Aufruf zur Denunziation

Der Verein Pro Rauchfrei fordert zur Meldung von Verstößen gegen das Rauchgesetz auf und übernimmt die Anzeige

Der Verein Pro Rauchfrei ist nach eigener Angabe 2004 als Nichtraucherlobby auf „Initiative einiger Privatleute entstanden, die es leid sind, sich überall zwangsberauchen zu lassen“. Statt der Gründung von Nichtraucherkneipen oder einem anderweitigen Alternativprogramm setzt sich der Verein zum Ziel, das Zwangsnichtrauchen nicht nur in Krankenhäusern und Kindertagesstätten, sondern auch vollständig für Gastronomien einzuführen. Die Webseite des Vereins gibt dem Nutzer unter „Beschwerde über Missachtung der Nichtraucherschutzgesetze“ die Möglichkeit, Verstöße gegen das Rauchverbot zu melden. In fünf Schritten wird durch ein Formular geleitet, in das Angaben zur beschuldigten Institution, zum Vergehen und zur eigenen Person gemacht werden. Nach Möglichkeit sollen auch weitere Zeugen des Vergehens genannt werden.

Der Verein hält nicht nur den Nichtraucherparagraph in der Arbeitsstättenverordnung für ein "zahnloser Tiger". Er will auch seinen Informanten die Möglichkeit geben, Aussagen zu Gesetzesbrüchen bezüglich der neuen Nichtraucherschutzgesetze zu machen und diese durchzusetzen.

Der Clou bei der Sache ist, dass der Informant selbst nicht als Ankläger, sondern als Zeuge der Anklage dient. Die Klage übernimmt „Pro Rauchfrei“. Dabei wird nicht der Raucher, sondern der Verantwortliche der Institution, in der geraucht wurde, zum Ziel der Anzeige. Es klingt fast so, als sollte derjenige, der die Anzeige ins Laufen bringt, durch diese doppelte Verschiebung um seine Verantwortung für die Anzeige gebracht werden. Bedauernd klingt der wie ein Mantra wiederholte Hinweis auf der Webseite des Vereins: „Wir können nur Beschwerden bearbeiten, die Beschuldigte auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland betreffen.“

An dieser Stelle scheint sich die Hoffnung anzukündigen, dass dieses Verfahren in einem geeinten Europa länderübergreifend Anwendung findet, auch wenn andere Länder traditionell in vielen Punkten etwas weniger deutsche Gründlichkeit an den Tag legen. Die Erfolge des technischen Fortschritts werfen auch an dieser Stelle ihre Früchte ab.

Das mag sich für manches Ohr zunächst gut anhören. Nichtraucher setzen sich ein, um Deutschland rauchfrei zu bekommen. Wer gegen bestehendes Gesetz verstößt, wird zur Kasse gebeten. Der Rechtsstaat feiert einen Erfolg, indem der Deutsche, der nicht nur bei Mülltrennung, Bahntickets und am Postautomaten mithelfen kann, denen Arbeit abzunehmen, die für sie bezahlt werden, auch hier zur Tat schreitet.

Der schale Beigeschmack der Assoziation, die das Betrachten der Seite auslösen kann, ist, dass auf ihr schlichtweg zur Denunziation aufgerufen wird. Die Methode ist es, die Anstoß erregen kann, nicht das Ziel, das mit ihr erreicht werden soll. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des Liedes der Deutschen, das später den Text zur Nationalhymne abgab, urteilte scharf über dieses Thema: „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.“ Der Denunziant, der hinter dem Rücken des Beschuldigten etwas zur Anzeige bringt, wählt den für ihn sicheren Umweg. Statt sich an den Raucher zu wenden und ihn zu bitten, das Rauchen einzustellen, wird mit der Internet-Denunziation die Tradition verlängert, Probleme durch feigen Umweg zu lösen. Den Rauch im Café ertragend kann man ausharren, um später eine Anzeige zu veranlassen. Den Weg nach Hause kann sich sparen, wer im Internetcafé auf den Gesetzesbruch wartet und fast zeitgleich mit dem Verbrechen eine Aussage machen kann.

Das Problem, dass die Anzeige des Rauchens am Arbeitsplatz vermutlich öfters wegen befürchteter Repressionen unterbleiben wird, dürfte auch nicht durch die Unterstützung des Vereins behoben werden, der im Januar noch fragte, ob der Bundestag in der Gewalt von Tabakterroristen sei.

So wie sich das Rauchergesetz nicht auf Initiative der betroffenen Nichtraucher durchsetzt, sondern verordnet wird, kommt mit der Möglichkeit, Verstöße gegen das Gesetz im Internet zu melden, die Schande der Unmündigkeit auf ihren Höhepunkt. Unmündigkeit, eines der Schlagworte der Aufklärung, kann hier wörtlich genommen werden: Statt am betreffenden Ort, dem Täter gegenüber den Mund aufzumachen und sich beim Rauchenden über seine störende Tätigkeit zu beschweren wird im Nachhinein der Verantwortliche am Ort des Geschehens angezeigt. Damit bringt sich der Mensch um die Chance, Probleme direkt im Gespräch oder durch direkte Tat aus dem Weg zu räumen. Diese offene Lösung scheint beim Raucher, der immer deutlicher in ethischen Misskredit gerät, scheinbar nicht erwünscht zu sein.

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