Augenblicke aus 150 Jahren

Das Rheinische LandesMuseum der ehemaligen Bundeshauptstadt dokumentiert das fotografische Schaffen des Atelier Schafgans

Das Rheinische LandesMuseum Bonn ehrt die "Fotografen-Dynastie" Schafgans zum 150jährigen Bestehen ihres Ateliers mit einer umfangreichen Ausstellung. Vor allem in der Porträtfotografie hat sich das Atelier Schafgans von der Kaiserzeit bis heute einen Namen gemacht. Der Blick in diese exemplarische Fotografiegeschichte zeigt jedoch nicht nur erinnernswerte Menschen und Ereignisse, sondern macht auch mediale Entwicklungen und gesellschaftliche wie technologische Rahmenbedingungen deutlich. Hier der Versuch einer Skizze.

Wann genau die Geburtsstunde der Fotografie gewesen ist, ist in gewissem Sinne Ansichtssache. Die älteste existierende Fotografie stammt von Nicéphore Niépce aus dem Jahr 1827. Sein Verfahren erforderte jedoch Belichtungszeiten von etwa acht Stunden - und das im hellen Sommerlicht Südfrankreichs. In England erfand Henry Fox Talbot Mitte der 1830er Jahre ein fotografisches Verfahren zur Herstellung von Papiernegativen, aus dem sich später die modernen Negativfilme entwickelten. Seine Versuche waren jedoch zunächst fast nur Fachleuten bekannt.

Erst nachdem Jacques Mandé Daguerre am 19. August 1839 seine Erfindung zur Herstellung fotografischer Positive öffentlich vorstellte, kam der Stein ins Rollen. "Sofort stürmten Möchtegern-Fotografen", so beschreibt ein Augenzeuge, "die Läden von Optikern." Drei Tage später hätte man in ganz Paris Leuten mit auf Stativen angebrachten Kameras gesehen, die Kirchen und Paläste fotografierten. Künstler, insbesondere Porträtmaler, waren unter den ersten, die die Fotografie professionell einsetzten. Gleichzeitig begann der sich noch lange hinziehende Disput darüber, ob denn Fotografie Kunst sei oder nicht.

Der Fotograf als Konkurrent des Malers. Karikatur von T. Hosemann, Berlin, um 1843

Bereits 1843 wurde ein Daguerrotypist im Rheinland gesichtet, genauer gesagt in Köln und zwar - wen wundert es? - während des Karnevals. So war die Fotografie schon eine durchaus ernst zu nehmende Technik, als sich der Porzellanmaler Johannes Schafgans (1828-1905) im Jahre 1854 in Bonn dazu entschloss, ein fotografisches Atelier zu eröffnen. Die deutschen Länder waren wirtschaftlich und wissenschaftlich aufstrebend, die Bonner Universität florierte und Schafgans konnte bekannte Dichter und Wissenschaftler porträtieren, etwa den Chemiker Kékule, genauso wie in Bonn studierende Mitglieder des Herrscherhauses, beispielsweise den späteren Kaiser Wilhelm II. Diese Tradition setzte sich bis heute fort. Die Ausstellung im Rheinischen LandesMuseum zeigt ein Porträt, das der Urenkel Hans Schafgans 1990 von dem Physiker Wolfgang Paul anfertigte, der ein Jahr zuvor den Nobelpreis bekommen hatte. Hans Schafgans (* 1927) führt das Atelier heute

Hans Schafgans mit einer alten Laufbodenkamera, Foto: Chr. Gapp

Theodor Schafgans (1859-1907), der mit seinem Vater Johannes zusammen arbeitete und nur zwei Jahre nach seinem Vater starb, schuf seine Porträts während der boomenden Gründerjahre des zum ersten Mal vereinigten, kaiserlichen Deutschland. Die fotografische Technik entwickelte sich schnell, was nicht zuletzt dazu führte, einzelne Porträts immer billiger und in immer größeren Stückzahlen herstellen zu können. Das wiederum machte immer mehr Menschen zu potenziellen Kunden. So wie es in Adelskreisen in den Jahrhunderten zuvor durchaus üblich war, sich auch einmal als Bauer und Bäuerin zu kostümieren oder der feudalen Gartenanlage durch nachgebaute Ruinen oder Minarette einen antiken oder exotischen Anschein zu geben, so ließen sich die zu erstem Wohlstand Gekommenen gerne in Fantasiewelten gestellt ablichten. Gemalte Hintergründe versetzten die Abgebildeten in die "richtige" Umgebung, die Porträtierten ließen sich in aufwändige Kostüme stecken, um sich beispielsweise ins Rokoko zurückversetzen zu lassen. Die mentale Flucht in virtuelle Welten fand also schon damals ihre ersten allgemeinen Ausdrucksformen durch technische Bildmittel.

