Auferstanden aus den Sümpfen des Südens

Die Wiederentdeckung des vermeintlich ausgestorbenen Elfenbeinspechts in den USA versetzt Ornithologen weltweit in Freudentaumel

Seit Donnerstag vergangener Woche geht die Meldung vom wiederauferstandenen Elfenbeinspecht um die Welt und versetzt nicht nur Ornithologen, sondern Umweltschützer weltweit in einen regelrechten Freudentaumel. Auch in Deutschland erschien hier und da eine Meldung – doch nirgends ist die Reaktion so emotional wie in den Vereinigten Staaten.

Die Wiederauferstehung des Ivory billed woodpecker (Campephilus principalis) ist eine der wenigen guten Nachrichten aus der Welt des Tierreichs, und sie ist ungemein medientauglich, da es sich nicht um einen winzigen grauen Käfer, sondern um den größten Specht Nord-Amerikas handelt. Schon um 1880 war er extrem bedroht, um 1920 galt er als ausgestorben, wurde dann doch noch ein paar mal wiederentdeckt und – man glaubt es kaum – gejagt und ausgestopft. Zuletzt wurde er 1944 in den Wäldern Louisianas mit Gewissheit gesichtet. 1996 wurde er von der World Conservation Union (IUCN) offiziell für ausgestorben erklärt.

Legenden sterben nie

Schon immer war der Elfenbeinspecht schwer aufzuspüren, dabei ist er ganz und gar nicht unauffällig: Der schwarz-weiß gemusterte Vogel mit der markanten roten Haube und dem kräftigen, elfenbeinfarbenen Schnabel ist ca. 50 cm groß und hat eine Flügelspanne von ca. 76 cm. Zum Vergleich: Der Schwarzspecht, unser größter heimischer Specht, ist ca. 40-46 cm groß und hat eine Flügelspanne von ca. 67-73 cm. Den hat auch nicht jeder schon mal gesehen, aber es ist fraglich, ob ihn viele vermissen würden. Vögel und Vogelbeobachter gelten hierzulande nicht gerade als sexy, in den USA (und natürlich in Großbritannien) dagegen ist Vogelbeobachtung fast schon ein Volkssport.

Der Elfenbeinspecht jedenfalls war schon zu Lebezeiten Legende und hatte, wie es sich für ein gottgleiches Wesen geziemt, eine ganze Reihe von Beinamen. Einer davon war 'King Woodchuck', und ähnlich wie beim 'King of Rock'n'Roll', der auch nach seinem offiziellen Tod immer mal wieder gesichtet wird, wurde der offiziell für tot erklärte Vogel seit Ende des Zweiten Weltkriegs angeblich hier und da von Vogelnarren erspäht. So recht geglaubt hat ihnen keiner, denn viel wahrscheinlicher war, dass es sich nicht um den König der Spechte, sondern um den weniger spektakulären Helmspecht handelte.

Auferstanden aus den Sümpfen des Südens

Das Blatt wendete sich, als ein Kanufahrer im Februar 2004 im Internet berichtete, er sei im Cache River National Wildlife Refuge in Arkansas einem ungewöhnlichen Specht begegnet. Alles deutete darauf hin, dass es sich tatsächlich um einen Elfenbeinspecht handelte. Flugs reisten Ornithologen der renommierten Cornell University in die Sümpfe des Mississippi Deltas, um die Beobachtung zu bestätigen. Über ein Jahr lang hielten sie still, um mehr über die zurückgezogene Lebensweise des Spechts zu erfahren und herauszufinden, wie viele Exemplare überlebt haben. Inzwischen wurde der Specht mehrmals gesichtet, wobei nicht ganz sicher ist, ob es sich immer um denselben Vogel oder aber um mehrere Individuen handelt.

Nur eines steht fest: Beim aktuellen Exemplar kann es sich also nicht um den Vogel von 1944 handeln (der im Nachbarstaat Louisiana sein Revier hatte), denn Elfenbeinspechte werden nur rund 15 Jahre alt. Dennoch gibt es keinen Grund zur Entwarnung: Wäre das gesichtete Exemplar das letzte seiner Art, wäre die Freude verfrüht. Genau aus diesem Grund fließen jetzt erst recht Fördergelder in das Naturschutzgebiet, in dem der Elfenbeinspecht seine Runden dreht.

