Aufnahmezustände

Screenshots 1: 11. März, 19.21 Uhr; 2: 12. März 00.00 Uhr. 3: 12. März, 21.51 Uhr. 4: 14. März, 17.26 (alle ZDF.de)

Fukushima, das Unsichtbare und der Journalismus

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir aus den Massenmedien" lautet ein fast schon zum Gemeinplatz gewordener Satz, mit dem Niklas Luhmann 1996 sein Buch "Die Realität der Massenmedien" einleitete. Doch was ist, wenn auch die Massenmedien nichts wissen - und dennoch senden müssen? Sogar permanent senden müssen? Johannes Hano, ZDF-Studioleiter in Peking und Tokio, berichtete im März 2011 aus Japan über Erdbeben, Tsunamis und Größte Anzunehmende Unfälle. Jetzt hat er seine Erinnerungen an die traumatischen Ereignisse publiziert.

Die dreifache japanische Katastrophe (Erdbeben, Tsunami, Kernschmelze) begann am 11. März 2011, 14.46 Uhr (OZ) - und ist bis heute nicht beendet. Doch der mediale Hype ist definitiv vorüber. Japan ist in Deutschland kein Anlass mehr für radikale Programmänderungen, Fernseh-Sondersendungen oder "Brennpunkte".

Selbst in den Hauptnachrichtensendungen wird die Berichterstattung kontinuierlich geringer. 283 Nachrichtenminuten galten im März 2011 der "Reaktorkatastrophe in Japan". Im April waren es 97 Minuten, im Mai 41, im Juni 24. Und im Juli war Fukushima schon nicht mehr unter den Top 10 der Nachrichtenthemen in Deutschland. So rasch wechseln heute Themenkonjunkturen.

Rund 25.000 Menschen kamen im März 2011 in Nordostjapan ums Leben, die "Zukunft von Hunderttausenden wurde in Frage gestellt" und ganze Landschaften wurden verwüstet. Die Folgen der Reaktorkatastrophe hingegen sind immer noch nicht absehbar. der Grad der nuklearen Zerstörung ist nur grob bekannt: Die japanische Regierung setzte das Unglück in Fukushima von Stufe 4 (12. März) auf Stufe 7 (der INES-Skala), auf dieselbe Stufe also wie Tschernobyl 1986.

Die dreifache Katastrophe fand in einem der modernsten und technisch entwickeltsten Länder der Welt statt. Von keiner Katastrophe zuvor dürfte es deshalb so viele Bilder und so viele Berichte gegeben haben. Einer der profiliertesten Berichterstatter war Johannes Hano, Jahrgang 1963, ZDF-Studioleiter in Peking und Tokio. Aber auch an ihm ging die Katastrophe nicht spurlos vorüber. Sie warf, wie er in seinem tagebuchartigen Bericht "Das japanische Desaster" nachträglich schildert, viele "existenzielle Fragen auf einmal" auf. Und natürlich journalistische.

Hano war im März 2011 eher zufällig in Japan - und wurde von dem Beben im ZDF-Büro im 13. Stock eines Hochhauses in Tokio überrascht. Das Verlassen des Hauses war zunächst nicht möglich, die Handykommunikation zusammengebrochen. Doch als er endlich die immer wieder schaukelnden Hochhäuser von unten betrachten konnte, waren die Massenmedien längst schon viel weiter als der betroffene Korrespondent. Auf einem riesigen LCD-Monitor über dem Eingang eines Theaters liefen - aus Überwachungskameras übernommen - bereits die ersten Bilder von zerstörten Häusern. Und dann kam auch schon - der Zeitunterschied beträgt rund acht Stunden - ein Anruf des "Morgenmagazins" aus Berlin. Auch hier kannte man die Bilder bereits.

Screenshot 11. März, 11.15 Uhr. ZDF.de

Hano berichtete in den folgenden Tagen aus Tokio und Osaka über die Katastrophen. Der Output war enorm: "Im Halbstundentakt sind wir auf Sendung", hält er zum 11. März fest; ZDF, 3sat, ARTE, Phoenix wollen bedient werden. Am 13. März: "Der Informationsdurst in Deutschland wird immer größer, immer mehr Sendungen. Atemlos." Und am 18. März: "Diese Live-Situationen im Halbstunden- bis Stunden-Takt sind extrem anstrengend in einer Lage, die sich beinahe von Minute zu Minute verändert … Aber in dieser völligen Unübersichtlichkeit müssen wir höllisch aufpassen, dass uns nicht größere Fehler unterlaufen."

Die ZDF-Berichterstattung aus Japan war über weite Phasen ein Ein-Mann-Unternehmen. Hano berichtete zu fast jeder Tageszeit: "Morgenmagazin", "Mittagsmagazin", "heute", "heute journal" oder "heute nacht" wollten bedient werden und wurden - bevorzugt live - bedient. Hano bot den authentischen Vor-Ort-Einblick, er war zudem Betroffener, hatte das Erdbeben miterlebt. Das ZDF-Studio war verwüstet worden.

Doch die dramatischen Auswirkungen der Naturgewalten kannte auch er zunächst nur aus Fernsehen und Internet, aus den Medien also. Er war zwar in Tokio und in den dortigen "Informationsfluss" "eingeklingt"; von den nordostjapanischen Katastrophengebieten aber hatte auch er noch nichts gesehen. Es ging ihm wie den anderen deutschen Korrespondenten: "Kein Journalist" - meldete der Tagesspiegel am 14. März - "der deutschen Sender ARD, ZDF und RTL sowie der Nachrichtenmagazine "Spiegel" und "Stern" hält sich derzeit in der Umgebung der Atomkraftwerke in Fukushima auf."

