Aufstehen auf Indisch

Mindestens 50.000 Menschen gingen Ende November in Delhi für die Bauern auf die Straße. Davor waren es 50.000 in Kolkata. Foto:Gilbert Kolonko

Menschen aus fast allen Schichten der indischen Gesellschaft unterstützten den Marsch der Bauern auf die Hauptstadt des Landes: Sie wollen sich nicht länger gegeneinander ausspielen lassen

Auf dem staubigen Ramila Ground in Delhi hat sich das alte, bunte Indien mit dem modernen Indien vereint: Unter einem riesigen Zelt sitzen einzig mit einem Lendenschutz bekleidete Farmer aus Indiens südlichstem Bundesstaat Tamil Nadu. Bäuerinnen in farbenfrohen Saris aus Kerala. Mit Robe, Schwert und Turban geschmückte Sikhs aus dem Punjab. Dazwischen hocken jungen Frauen in T-Shirt und engen Jeans und hören Geschichten wie die des 49-jährigen Chand Kumar aus Uttar Pradesh: "Schon im Jahr 2009 wollte ich auf die katastrophale Situation von uns Kleinbauern aufmerksam machen und bewarb mich bei den Wahlen um einen Parlamentssitz - ich bekam 2.310 Stimmen", sagt er stolz.

Doch vier Jahre später musste Kumar nach einer weiteren Missernte seine Farm aufgeben: Sein Stück Land fiel an einen örtlichen Kredithai, der ihm dann einen neuen Kredit gab, um einen "Tante-Emma-Laden" in der Kleinstadt Maghpur zu eröffnen. Im Jahr 2015 musste Kumar schließen, weil es zu viele Läden gab und immer mehr Bewohner der Arbeit wegen in die Großstädte abwanderten: "Seitdem halte ich mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser."

Eine der jungen Frauen, die hier Menschen wie Kumar zuhören, ist die 22-jährige Studentin Sunita. Sie ist für zwei Tage hierher gekommen, um ehrenamtlich als Helferin im Camp der Demonstranten zu arbeiten. "Eigentlich müssten ganz Delhis den Protest der Bauern unterstützen, weil ihre Probleme auch uns betreffen", sagt Sunita.

Die Bauern im benachbarten Haryana und Punjab brennen mangels Unterstützung der Regierung die Stoppeln ihrer Felder ab. Die Rauchwolke zieht dann bis nach Delhi und verschlechtert die schlimme Luft Delhis noch mehr.

Sunita

Auch locker gekleidete Studenten mit stylischen Frisuren helfen bei der Unterbringung der demonstrierenden Bauern und sehen Gemeinsamkeiten: "Vor zwei Jahren haben wir Studenten in Delhi gegen Modis Universitäts-Reformen demonstriert. Doch der Rest der Gesellschaft ließ uns im Stich. So war es für die Regierung einfach, unseren Protest von der Polizei niederknüppeln zu lassen", sagt der 24-jährige Abhijith.

Sonnenaufgang auf dem Ramila Ground in Delhi. Foto: Gilbert Kolonko

Jeden Tag verlassen etwa 2.000 Bauern ihre Felder und ziehen in die Großstädte Indiens. Doch dort gibt es kaum Arbeit, weil jeden Monat eine Million junger Inder neu auf den Arbeitsmarkt dazustößt.

Wer mit den Bauern spricht, hört in der Regel drei Forderungen: Schuldenerlass, höhere Preise für ihre Produkte und die Umsetzung der Ergebnisse des Swaminathan-Reports: Zwischen 2004 und 2006 hatte die indische Regierung fünf Studien in Auftrag gegeben, die die Probleme der Bauern untersuchen sollten.

Doch die Lösungsvorschläge wie diese: den Bauern endlich Zugang zu öffentlichen Krediten zu gewähren oder Zugang zu ausreichend sauberen Wasser, wurden bis jetzt nicht umgesetzt. Dass sich die Probleme jedoch nicht mit ein paar Subventionen und Krediten lösen lassen, weiß auch die anerkannte Wirtschaftswissenschaftlin Jaya Mehta:

Bei der Umsetzung der Vorschläge des Swaminathan-Reports stimme ich den Bauern völlig zu. Aber: Auf einer Fläche von 94 Millionen Hektar leben 240 Millionen Inder (50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung) direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Sieben Prozent der Bauern sind allerdings Großgrundbesitzer, sie besitzen knapp die Hälfte der Agrarflächen. Von einem Krediterlass würden in erster Linie diese Großbauern profitieren, die sich Geld von den öffentlichen Banken leihen können.

