Aus Liebe zum Automobil

Die VW Story - Eine Global-Satire

Der VauWeh-Käfer war das einzige Auto der Weltgeschichte, das sein Dasein als politische Satire begann. Die Familienkarosse fürs deutsche Volk hatte eine große Klappe, die es zu halten galt, einen tränenreichen Dackelblick, einen vom Arschkriechen und Liebedienern bis in den Steiß gekrümmten Rücken und einen knatternden Heckmotor, der im Lande der Krauts klare Rückschlüsse zuließ. Das Volk schob Kohldampf und hatte Schiss.

Entsprechend sah der Wagen auch von hinten aus. Wie eine Karikatur von Wilhelm Busch. Wie "Hans Huckebein", beispielsweise. Auf alle Fälle zum Reintreten. Betrachtet man dagegen diesen ganz frühen VW einmal en face, kommt man kaum umhin, auch in diesem Auto-Gesicht eine karikaturistische Absicht zu erkennen. Das anthropomorphe Element war damals ohnehin noch allgemein sehr viel stärker, aber auch noch stärker unbewusst, vertreten.

Etliche Modelle von BMW oder Opel hatten sogar echte Hitlerschnauzbärte im Gesicht. Aber ob Hitler selber so etwas auffiel? Oder: Ob er merkte, dass der VW-Erfinder Porsche ihn veräppeln wollte? Allein schon dieser Name! Das "Kraft durch Freude"-Auto. (bzw. das "KdF"- Fahrzeug, "Vau-Weh" kam später). Und dazu dann dieses große blöde Grinsen dort wo sonst die Kühlerhaube war. Ob Hitler für so was wie Satire überhaupt ein Gespür hatte? Wohl kaum. Sein Kunstverständnis beschränkte sich auf vollernste pompöse Architektonik. Eben deswegen wäre es interessant, wenn irgendein Kunst-Theoretiker einmal den Nachweis erbringen könnte, ob und wie Ferdinand Porsche mit seinem krummen Auto eigentlich die Hitler/Speer'schen Architekturpläne verhöhnen wollte.

1938: Porsche und Hitler mit Modell des "Kraft durch Freude"-Fahrzeugs

Auf einem Foto aus dem Jahr 1938 sieht man Porsche, wie er mit leicht spöttischem Lächeln dem "Führer" ein Modell des Autos zeigt. Dass er Hitler verarschen wollte scheint mir ausgemacht. Der Ingenieur lüpft die Heck-Klappe, und Hitler freut sich wie ein Kind. Fünf Jahre später ist das Vergnügen merklich aus dem Gesicht des Konstrukteurs gewichen. Der "Führer" besteigt das "Kraft durch Freude" Fahrzeug, aus fotografischen Gründen eine edle Oben-ohne-Version. Porsche schafft nicht mal mehr den Anflug eines Lächelns.

Hitler besteigt das fertige Modell, versucht den Rücksitz zu finden

Dem "Führer" selber war es wahrscheinlich egal, in welcher Schüssel das Volk fuhr. Er selber brauchte für sein Image eher die fahrenden Stahlhelme, in denen er stehenden Fußes durch die Menge kutschiert wurde. Entstieg er ihnen, wirkte er nur noch schwuchtelig.

Hitler kommt 'hoppla, da bin ich' zur Besichtigung der BMW-Werke

Wer weiß, ob es ihm persönlich lieber gewesen wäre etwas mehr "Freude durch Kraft" zu tanken - in dem berühmten BMW Potenzhobel von 1941 zum Beispiel, dieser automobilösen Variante einer langschenkeligen Leni Reifenstrahl, bei der die BMW Niere schon die Gestalt einer aufdringlich geschwollenen Vulva angenommen hatte.

"Freude durch Kraft": BMW 328 Touring Modell 1941

Porsche geriet nachher in französische Kriegsgefangenschaft und durfte seine Autopläne neu zeichnen. Das Resultat sah irgendwie zierlicher und eleganter aus, aber immer noch SEHR Käfer-ähnlich. Trotzdem wurde es das erfolgreichste Auto Frankreichs. Der Renault 4CV. Die Kopie von Citroen, der 2 CV, oder "Döschwo", ("die Ente") sah dem Original-Käfer noch eine Spur ähnlicher und wurde auf lange Sicht noch erfolgreicher. Wie kann man sich diesen Erfolg erklären? War es wirklich nur der fehlende Schnauzbart am Kühlergrill?

Der Prototyp des Renault 4 CV von vorn und hinten, später das ausgereifte Modell. Plus der Citroen Döschwo als Speedster, vom Käfer kaum noch zu unterscheiden

Dem ersten Nachkriegs-VW in Deutschland stand jedenfalls das Große Au-Weh noch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Nix mehr Kraft, nix Freude, nur noch der große Katzenjammer. Vielleicht war es gerade diese triste Schäbigkeit, die zur Identifikation des "Volkes" mit seinem "Wagen" einlud? Natürlich hätte das tränenreiche VW-Modell besser nach Flensburg als nach Wolfsburg gepasst. Aber irgendwann musste das Heulen und Zähneklappern auch mal aufhören, und es ging ja nicht darum, welches die bessere Nazi-City gewesen wäre. Wolfsburg hatte schließlich seinen Namen schon weg, lange bevor irgendeiner von Hitlers Freunden ihm den Spitznamen "Wolf" umhängte. Andererseits wurde die Stadt auch nie in Ferdinand-Porsche-Stadt umbenannt. Oder in Herbie-Town.

Vau Weh? Au Weh!