Erst nach Tagen und Wochen konnte er sich aufmachen, um eigene Eindrücke zu sammeln. In Yamagate, in Minamisanriku (wo rund 10.000 Menschen umkamen), in Kesenuma und selbst in Fukushima.

Screenshots: YouTube.com

Und selbst im Nordosten des Landes verfolgten ihn noch die Fernsehbilder. "Plötzlich", so passierte es ihm in Kesenuma, "erinnere ich mich. In der ersten Nacht nach dem Beben hatte das japanische Fernsehen Bilder einer brennenden Stadt an der Küste gezeigt, einer Stadt die dem Erdboden gleichgemacht wurde - durch Wasser und Feuer."

Hanos großes Thema ist die Verlässlichkeit der Informationen, die weltweit verbreitet und dann wieder weltweit kommentiert wurden. Und er macht sich sehr früh keine Illusionen. Schon am 11. März notierte er: "Die Meldungen kommen im Minutentakt, sie widersprechen sich. Was ist wahr? Was ist Lüge?"

Am 14. März war für ihn klar, "dass wir den offiziellen Verlautbarungen keinen Glauben mehr schenken können". Am 15. März notierte er im Blick auf den Kraftwerksbetreiber Tepco: "Da will uns jemand gehörig verarschen" und: "Glauben können wir denen sowieso nicht mehr." Doch das sind alles eher Bauchentscheidungen. Erst viel später wurde seine von den japanischen Kollegen wohl nie geteilten ("Warum spüren die nicht, was ich spüre?") Vermutungen Gewissheit. Japans Premierminister Naoto Kan bedauerte am 20. Mai vor dem Parlament, "die Bevölkerung aufgrund der von Tepco zur Verfügung gestellten Informationen völlig falsch informiert zu haben". Völlig falsch!

Hano hatte aus dem Kosovo und vom Erdbeben 2008 in Sichuan (fast 90.000 Tote) berichtet - er kannte sich also aus in der Kriegs- und Krisenberichterstattung. Doch am 11. März begannen für ihn Reportertage, die "zu der größten körperlichen und psychischen Herausforderung" seines Lebens werden sollten. Ursache dafür dürften nicht primär die Grausamkeit des Gesehenen und die permanente Bildschirmpräsenz gewesen sein, sondern die unerwartete (und neue) Gefährdung durch Radioaktivität:

Da draußen ist etwas, das man nicht hören, riechen, fühlen oder sehen kann, das sofort tötet oder einem langsam und in vielen Jahren die Organe mit Krebs zerfrisst. Man weiß nicht, ob es erst kommt oder schon wieder gegangen ist. Das Schlimmste aber: Es pflanzt eine Angst, die droht, dich von innen aufzufressen; ohne dass es überhaupt bei dir war - es ist das absolut Böse.

Das Schreiben seines Buches habe ihm "den Therapeuten erspart", hält Hano an einer Stelle fast schon sarkastisch fest. Doch der gestandene Krisenreporter hat mehr erlebt als nur eine individuelle Extremerfahrung. Er konnte eine ganz moderne Erfahrung machen: Die Entwertung alles erprobten Wissens durch den GAU und die nachfolgende Radioaktivität. 1986, wenige Tage nach dem Unfall in Tschernobyl und fast noch zu - quasi unschuldigen - öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten, schrieb Ulrich Beck in seinem sehr folgenreichen Buch "Risikogesellschaft":

Kernkraftwerke … sind seit Tschernobyl auch zu Vorzeichen eines modernen Mittelalters der Gefahr geworden. Sie weisen Bedrohungen zu, die den gleichzeitig auf die Spitze getriebenen Individualismus der Moderne in sein extremstes Gegenteil verkehren.

Vor dem Fallout sind alle gleich.

Alle sind zur Einschätzung der Gefahren auf Messinstrumente, Theorien und vor allem: ihr Nichtwissen angewiesen.

In seiner Reportage aus Fukushima (7. April) misst Hano mit einem Geigerzähler dann auch die Radioaktivität in der Luft. Nur der Geigerzähler gibt hier noch an, was ist. Ein paar Meter weiter aber kann es schon wieder ganz anders sein. Das Wissen des Reporters wird sehr überschaubar, Ungewissheiten prägen sein Handeln.

Screenshot: 17. Juni. ZDF.de

Hano führt uns mit seinem schmalen Buch in unbekannte Medienwelten, er beschreibt moderne Medienmechanismen, subjektiv, erfahrungsreich, impulsiv - und immer noch verwundert und irritiert. Über sich, die Japaner, die Deutschen und die Atomindustrie (Tepco), über Propaganda, Falschmeldungen, die Alltäglichkeit des Schreckens und das absolut Böse.

Hanos subjektiver Bericht legt es deshalb auch nahe, wieder einmal an jene Frage zu erinnern, mit der Luhmann 1996 seine "Realität der Massenmedien" ausklingen ließ: "Wie ist es möglich, Informationen über die Welt und über die Gesellschaft als Informationen über die Realität zu akzeptieren, wenn man weiß, wie sie produziert wurden?"

Johannes Hano: "Das japanische Desaster. Fukushima und die Folgen" (Verlag Herder, 14.95 Euro)

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