Aus den Augen, aus dem Sinn

Unterirdische Mini-Atomkraftwerke machen sich die Abwärme des natürlichen Zerfalls zu Nutze.

Ein Atomkraftwerk im Garten. Geht nicht? Geht doch. Ist allerdings keineswegs beabsichtigt. Stattdessen dient das Mini-AKW der Temme AG, dessen erster Bauabschnitt jetzt vom Verwaltungsgericht Trier genehmigt wurde, der kommerziellen Stromerzeugung – und versteht sich selbst als zukunftssichere Ergänzung zu erneuerbaren Energiequellen wie Wind-, Wasser- und Solarenergie.

"Kein deutsches Atomkraftwerk ist derzeit vor aktuellen Bedrohungsszenarien sicher", das ist so ziemlich das erste, was Jörg Temme, Vorstandsvorsitzender der Temme AG – ein Dienstleister für Technologien zur Energiegewinnung, ohne eigene Webseite: "In der Branche kennt man sich halt." – erzählt, wenn er auf das Gerichtsurteil von Trier angesprochen wird. Und, ja, als Verkaufsargument für die nur etwas drei mal drei Meter große und unterirdisch verbaute Atomanlage ist das catchy. Ebenso attraktiv ist, dass ein solches Temme-Kraftwerk ohne die gewaltige Infrastruktur – zum Beispiel Stromnetz und immense Kühlwasserversorgung – der großen Konkurrenz auskommt. Möglich wird das nicht durch eine geringere Reaktorgröße, sondern im Grunde durch das gänzliche Fehlen eines Reaktors. Stattdessen nutzen die Kraftwerke die Abwärme des natürlichen Zerfalls eines radioaktiven Isotops zur Energiegewinnung – und sind damit nicht einmal auf einen bestimmten Typ festgelegt, sondern können sich ganz nach beispielsweise logistischen Faktoren richten. Und ein Katastrophenfall läuft automatisch glimpflicher ab: Da die Kraftwerke ohne Druckwasserkühlung auskommen, versprüht sich das radioaktive Material bei einem Hüllenbruch nicht zwangsläufig schon durch den Wasserdruck in die Luft.

Wenn es überhaupt zu einem Katastrophenfall kommt – die Wahrscheinlichkeit dafür schätzt Jörg Temme deutlich geringer als bei einem großen Kraftwerk ein: "Wir haben in den Jahren 2004 und 2005 mit aktuellen Panzerabwehrsystemen Beschusstests durchgeführt. Diese Systeme durchschlagen aus bis zu zehn Kilometern Entfernung einen Meter Stahl, oder zwei Meter Beton." Ein Atomreaktor ist in der Regel geschützt durch eine ca. 60cm dicke Betonkuppel und 22cm Stahl darunter – und einen Schutzzaun im Radius zwischen 300 und 400 Meter um die Anlage herum. "Vor 50 Jahren war man damit relativ auf der sicheren Seite. Heute ist die Situation eine andere: Solche Systeme findet man beispielsweise bereits in den Händen der Hisbollah." Und dann: "Die Raketen sind idiotensicher, das ist ja auch ein wichtiges Kriterium bei ihrer Entwicklung. So ein Passagierflugzeug muss erstmal jemand entführen, fliegen können und damit einen Reaktor überhaupt treffen." Letzteres ist gegen ein verbuddeltes Mini-Kraftwerk der Temme AG sogar völlig ausgeschlossen – Passagierflugzeuge sind für einen Sturzflug nicht geeignet -, dem Raketenbeschuss halten sie allein schon durch das umgebende Erdreich mehr entgegen. Ein Schutzzaun umgibt natürlich auch eine solche Anlage, außerdem schützt sich der Atomwürfel mit selbsterzeugtem Strom gegen Eindringlinge. Und dann würden auch noch "aggressivere Verteidigungsmechanismen" installiert – die Details bleiben jedem selbst auszumalen. Einem Angriff hat dieses Temme'sche Kraftwerk also einiges entgegenzusetzen.

"Der Mensch ist immer eine Fehlerquelle."