Die meisten Kleinbauern würden leer ausgehen, weil sie Kredite nur auf dem informellen Finanzsektor bekommen. Auch von höheren Preisen für die Agrarprodukte würden im derzeitigen System vor allen die Großgrundbesitzer und die Agrarkonzerne profitieren. 65 Prozent der Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, ernten auf ihren kleinen Feldern nicht genug, um sich selbst zu versorgen. Höhere Preise würden also auch sie belasten.

Jaya Mehta
Die Wissenschaftlerin Jaya Mehta im Gespräch mit anderen Demonstranten. Foto: Gilbert Kolonko

Stattdessen fordert Mehta eine totale Änderung des Landwirtschaftssystems:

Die Agrarkonzerne und großen Landlords müssen vom indischen Agrar-Markt verschwinden. Es braucht nachhaltige Landwirtschaft durch kleinbäuerliche Genossenschaften, die das produzieren, was der regionale Markt benötigt und was am besten zu den örtlichen Bedingungen passt. Ich weiß, dass dies für viele utopisch klingt. Doch man muss endlich auf die Schäden schauen, die das jetzige System für Mensch und Natur anrichtet, und nicht nur auf den kurzfristigen Profit, den sich nur wenige einstecken. Wer das im Blick hat, der kann zu keinem anderen Schluss kommen.

Jaya Mehta

Als die Sonne untergeht, versinkt der Ramila Ground in Dunkelheit. "Die Männer, die die Lichtanlage bringen sollen, haben vergessen, dass es um diese Jahreszeit schon so schnell dunkel wird", sagt Dr. Sunilam vom All India Kisan Sangharsh Coordination Kommittee (AIKSCC), das zur Bauern-Demonstration für den nächsten Tag aufgerufen hat. Das Thema Licht erinnert ihn an Präsident Narendra Modi, der sich wie üblich mit fremden Federn schmückt.

"Nicht seine Regierung hat Indien flächendeckend mit Strom ausgestattet", betont Sunilam, "denn schon vor Modis Amtsantritt hatten 94 Prozent der indischen Dörfer Strom.

Ich bin kein Freund der Kongress-Partei. Ihre neoliberale Wirtschaftspolitik, die die finanzielle Ungleichheit fördert und für katastrophale Umweltschäden verursacht, ist ähnlich wie die von Modis BJP - die Korruption auch.

Aber mit ihren Quoten für Regierungsstellen und an Universitäten für ethnische und religiöse Minderheiten hat der Kongress geholfen, das Kastensystem Indiens aufzuweichen und Indien etwas fairer zu machen. Modi dagegen setzt auch im Wahlkampf auf Spaltung. Weil sein Wirtschaftswachstum keine Arbeitsplätze schafft, erzählt er den Wählern, dass sie keine Arbeit bekommen, weil ihnen die Muslime oder die Dalits (die Unberührbaren) durch die Quoten die Stellen wegnehmen.

Dr. Sunilam, AIKSCC

Ramila Ground am nächsten Morgen, dem Tag der Großdemonstration. Ein Wissenschaftler spaziert plaudernd mit einem Priester im Licht der ersten Sonnenstrahlen über den Platz, während ihnen zwei Bauern und ein Lehrer aufmerksam lauschend folgen. Frauen und Männer, zu Kreisen formiert, singen und tanzen. Die Stimmung ist eindeutig: Hier wird sich niemand wegen religiöser oder gesellschaftlicher Unterschiede gegeneinander ausspielen lassen.

Frauen sind selbstbewusster Teil des Protestes. Foto: Gilbert Kolonko

Kurz bevor sich der Demonstrationszug gegen 11 Uhr in Bewegung setzt, sind es die halbnackten Bauern aus Tamil Nadu, die in den Straßenverkehr auf die noch nicht freigegeben Route stürmen und sich teilweise auf die Straße werfen. Die Knochen, die sie bei sich tragen, sollen an die 300.000 Bauern erinnern, die sich in Indien seit 1990 das Leben genommen haben. Die Polizei ist mit Gewehren und Wasserwerfern vor Ort.

Trotz ihres martialischen Auftretens bleiben Delhis Ordnungshüter heute nicht nur in dieser Situation besonnen. Gelassen sperren die Polizisten den Autoverkehr und geben Bauernvertretern Zeit, die Übereifrigen aus Tamil Nadu zu beruhigen. Selbstverständlich ist das nicht: Im April diesen Jahres kamen 8 Menschen bei Demonstrationen der Dalits ums Leben. Einen Monat später, bei Protesten gegen eine Kupfermine in Tamil Nadu, wurden 13 Demonstranten von der Polizei gezielt erschossen.

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