"Augen auf die Straße"

Potsdamer Platz, Berlin. Bild: Bernhard Wiens

Erdgeschosszonen darben. Kann von ihnen ein Anstoß zur Stadterneuerung nach der Pandemie ausgehen?

In Emile Zolas Roman "Das Paradies der Damen" klagt der Onkel der weiblichen Hauptfigur, der ein Tuchhandelsgeschäft betreibt: "Mein Gott, eines Morgens werde ich schließen und meiner Wege gehen." Das neue Pariser Großkaufhaus kaufte überall Mietverträge auf, die Läden wurden geschlossen, die Mieter zogen aus. Die Nichte des kleinen Tuchhändlers, Denise, fragt sich, ob es wirklich so sei, "dass die einen untergehen mussten, damit die anderen leben konnten". Ist "all dieses Elend notwendig (…), um das Paris der Zukunft zu erhalten?"

Das war 1884. Inzwischen hat es auch die großen Kaufhäuser erwischt. Dass die Geschichte sich wiederholt, oder besser: dass der Prozess der Verdrängung zyklisch verläuft, ohne je unterbrochen zu sein, macht die Pandemie schlagartig klar.

Der Satz, den der Leiter der "Bundesstiftung Baukultur", Reiner Nagel, in die Debatte geworfen hat, beansprucht Evidenz: Ohne lebendige und offene Erdgeschosse können wir keine erfolgreichen Neubauquartiere entwickeln. Die These, welche die Stadtforscherin Ariella Masboungi anfügt, macht auf die Alternativen aufmerksam: Wohlstand und Verfall eines Viertels oder ganzer Städte lassen sich an der Belegung der Erdgeschosse ablesen. Woher aber sollen die Erdgeschosszonen die Kraft und den Antrieb zur Erneuerung der Stadt nehmen, wenn ihnen über Jahrzehnte diese Kraft genommen worden ist?

Unser Auge hat die angenehme Fähigkeit, beim Spaziergang durch die Stadt gefällige Architekturen fragmentarisch herauszufiltern und von dort zu nächsten Gefälligkeiten zu springen. Der Rest wird übersehen. Wer aber sein Auge darauf trimmt, auf Marginalien, auf das "Dazwischen" oder das Darunter zu achten, der entdeckt unmittelbar am Bürgersteig heruntergelassene Rollläden, bodentiefe Lamellenvorhänge und meterlang zugeklebte Scheiben von Supermärkten. Der Blick sucht Eingangsflächen, die Willkommen heißen und stößt auf Garageneinfahrten und Türen zu Ver- und Entsorgungsräumen. Und all das auf Augenhöhe. Die Planer und Architekten haben die kulturwissenschaftliche Bedeutung des Überschreitens der Schwelle als Eingliederungsritual vergessen und ins Gegenteil verkehrt.

"Augen auf die Straße" (24 Bilder)

Metropolenhaus, Berlin. Bild: Philipp Külker für bfstudio-architekten

Das Gefühl, nicht dazuzugehören, stellt sich bereits auf dem Bürgersteig ein und setzt sich auf größerem Maßstab beim Betreten des Inneren fort. Videokameras, elektronische Zugangskontrollen und "Entfluchtungsarchitekturen", wie Stephan Trüby sie nennt, steigern das Unbehagen es Besuchers. Er ist an einem Ziel angelangt, das nicht er bestimmt hat. Seine Souveränität ist ihm genommen. Der Zugewinn an Sicherheit ist zweifelhaft. Die entmündigende Empfangssituation größerer Baulichkeiten mag als "Ästhetik des Hässlichen" durchgehen, die zu den spannenden Kontrasten einer Stadt gehört, aber die Aufgabe, die Verslumung großer Teile der Stadt und ihrer Freiräume rückgängig zu machen, wäre in dieser Auslegung verfehlt.

Bei Neubauten könnten diese Fehler vermieden werden, und doch reproduzieren sie sich auf einer scheinbar neutralen, auf der pekuniären Ebene. Die Schere zwischen einer kostendeckenden Miete, mit welcher der Hauseigentümer kalkuliert, und der durchschnittlichen Liquidität der Ladeninhaber wird immer größer. Der wirtschaftliche Druck macht, beschleunigt durch die Pandemie, die EG-Zone zum schlecht verwertbaren Wurmfortsatz des Hauses.