Auch einen durch menschliches Versagen bedingten Ausfall will Temme ausschließen, die Anlage läuft komplett autonom: "Sie bauen das Ding, packen das Material Ihrer Wahl hinein – zum Beispiel Strontium 90 mit einer Halbwertszeit von 28,5 Jahren -, schließen ab, Erde drauf... und haben je nach verwendetem Isotop mehrere Jahrzehnte eine nahezu wartungsfreie Energiequelle. Der Mensch ist immer eine Fehlerquelle." Der größte Sicherheits-Nachteil des Kraftwerk-Konzepts ist rein statistischer Natur: So plant die Temme AG eine dreistellige Anzahl solcher Kraftwerke über Deutschland verteilt – und erhöht damit die Chance auf den Ausfall eines der Kraftwerke, woraus Temme auch gar keinen Hehl macht. "Aber sie müssen bedenken, dass unsere Anlagen im Vergleich zu einem großen Kernkraftwerk potentiell nur ein sehr viel kleineres Gebiet bedrohen." Und eben nicht zwangsläufig ein Ballungszentrum, wie dies bei einem herkömmlichen Kraftwerk in der Regel der Fall ist: Es muss sowohl Zugang zu Starkstromnetzen als auch zu einem großen Fluss für die Kühlung haben, "beides Standortfaktoren, die Sie in der Regel in der Nähe großer Städte vorfinden."

Neben dem Sicherheitsaspekt ist das aber auch ein Wirtschaftsfaktor. Gerade ausländischen Investoren eröffnet sich mit den Mini-Kraftwerken eine reelle Chance auf den Eintritt in den deutschen Energie-Markt, weitgehend unabhängig von nationalen Netzbetreibern und logistischem Aufwand. Und sehr viel weniger auf die ohnehin nie wirklich zu erreichende Akzeptanz in der Bevölkerung angewiesen. "20.000 Unterschriften können den Bau eines Kraftwerks stoppen. In der Nähe einer Großstadt ist das schnell erreicht, und Investitionen in Millionenhöhe sind verschwendet", so Temme. Wird eine solche Anlage aber in einem weniger dicht besiedeltem Gebiet installiert, so hält sich der absolute Widerstand der Anwohner wohl in Grenzen. "Das Engagement der Leute lässt doch ganz schnell nach, sobald sie sagen können: 'not in my backyard!'"

Theater für das Wahlvolk

So nachvollziehbar die Argumente für die Mini-Kraftwerke auch sind, ihr Anpreisen geht vielleicht am Kern vorbei: So oder so handelt es sich um Atomenergie, und dass ist ja nach offizieller politischer Agenda – der Atomausstieg wurde 2000 von Rot-Grün beschlossen - grundsätzlich keine Technologie, in die es sich in Deutschland zu investieren lohnt. "Das ist doch eine rein ideologische Debatte, die darüber geführt wird", meint Temme. Für ihn ist seine Technologie sogar die zukunftssicherste überhaupt: Der Ausstieg aus der Atomenergie sei einfach nicht realistisch, Kohle und Gas könne es schon aus Gründen des Umweltschutzes nicht ersetzen, und alternative Energien sind immer noch nicht effektiv genug und außerdem zu starken Fluktuationen unterworfen. Genau hier sieht Temme auch ein perfektes Einsatzgebiet für seine Kraftwerke: "Sie sind ideal, um einen CO2-freien Energiepark zu harmonisieren", so der leicht süffisante Werbe-Tenor. Im Klartext: Sie könnten die sonst stark schwankende Energieproduktion von Wind- und Solarkraftwerken witterungsunabhängig stabilisieren. Atomkraft ist unverzichtbar, davon ist er überzeugt. "Sehen Sie sich doch zum Beispiel Wolfgang Clement an, der hat den Atomausstieg mit beschlossen, jetzt ist er im Aufsichtsrat von RWE Power." Nach seiner Ansicht drücke sich die Politik derzeit nur vor der unangenehmen Aufgabe, den Ausstieg aus dem Ausstieg zu beschließen. Temme: "Im Moment beobachten wir großes Theater für das Wahlvolk über etwas, das hinter den Kulissen längst abgeschlossen ist." (Matthias Huber)