Aus Panik angepasst und unter Selbstkontrolle

Die Shell-Studie schildert die Jugend als optimistisch und pragmatisch, eine andere Jugendstudie schildert sie als "angstvoll und ungeheuer anpassungswillig"

Wie sich doch Studien und vor allem Interpretationen unterscheiden können. Nach der Shell-Studie sind die meisten der befragten 12-25-jährigen Jugendlichen optimistisch, wenn sie nicht aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen. Sie seien leistungsbereit, ehrgeizig und haben den Wunsch nach einer Familie, wohnen auch ganz gerne noch Zuhause und denken auch lieber positiv, vor allem aber pragmatisch (Mit Pragmatismus zum Glück).

Erst letzte Woche wurde eine andere Studie veröffentlicht, die ein anderes Bild malt, auch wenn es viele Überschneidungen gibt. Die Jugendstudie des Marktforschungsinstituts Rheingold geht davon aus, dass die jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren eine Lebenswelt wahrnehmen, die "durch eine ungeheure Brüchigkeit und ständige Erschütterungen" gekennzeichnet ist. Die Jugend glaube, sie könne sich auf nichts mehr verlassen und sei deswegen "angstvoll und ungeheuer anpassungswillig". Diese grundlegende Unsicherheit, die auch die eigene Familie (Scheidungen, alleinerziehende Eltern und unzuverlässige Väter), lasse die Jugend zu einer "Generation Biedermeier" werden, obgleich sie zunächst anders wirkt, eben auch pragmatisch und ehrgeizig:

Sie präsentiert sich sehr erwachsen, kontrolliert und vernünftig. Zielstrebig will sie ihren eigenen Weg finden. Dabei stehen Bildung, Karriere und ein hoffentlich gutes Einkommen hoch im Kurs. Eine große Anpassungs-Bereitschaft, persönliche Beweglichkeit und Pflichtbewusstsein werden ebenso als Garanten eines erfolgreichen bzw. abgesicherten Lebens angesehen, wie ein breites Kompetenz-Spektrum. Die Lebensentwürfe der jungen Menschen sind von klaren und vor allem erreichbaren Zielen bestimmt.

So gesehen ist Überschwang, Leichtigkeit, auch utopische Hoffnung anscheinend nicht vorhanden. Man bewegt sich in der Welt, wie sie nun mal ist, und träumt, so fassen dies die Studienautoren zusammen, von dem "zentralen Lebensziel …, ein kleines Haus mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen. Bewohnt mit der eigenen Familien, den (beiden) Kindern und dem Hund." Statt Revolte, die auf etwas anderes hinaus will, herrsche "Absturz-Panik" und "verzweifelte Wut", die aber oft nicht direkt ausagiert werden könne (möglicherweise sind Amokläufe, die Selbstmordanschläge der jungen Menschen im Westen, ein Symptom dafür).

Es gebe allerdings öfter Eskapaden als Teenager, mit 16 oder 17 Jahren würden die Jugendlichen aber von der verzweifelten Wut auf Angst und Anpassung umschalten und nach Ordnung suchen. Dem würden auch Castingshows entsprechen, die vorzuführen scheinen, wie man sich disziplinieren muss, um Karriere zu machen oder Erfolg zu haben. Eigentlich scheint das Leben als junger Mensch heute sehr unter Druck stattzufinden, Unbekümmertheit ist nach den Schilderungen der Studienautoren schwer zu finden, auch Erkunden, Sich-Treiben-Lassen oder zielloses Umherschweifen, was eigentlich zur Jugend und zur "Bildung" gehört, darf nicht stattfinden:

Das Leben soll überschaubar bleiben und durch genaues Planen und Organisieren in eine berechenbare Struktur gebracht werden. Man will am Vorabend bereits genau wissen, was der neue Tag bringt und wie er abläuft. Daher erfreuen sich Serien im Fernsehen oder die täglichen Kontakt- oder Informations-Rituale im Internet speziell auf Facebook größter Beliebtheit.

Angeblich herrschen in den Partnerschaften Treue und Verlässlichkeit, zumindest als Anforderungen. Man lebt schon Ehe:

Oft ist die Beziehung durch ein Treuediktat bestimmt, das ein Ausbrechen oder Fremdgehen des Partners als unverzeihlichen Verrat brandmarkt. Auch in der Sexualität wird die Selbstkontrolle nie ganz aufgegeben. Die völlige orgiastische Hingabe und Selbstlauflösung ist den Jugendlichen suspekt. Man bleibt auch beim Akt in der Rolle des teilnehmenden Beobachters, die eine aktive Steuerung des Geschehens ermöglicht. Die konkreten Beschreibungen der eigenen Sexualität haben daher mitunter den Charakter eines kontrollierten Stellungs-Krieges.