Zum Heulen schön

Die amerikanische Wiedersehensfreude ist fast schon religiöser Natur. Denn der 'Ivory bill' ist nicht nur ein stattlicher Specht, sondern ein legendärer, ja geradezu mystisch verehrter Vogel, der seinen Beinamen 'Lord God Bird' – den man mit 'Himmelherrgott-Vogel' oder 'Jesus Maria-Vogel' übersetzen könnte – angeblich den Ausrufen verdankt, die entzückte Vogelbeobachter von sich gaben/geben, wenn sie ihn sahen/sehen. Wobei die Wissenschaftler, die die Existenz des Vogels unlängst überprüften und dann tatsächlich zu Gesicht bekamen, vor Überwältigung in Tränen ausbrachen und erst mal kein Wort raus brachten.

Inzwischen hat der Vogel seine eigene Website. Dort kann man alles nachlesen über die Wiederentdeckung, die Geldgeber und weitere Schutzmaßnahmen. Außerdem gibt es Landkarten vom Verbreitungsgebiet, Anfahrtsskizzen und jede Menge Bildmaterial. Die ersten Videoaufnahmen sind zwar reichlich unscharf, aber man darf auf Nachschub hoffen.

Gemälde mit Elfenbeinspechten (Bild: Science)

Gut möglich, dass der Elfenbeinvogel zum Wappentier der amerikanischen Umweltschützer wird. Denn dass dieser tot geglaubte Specht in den Sümpfen von Arkansas überleben konnte, liegt nicht zuletzt daran, dass diese Auenlandschaft seit Jahren Naturschutzgebiet ist. Die Wiederkehr des Vogels begreifen viele als zweite Chance. Bis zum heutigen Tag werden in den USA ganze Wälder gnadenlos abgeholzt, nicht einmal jahrtausende alte Baumriesen werden verschont. Dass der Vogel nun ausgerechnet in einem Gebiet mit dem Namen 'Big Woods' wieder aufgetaucht ist, beweist einmal mehr, wie wichtig es ist, zusammenhängende Waldgebiete zu schützen. Solche Waldgebiete sind in den USA durchaus zu finden, umfassend geschützt werden sie jedoch nur selten. Zahlreiche Bundesstaaten leben von der Forstwirtschaft, und immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen Umweltschützern und der Holz-Lobby.

Der Hunger der Bau- und Papierindustrie war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts so gewaltig, dass selbst die bis dahin unattraktiven Sümpfe im Süden der USA ins Visier gerieten. Traurige Berühmtheit erlangte der so genannte Singer Tract, ein Waldabschnitt in Louisiana, der einst der deutschen Nähmaschinenfabrik Singer gehörte. Dort lebte bis ca. 1944 die letzte bekannte Population von Elfenbeinspechten. Umweltschützer bemühten sich seinerzeit um einen Erhalt des Gebiets, doch die Firma Singer verkaufte den Wald im Jahr 1938 an eine Sägemühle aus Chicago. Der Rest ist Geschichte.

Lebensgrundlage Totholz

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wusste man, dass der Elfenbeinspecht – so wie zahlreiche andere Vögel und Insekten – zum Überleben auf alte, stattliche Bäume angewiesen ist. Fatalerweise widerspricht es der Logik der Holzwirtschaft, gerade diese Bäume zu verschonen. Für sie sind Bäume, die nicht beizeiten geerntet werden, totes Kapital. Für zahlreiche Tiere jedoch sind alternde und absterbende Bäume, so genanntes Totholz, Lebensgrundlage. Und zwar nicht nur in den USA, sondern weltweit. Mit anderen Worten: Dass hierzulande nur wenige jemals einen Schwarzspecht zu Gesicht bekommen haben, liegt auch daran, dass ausgedehnte, unberührte Wälder mit Totholzbeständen hierzulande die Ausnahme sind. Wer also verhindern will, dass es dem Schwarzspecht dereinst ergeht wie dem Elfenbeinspecht, sollte sich beeilen. Und zum Schutz der Wälder beitragen. (Katja Schmid)