Was bisher so klang, als würde der Städtebau durch die Vernachlässigung oder Fehlplanung von Erdgeschossfunktionen Barrieren errichten, die eine soziale Isolation durch unwirtliche Räume herstellen, liest sich bei Jane Jacobs, der Mutter aller Bürgerinitiativen, ganz anders. Sicherheit entsteht nach Jacobs, sobald Straße, Platz und Bürgersteig allen gleichberechtigt zur Verfügung stehen. Wenn die Stadträume nicht scharf segregiert sind, wenn die Übergänge zwischen Öffentlichkeit und Privatheit fließend und leger sind, bedarf es keines staatlichen Überwachungssystems. Sicherheit wird selbstverständlich. Auf dem Bürgersteig spielt sich das ab, was Stadt ausmacht. Bürgersteige und Erdgeschosse zusammen haben ein Potential, das in der Stadtentwicklung der Moderne zu wenig genutzt, weil dem Auto geopfert wurde.

Die Art, wie Innen und Außen zusammenspielen, prägt die Atmosphäre eines Ortes. Der Bürgersteig ist die Kontaktebene für zufällige Begegnungen, für nachbarschaftliche Begrüßungen und für den Plausch beim Einzelhändler. Gut arrangierte Fenster und Durchgänge erleichtern, von drinnen "Augen auf die Straße" zu richten. Die Blicke gehen nach draußen und umgekehrt und setzen den Betrachter und seinen Wohnraum in eine Beziehung zur Welt. "Augen, meine lieben Fensterlein", dichtet Gottfried Keller.

Das Parterre ist ein Logenplatz, und der Bürgersteig ist ein Dritter Ort. Wer dort flaniert, weicht von der geraden Linie ab. Er mäandriert nach links und rechts und versetzt sich wie von selbst in die Stimmung, den Ladengeschäften und Straßencafés näherzutreten, ohne von "kommerzieller Kälte" umfangen zu sein. Er bummelt.

So idyllisch wie sich Jacobs' Schilderung des "Bürgersteigtreibens" anhört, so gut passt es doch in den größeren, in der bürgerlich-demokratischen Verfassung niedergelegten Rahmen: Der Aufspaltung in öffentlich und privat entspricht die Aufspaltung in die Idee des Staates einerseits und die bürgerliche Existenz andererseits, die Spaltung in den citoyen (Staatsbürger), der zum Beispiel wählt, und den bourgeois (Gesellschaftsbürger), der sein persönliches Wohl mehrt. Wird diese grundlegende Differenz gewaltsam oder schleichend aufgehoben, kann es zu so einfachen wie drastischen Konsequenzen kommen, zu einer fortschreitenden Privatisierung des öffentlichen Raumes, die eine stillschweigende Enteignung impliziert. Die Stadt als offene Gemeinschaft hätte ausgedient.

Wichtig ist, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit wechseln zu können, ohne die Trennung aufzuheben. Das manifestiert sich im Zwischenbereich der "Halböffentlichkeit", in den Übergangszonen, die eine Scharnierfunktion ausüben. Man kann die Rolle wechseln, ist mal mehr öffentlich, mal mehr privat, kommt den anderen Menschen mal näher, mal geht man auf Distanz. Walter Benjamin weist darauf hin, das sich so etwas sogar im Halbbewussten abspielen kann. Er spricht vom "Augenblick des Angesehen-werdens" im öffentlichen Raum. Die Zufälligkeit reduziert solche Blickbegegnungen auf einen kleinen Moment. Aber in ihm ist eine Ewigkeit enthalten, weiß der empfindsame Philosoph.

Die Schnittstelle von Innen und Außen sollte nicht räumlich scharf definiert werden, sondern Erschließungsräume und umgebende Freiräume einbegreifen. Denn die idealen Erdgeschosszonen geben sich offen. Die Wände verlieren ihren abschließenden Charakter und ermöglichen eine flexible Nutzung. Eingänge und Durchgänge, etwa zum Hof, machen das Parterre transparent. Wenn sich in ehemaligen Ladenlokalen Berliner Gründerzeitbauten Kreative wie Architekten niederlassen, signalisieren sie ihr Einverständnis, dass der Vorübergehende von draußen ihnen über die Schulter schaut, wenn er möchte.

Dieser aufgeklärten Einstellung würde ein architektonisches Selbstverständnis widersprechen, das an der Hauswand aufhört. Aber eben diese Haltung, die sich von der Verantwortung für die umgebende Stadt suspendiert, setzte sich in der Nachkriegsmoderne durch. Die Häuser drehten der Straße den Rücken zu. Angesichts des Automobilbooms blieb nichts anderes übrig. Die Vorbereiche wurden nivelliert. Die klassische Moderne ist dafür auf den ersten Blick nicht haftbar zu machen. Sie hatte durchaus Lösungen für die Eingangsbereiche im Sinn und im Ganzen ein Konzept der gegliederten und - zum Beispiel durch Grün - aufgelockerten Stadt.