Wird hier wirklich die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen in Deutschland beschrieben? Man könnte fast den Eindruck erhalten, dass die schon etwas älteren Studienautoren auch den Zweck verfolgen könnten, ihre Lage schönzureden, indem die der nächsten Generation möglichst trist geschildert wird. Möglicherweise wird auch die Situation der Jugend früher verklärt. Allerdings gab es da noch in guten Wirtschaftszeiten die Lust an der Revolte und am Experiment mit dem Leben, die Erwartung, dass die andere Welt zum Greifen nahe liegt, dass die ältere Generation ein beschissenes Leben führt. Trotz 68, Hippies oder auch bewaffnetem Kampf war dies meist eine kurze Eruption, wenn die Weigerung zur Anpassung nicht den Gang in die Institutionen oder in die Lebenswelt antrat und jetzt etwa mit den Grünen bürgerlich wurde. Die nächste Generation schrieb sich dann schon No Future auf die Fahnen, das Ende des Kalten Kriegs war dann auch das Ende jeder gesellschaftlichen Alternative zum herrschenden Kapitalismus. Man konnte nur noch auf die Technik setzen. Dann kam der 11.9. und der Krieg gegen den Terrorismus, der der suizidalen Wut der Religiösen entsprach. Und statt Veränderung, gibt es nur noch Reformen und Regulierungen. Revolution heißt heute schon, die alte Atomtechnik weiter laufen zu lassen und dies als Brücke zu verkaufen, weil vor dem Schritt ins Neue zurückweicht.

Es geht nicht mehr um eine bessere Zukunft für die Menschheit, sondern um den Kampf der jeweils Guten gegen die jeweils Bösen, um die Verteidigung oder die Rückkehr. Unter dem Pflaster ist kein Strand mehr. Aus der Politik kamen keine Visionen mehr, den Intellektuellen ist auch der Saft ausgegangen. Die Philosophen bauen vielleicht noch blasen, aber sie haben kein Projekt mehr. Und interessant ist es eben auch nicht, permanent von der Postmoderne oder dem Ende der Geschichte zu sprechen. Da passt man sich eben auch an, fügt sich ins Getriebe und versucht, einfach zu überleben. Warum sollte es der Jugend anders ergehen?

Nach der Rheingold-Studie wissen die jungen Menschen natürlich auch nicht, wohin die Reise geht. Sie wissen auch nicht, was sie wirklich wollen, aber sie sollen gehetzt sein, sich vor möglichen Unsicherheiten zu schützen und daher alles wahllos einhamstern, was die Zukunft oder die Karriere sicherer machen könnte:

Bereits in der Schulzeit beginnen sie sich ein ganzes Arsenal von (zertifizierten) Fertigkeiten, Ausbildungen und Kompetenzen zu beschaffen: Praktika, Fremdsprachen-Kenntnisse, Auslands-Aufenthalte, Zusatz-Qualifikationen gelten als unerlässliche Fahrkarten in eine erfolgreiche Zukunft. Allerdings werden diese Kompetenzen häufig sehr wahllos, maßlos oder schematisch gehamstert. Denn die Jugendlichen haben meist kein klares Bild, was aus ihnen werden soll. Die Auswahl des wichtigen Rüstzeugs entspringt nicht einem flammenden Interesse oder der Liebe zur Sache, sondern einer Rundumsorglos-Logik.

Und weil die gesellschaftlichen Perspektiven fehlen, würde eine Art Sarrazin-Perspektive vorherrschen. Wer unten ist, ist selber Schuld. Es gibt nur Gewinner und Verlierer, was Castingshows auch vorexerzieren. Und weil die Verlierer selbst schuld sind, kann man sie auch treten oder muss man sich fügen:

Insgesamt haben die Jugendlichen ausgehend von ihrer Erfahrung das Bild einer Zweiklassen-Gesellschaft entwickelt. Die Welt ist klar geteilt in Winner und Loser, in Superstars und Hartz IV, in gut und böse. Und tatsächlich ist auch die Jugend geteilt in die leistungswilligen und strebsamen Kompetenz-Hamsterer und den Versagern, Resignierten oder Outlaws. Sie haben es aufgegeben, sich aktiv dem Absturz entgegen zu stemmen und lassen sich ohne Fallschirm in das staatliche Sicherungsnetz fallen.

(Florian Rötzer)

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