"Dieser gekünstelte Stil entfernt sich allzuweit von der Aufgabe des Lichtbildners, Abbilder der Wirklichkeit für die Nachwelt zu schaffen", urteilte Johannes' Enkel Theo jedoch später. Theo Schafgans (1892-1976) stieg in das Geschäft mit 19 Jahren ein, 1911. Er hatte an der damals berühmten Münchner Fotoschule eine Ausbildung absolviert und brachte avantgardistische Einflüsse mit nach Bonn. Er entwickelte sich zu einem der Wegbereiter der deutschen Kunstfotografie, die nach dem Ersten Weltkrieg vor allem in der Neuen Sachlichkeit ihren Ausdruck fand, deren Credo in Theo Schafgans Zitat der Ablehnung manipulativer Arbeitsweisen beispielhaft zum Ausdruck kommt. Gerade die Kunstfotografie hat sich damals wie heute immer dann als besonders kraftvoll erwiesen, wenn das der Fotografie immanente dokumentarische Element nicht negiert, sondern mit berücksichtigt wird.

Der Wirtschaftskrise der 1920er Jahre wollte Theo Schafgans mit einer Innovation begegnen: der Farbfotografie. Anfang des 20ten Jahrhunderts waren die ersten allgemein anwendbaren Verfahren zur Farbfotografie aufgetaucht (der Erste Weltkrieg in Farbe. Theo Schafgans begann 1924 mit einer Jos-Pe-Kamera zu arbeiten, die auch von anderen Fotografen eingesetzt wurde

Jos-Pe-Strahlenteilkamera, Foto: Chr. Gapp

Das durch das Objektiv fallende Licht wurde durch Strahlenteiler auf drei unterschiedliche Fotoplatten gelenkt, die mit normalem Schwarzweißmaterial bestückt und vor denen unterschiedliche Farbfilter angebracht waren. Die entwickelten Negative wurden dann zu einer subtraktiven Farbaufnahme kombiniert. Obwohl er für die Bilder weit höhere Preise verlangen konnte, als für die schwarzweißen Arbeiten, war das Verfahren doch so aufwändig, dass es sich unter dem Strich als unrentabel erwies und schließlich von ihm aufgegeben wurde.

Nach der wirtschaftlichen Krise folgte die politische Katastrophe der Jahre 1933-45. Theo Schafgans' Frau Hilde war Jüdin und so war die Familie wachsenden Repressionen ausgesetzt. Sie musste Bonn schließlich verlassen und verbrachte die letzten Kriegsjahre untergetaucht mit falschem Namen in einer Ortschaft im Schwarzwald. Im Juni 1945 kehrte die Familie nach Bonn zurück. Als einziger politisch nicht belasteter Bonner Fotograf wurde Theo Schafgans zum Obermeister der Fotografen-Innung ernannt und konnte sein "Kerngeschäft", die Porträtfotografie, wieder aufnehmen. Als sich Bonn Ende der 40er Jahre zum Zentrum der entstehenden Bundesrepublik mauserte, nutzte er die Gunst der Stunde. 1950 gelang es ihm, Theodor Heuss für eine Porträtsitzung zu gewinnen. Heuss zeigte sich von dem Ergebnis tief beeindruckt. Das Bild wurde das offizielle Bildnis des ersten Bundespräsidenten und fand sich so in Ämtern, Schulen und den Botschaften wieder. In den Jahren der Bonner Republik waren Theo Schafgans, und danach sein Sohn Hans, sozusagen die Hoffotografen der Politiker.

Boris Schafgans, Foto: Chr. Gapp

Hans Schafgans betreibt trotz fortgeschrittenen Lebensalters das Atelier weiterhin engagiert und mitten im Leben stehend. Zwar ist er ein eingefleischter analog arbeitender Schwarzweiß-Fotograf, jedoch ist die kreative Auseinandersetzungen mit allen Aspekten der Fotografie für ihn selbstverständlich (Bewusstseinsschwund). Wenn man sein Atelier in der Bonner Rathausgasse betritt, so ist es dort immer lebendig. Auszubildende, Gäste und Kunden zeigen unmittelbar, dass das der Bilderfundus des Ateliers weiter wachsen wird. Sein Sohn Boris hat nicht zur Foto-, sondern zur Filmkamera gegriffen. Darüber hinaus ist er Kritiker und allein deshalb schon ein Garant dafür, dass die Bilder des Ateliers auch weiterhin ausgewertet, bearbeitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die 150 Jahre, die die Geschichte des Ateliers Schafgans überdeckt, ist gekennzeichnet von raschen und völlig unvorhersehbaren Veränderungen in Gesellschaft, Technologie und Politik. Spräche man einfach über eine "Familientradition", so würde dies viel zu kurz greifen. Vielmehr fordert eine Beschäftigung mit dieser Zeitspanne dazu auf, sich Gedanken zu machen über die wirklichen Konstanten des Lebens, die es möglich machen, sich selbst und anderen über lange Zeit treu zu bleiben.

Die Ausstellung "Schafgans - 150 Jahre Fotografie" ist noch bis zum 31. Mai 2003 im Rheinischen LandesMuseum Bonn zu sehen. (Christian Gapp)