Aufstand der Hunde?

Inmitten von militanten Protesten gegen die Sparmaßnahmen in Griechenland machen Straßenhunde von sich reden, die stets auf Seiten der Demonstranten zu finden sind

Während in Europa hitzig diskutiert wird ob mit Griechenland "erste Schafe am Ende der Euro-Herde gerissen" werden und am Ende gar der ganze Euro futsch ist, haben die von der sozialistischen Regierung angekündigten rigiden "Sparmaßnahmen" Hunderttausende auf die Straßen getrieben.

Hunde, die sich auf die Seite der Protestierer schlagen. Bild: Rebel Dogs

Wie in Griechenland üblich sind Demonstranten nicht zimperlich: beim Marsch auf das Parlamentsgebäude skandierten Tausende "burn, burn parliament", auf der angemeldeten Demonstrationsroute wurden zahlreiche Banken und Regierungsgebäude unter anderem mit Farbbeuteln, Steinen und Molotov-Cocktails attackiert. Die Polizei beantwortet solche Angriffe regelmäßig mit Tränengas, woraufhin auch Polizisten mit Brandsätzen beworfen werden. Weil diese Szenarien absehbar sind, werden offizielle Einrichtungen und Banken am Rande angekündigter Proteste in der Regel geschlossen.

Die deutsche Wirtschaftswoche weiß, "ein Teil des griechischen Problems liegt auch darin, dass Griechen der Obrigkeit sehr skeptisch gegenüberstehen". Das hier postulierte Naturgesetz trifft offensichtlich nicht nur auf die Einwohner zu, sondern erfasst zunehmend die städtischen Straßenhunde. Während hierzulande Hasso und Rex der deutschen Obrigkeit brav gehorchen, braut sich in Griechenland ein unkontrollierter Aufstand der Tiere zusammen, der auch noch als Sympathieträger geeignet ist.

Zwischen Straßenschlachten, Molotov-Cocktails und Tränengas haben sich Straßenhunde auf die Seite der Proteste geschlagen. "Kanellos the Greek protest dog" titelte der britische Guardian in einer Fotogalerie am 6. Mai, einen Tag nach der Großdemonstration in Athen. Auf zahlreichen Bildern ist ein zotteliger brauner Hund zu sehen, der sich zwischen den Fronten von Polizei und Widerstand tummelt.

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass er sich stets in der Nähe von Demonstranten postiert, die Farbe, Steine, bengalisches Feuer und Brandsätze werfen, Tränengasgranaten zurückschleudern oder Polizeispaliere mit Stöcken angreifen. "Der mutige Köter legt sich vor die Reihen von Demonstranten, rennt auf die Polizei zu und bellt die Schilder der riot cops an", zollt sogar die britische Sun Respekt.

Auch Tränengas hält den Hund nicht vom Protest ab. Bild: Rebel Dogs

Auch das amerikanische Nachrichtenmagazin Neewsweek widmete dem Aufstands-Hund ein Feature und zeichnet nach, dass er bereits bei den heftigen Protesten anlässlich der Tötung des 15 Jahre alten Schülers Alexis Grigoropoulos im Dezember 2008 auf die Straße ging. Sogar im Wochenüberblick der New York Times zu den Protesten in Griechenland rennt der "protest dog" prominent durchs Bild.

Bloß, handelt es sich hier wirklich um Kanellos? Oder sehen sich die zahlreichen streunenden Hunde Athens zu ähnlich?

Nein, der Guardian hat sich geirrt, wie derzeit auf zahlreichen Protestwebseiten nachzulesen ist. Kanellos ist vor zwei Jahren gestorben und darf immerhin in einem "Ehrengrab" auf dem Universitätsgelände schlummern - mithin einem Ort, auf dem die Polizei keinen Zutritt hat. Am Polytechnikum nahm der Aufstand gegen die Militärdiktatur 1973 seinen Ursprung.

Kanellos' Nachfolge hatte seit mindestens 2008 "Loukanikos" bzw. "Louk" (griech. "Würstchen") angetreten, der in Exarchia zuhause ist, einem traditionell anarchistisch geprägten Stadtteil am Rande der immer noch besetzten polytechnischen Universität. Louk, der sich seit mindestens Februar 2008 politisch engagiert, ist wie Kanellos zum Liebling der Demonstranten geworden. Kanellos gar zur "Legende von Exarchia" erkoren und mit einem Protest-Song bedacht. Als Kanellos zu Lebzeiten von Hundefängern verschleppt wurde, hatten rund 400 Demonstranten seine "Freilassung" erzwungen.

Nach verschiedenen Blogeinträgen ist Louk in Exarchia "sehr bekannt und beliebt" und wird von den Bewohnern gefüttert. Auf Demonstrationen geht er scheinbar ungern allein, sondern stets "mit 4 oder 5 anderen Hunden". Seinen Lebensmittelpunkt hat Louk in der Mesollogiou-Straße und damit dem Ort, wo Alexis Grigoropoulos erschossen wurde. Nach Generalstreik und Massendemonstration am 5. Mai hatte die Polizei als Vergeltungsmaßnahme zahlreiche Razzien in linken und anarchistischen Einrichtungen in Exarchia durchgeführt, die mit dem Tod der drei Bankangestellten in der Marfin-Bank gerechtfertigt wurden. Bereits vor zwei Jahren war Louk bei der Zerstörung von Scheiben und Einrichtung der Marfin-Bank zugegen.

Neben einer eigenen Webseite über Rebel Dogs folgt Louk inzwischen eine große Fangemeinde auf Facebook, auf der begeistert neue Bilder von Louk und anderen politisch interessierten, streunenden Hunden gepostet werden. "Diese Hunde leben in Exarcheia und sie gehören niemanden", schreibt ein Kommentator bei "thisblogrules". "Wir nennen sie Hunde der Bewegung und es gibt viele. Sie heißen Roza, Dick, Ribo, Petros, Loucy. Es ist lustig, aber sie sind unsere Genossen, wir schützen und füttern sie und sie schützen uns."

Titelseite der aktuellen Ausgabe von The Economist

"Demnächst in einer Stadt in deiner Nähe?" beargwöhnt die Titelseite der britischen Wochenzeitung Economist die militanten Proteste in Athen. Wieder steht Louk in der ersten Reihe Steine werfender Demonstranten.

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