Denn während der 50er und 60er Jahre wandelte sich die Stadt zu einer biederen Company Town, einer kapitalistischen Karl-Marx-Stadt, die neben der tödlichen Monotonie der Fließbandarbeit ihren Bewohnern ein kaserniertes aber einträgliches Wohnambiente mit Sport und Kunstangeboten lieferte. Dazu die Möglichkeit, sich mit dem ideologischen Leitstern des deutschen Wiederaufbaus zu identifizieren. Gemeinsam mit dem größeren Bruder vom BUG, dem VW-BUS, gelang es "den Deutschen" von hier aus, die Welt zu erobern, sich in das Weichbild der Städte rund um den Globus einzuzeichnen.

Freilich hätte es den Mythos vom Volkswagen der läuft und läuft und läuft kaum gegeben ohne den amerikanischen Erfolg des kleinen "fuggswaggon" (Wenn Sie bei Google "fuggswaggon" eingeben, kommt die Frage zurück: "Did you mean: volkswagen?"). Erst das für den heimischen Markt viel zu teure Exportmodell, das aber in Amerika "Standard" war, erlaubte den sagenhaften Erfolg in Amerika.

Die Mythologisierung erfolgte dann durch Disney’s "Herbie"-Filme, wobei man sich heute, im Schlaglicht der Schmiergeldaffäre, fragt, ob nicht auch diese gezielt als PR-Gag von VW lanciert wurden. Sogar heute, zwei Jahre nachdem der letzte Käfer in Mexiko montiert wurde, gibt es eine neue, quasi posthume Herbie-Komödie samt Girlie-Appeal, womit sich der etwas angeschlagene Disney-Konzern gesund zu stoßen hofft. Wie in Wolfsburg lautet auch hier die Maxime: Call the Girls. Denn: Mädchen machen müde Motoren munter. Für VW ist die Image-Pflege auf alle Fälle ein Moorbad.

Der klassische Love Bug, der Herbie-Spoof mit Bin Laden , und Herbie 2005

Mittlerweile ist der Volkswagen natürlich längst ein Weltwagen, Wolfsburg wird zu Bitterfeld, und selbst die "gläserne Fabrik" in Dresden schafft keine durchsichtigen Verhältnisse. Der "Standort Deutschland" könnte höchstens noch den heimischen Arbeitern von Nutzen sein, aber kaum mehr der heimischen Wirtschaft. Dafür können sich die Arbeitslosen vor Ort heute eine Karosse mit dem Luxus eines Rolls Royce kaufen, bei der vom Preis bis zum elektrischen Fensterheber schon gar nichts mehr an das einfache Reisgericht erinnert, nachdem sie benannt wurde. Wie überhaupt die persischen Namen bei VW Mode sind: neben dem "Polo" – gekochter Reis, Basis der persischen Cuisine – gibt es den "Touran" – altes persisches Wort für Russland – und an den "Sharan" lässt man am besten nur einen "Schah ran" – er ist "das Fahrzeug für Könige. Daneben gibt’s fürs einfache Volk die Fix und Foxi-Autos – "Fox", Lupo", bloß die "Oma Eusebia" fehlt noch.

Olé: Der letzte Käfer aus Mexiko gibt zu Mariachi-Klängen den Löffel ab

Unterdessen ist der alte Käfer, wie der Dalai Lama, als New Beetle wieder erstanden, allerdings, anders als der Dalai Lama, noch vor seinem eigenen Tod. Der letzte Old Beetle – Nummer 21,529,464 -- wurde am 30 Juli 2003 in Mexiko zusammengeschweißt – 25 Jahre nachdem der letzte Käfer in Deutschland vom Band lief. Kurioserweise – vielleicht als Verarschung der Wolfsburger – verschiffte man ihn anschließend sofort zurück "in die Heimat", nach Wolfsburg.

New Beetle: Breitmaulfrosch

Der New Beetle erblickte das Licht der Welt dagegen schon 1999 – in Amerika. Wie Hitlers Traumauto – der BMW Potenzhobel von 1941 – zeigt auch diese amerikanische Pop-Ikone ein himmelbettblaues Hamsterbackengesicht, allerdings ohne Sexualattribute. Dafür mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das unwillkürlich an den Witz vom Breitmaulfrosch erinnert, der nicht "Konfitüre" sagen konnte, und stattdessen immer "Marmelaaaade" sagte.

Noch breiteres Maul: Der VW Haifisch aus China

Inzwischen präsentieren sich die Wolfsburger – anbiedernd blöde - mit einem schlitzäugigen Haifisch-Modell im Land der Mitte, womit sie eigentlich nur Schiffbruch erleiden können. Zu erwarten steht indessen, dass auch in China wieder etwas Volksnäheres gewünscht wird. Und dass man sich dort nicht einfach mit der virtuellen Reproduktion à la Beetle Mouse für den Computer zufrieden gibt, sondern die Sehnsucht nach dem echten Artikel ins Unendliche steigt.

Die Wühlmaus (wheel mouse) als Käfer (beetle)

Dann dürfte der Old Beetle eines Tages eine konfuzianische Wiedergeburt erleben. Dann allerdings eine Wiedergeburt als Old Beetle, darin dem Papst ähnlicher als dem Dalai Lama. Denn während der Dalai Lama als Kind wiedergeboren wird, stellt der Papst eine Wiedergeburt des Heiligen Petrus dar – als alter Mann. Dann wäre der Käfer freilich endgültig reif für die Seligsprechung, das erste Auto, das wahrhaftig den Sprung in den Himmel geschafft hätte.

Der Käfer im Himmel

(Tom Appleton)