Zugriffe am 3. und 4. Januar auf die Nasa-Seiten sind ein Erfolg, trotzdem gibt es einen Unterschied zu Pathfinder und der Situation 1997.

Wie das Internet war auch der rote Planet 1997 noch ein Versprechen. Als nächster Planet zum Heimatschiff Erde war und ist er Ziel für die nächste Weltraumeroberung der Menschheit. Noch nie hat ein Mensch seinen Fuß auf einen anderen Planeten gesetzt, selbst der Mond scheint heute unerreichbar fern geworden zu sein, auch wenn nun andere Nationen wie China sich auf den Weg machen wollen. Vor Pathfinder kam allerdings der Meteorit und 1996 der angebliche Fund von Spuren mikrobischen Lebens (Lebten auf dem Mars Myriaden von Mikroben?). Das hat die Spannung in die Höhe getrieben, irgendwelche Aliens, und seien sie noch so klein, plötzlich vor der Pathfinder-Kamera sehen oder auch nur Zeichen einer mögliche Existenz von Leben außerhalb der Erde entdecken zu können.

Bild von der alten Pathfinder-Seite

Gesehen haben wir mit Pathfinder allerdings nur eine Wüste. Auch wenn manche von einer bemannten Fahrt zum Mars, von einer Marskolonie oder gar von einem "Terraforming" des roten Planeten schwärmen (Besiedlung des Weltraums), so scheinen wir mittlerweile schon froh zu sein, wenn auf dem Wüstenplaneten Hinweise gefunden werden, die auf Wasser in längst vergangene Zeiten schließen lassen, weil das wiederum die Möglichkeit einschließt, dass sich auch auf dem Mars Leben hatte entwickeln können, das vielleicht jetzt weiterhin in gut geschützten Nischen existiert - oder vegetiert. Ein Bakterium auf dem Mars: Und wir wären nicht mehr allein.

Auch wenn immer mehr Planeten entdeckt werden, auf denen es Leben geben könnte, auch wenn die Wahrscheinlichkeit extraterrestrischen Lebens steigt und fast unabweisbar ist (Auf Lügen programmiert), bleibt bislang das irdische Leben noch einzigartig. Was vielleicht einst für eine Sonderrolle in der Begünstigung durch Gott sprach, legt heute eher Zeugnis von Einsamkeit ab, aber auch von der Unmöglichkeit, Kontakt mit anderen Lebewesen aufnehmen zu können, weil trotz des globalen Dorfes auf der Erde die kosmischen Distanzen einfach zu groß sind.

Foto von der Marsoberfläche in der Nähe von Spirit mit der Panoramakamera

Die nun von Spirit aus 160 Millionen Kilometer Entfernung übermittelten Fotografien vermitteln denn vor allem eines: den Eindruck einer leblosen Wüste in braunrot, übersät mit bläulichen Steinen, flach bis zum Horizont, eine Einöde, die eher abschreckt, als zu einem Besuch einlädt. Erstaunt wird daher vornehmlich gemeldet, wie gestochen scharf die Bilder seien, viel besser natürlich als die von Pathfinder. James Bell, der Leiter des Teams, das für die Panoramakamera zuständig ist, erklärt begeistert, aber in einer doch recht abgerungen scheinenden Freude, dass es Stellen gibt, "an denen Steine aus dem Boden herausragen und an denen der Sand bizarre Muster gebildet hat", und dass überhaupt am Landeplatz ein "wundervoller Mix aus glatten und kantigen Steinen" vorzufinden sei. Auch die Beschreibung der Mulde, die einige Meter von Spirit auf dem ersten Bild entdeckt wurde und der man den Namen "Sleepy Hollow" gegeben hat, wird überschwänglich gefeiert: "It's a hole in the ground. It's a window into the interior of Mars." Hier auf Erden ließe sich mit solchen Beschreibungen nicht einmal müdes Interesse wecken.

Sleepy Hollow: "It's a window into the interior of Mars"

Auch die bislang mysteriösen Abdrücke, die die Airbags im Schlamm hinterließen und wie Lehm oder Schlamm aussehen, dürften nicht lange für das Erstaunen des Publikums sorgen, das sich bald neuen Ereignissen zuwenden wird, wenn der wissenschaftliche Alltag in der Wüste 160 Millionen Kilometer entfernt einkehrt und die Bilder der braunroten Fläche mit einigen Steinen sich wiederholen - sollte der Rover überhaupt die selbstgeschaffenen Probleme überwinden und sich aus den Airbags befreien können. Doch auch wenn er endlich die Wüste erforschen kann, dürften die Abenteuer für Nichtwissenschaftler die Aufmerksamkeit nicht lange bannen.

Kein gutes Omen für den von manchen noch immer erträumten kostspieligen Aufbruch der Menschen zu anderen Planeten. Ein Blick aus der Ferne reicht, um manch faszinierende Schönheit in den Tiefen des Kosmos zu entdecken, aber auch um zu realisieren, das unsere einzige dauerhaft zu ertragende Heimat wohl hier auf dieser kleinen und durch uns selbst gefährdeten Erde sein wird. - wenn wir sie nicht so unwirtlich machen, dass wir auch hier uns in künstliche Biosphären einschließen müssen, die dann auch endlose Weltraumfahrten und Kolonien in Wüsten erträglich erscheinen lassen würden.

Nicht eingefärbtes Foto von Sleepy Hollow in der Nähe von Spirit mit der Panoramakamera

(Florian Rötzer)

Anzeige