Ausbruch in die Wirklichkeit

John Woos neuer Film "Paycheck" basiert auf einem Philip K. Dick-Roman

Der Hype um "Paycheck" ist groß: The Second Coming of Philip K. Dick titelt etwa Wired und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Vorlage des Films. Nach "Blade Runner" (1982), "Total Recall" (1990), "Screamers" (1996), "Impostor" (2002) und "Minority Report" (2002), jetzt also die sechste Kinoauswertung eines Romans des Sci-Fi-Kultautors, die ein ganz besonderer Leckerbissen zu werden verspricht: schließlich hat John Woo Regie geführt, ein "Meister der visuellen Kunst", wie ihn Ben Affleck, der Hauptdarsteller des Films, schwärmerisch bezeichnet.

In "Paycheck" an Ben Afflecks Seite: Uma Thurmann. Bild: Paramount Pictures

Der Handlungsort für die Adaption der von Dick in den 1950ern geschriebenen Geschichte ist Seattle. Die "Space Needle", das Wahrzeichen der nordamerikanischen Stadt, ist das einzig wiedererkennbare Merkmal, ansonsten wirken die Locations ziemlich austauschbar (gedreht wurde in Vancouver): Moderne Hochhäuser, U-Bahnschächte, überfüllte Verkehrstraßen, etc. Alles präzise fotografiert, in hellen, kühl-leuchtenden Farben. Obwohl futuristische Maschinen in erster Linie die prominenten Marker der Zukunft sind (Handfeuerwaffen, Natur- und Klimasurrogate, 3-D-Avatare und nicht zuletzt der Dreh- und Angelpunkt des Films: die Fortune-Telling-Apparatur), fällt dieses Gewöhnlich-Alltägliche ins Gewicht, das Woo in der Gegenwart vorgefunden und mit seiner besonderen Handschrift inszeniert hat. Auf die Darstellungsweise kommt es an, scheint Woo uns hier sagen zu wollen. Auf leichte Modifikationen des Bestehenden, um die Realität in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

"He changed something" ist denn auch der erste Satz, der den Zuschauer auf die Spur eines Falls bringt, den der Rhetrik-Konzern um jeden Preis geheim halten und das FBI, "von nationaler Sicherheit" sprechend und unter Hochdruck arbeitend, aufklären will. Die Schlüsselfigur ist der Computerspezialist Jennings (Ben Afflek), der für Rhetrik eine geheimnisumwobene Wunderwaffe entwickelt hat, sich aber an nichts erinnern kann, weil ihm nach dem Auftrag sein Gedächtnis gelöscht worden ist. Lediglich ein paar nutzlos scheinende Gegenstände bleiben ihm: Eine Münze, eine Uhr, Streichhölzer, usw., um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die das FBI und Rhetrik mit jeder verstreichenden Minute enger zu ziehen scheinen. Als Jennings den Wettlauf gegen die Zeit beginnt, wird aus scheinbar heiterem Himmel aus einem Bastler ein Superagent. Auch seine ehemaligen Kollegen können nur den Kopf schütteln. Doch ein filmgeschichtliches Zitat von Woo hilft auf die Sprünge.

Jennings Look wurde Cary Grants Kleidung in Alfred Hitchcocks "North by Northwest" (1959) nachempfunden. Grant spielt darin den schnöden Werber Thornhill, der eines Tages mit George Kaplan verwechselt wird. Da letzterer ein von den US-amerikanischen Geheimdiensten ausgedachter Agent ist, der nur auf dem Papier und in der Vorstellung der Gegenparteien existiert, nimmt Thornhill zunächst sehr unwillentlich die Rolle von Kaplan an, um seine Haut zu retten - ein vergleichbarer Rollentausch vollzieht sich später bei Michelangelo Antonioni in "Der Reporter" (1973) und macht einen Journalisten (Jack Nicholson) zu einem Waffenhändler wider Willen.

Der Identitätswechsel, der Jennings zu schaffen macht, lässt sich am besten als Reality-Hopping beschreiben: Als er nach und nach die Bedeutung der vermeintlich bedeutungslosen Gegenstände zu erkennen beginnt, fängt für Jennings ein von John Woo rasant in Szene gesetztes Spiel zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an, im Zuge dessen sich herausschält, dass Jennings hier eine bereits vorgeschriebene Rolle erfüllt. Vergleichbar ist dieses Reality-Hopping auch mit Dean Parisots "Galaxy Quest" (1999), in dem gealterte Stars einer Sci-Fi-Serie plötzlich zu Weltallkriegern werden, weil eine Zivilisationen aus einem anderen Sonnensystem die Serie für bare Münze genommen hatte, während Fans, die den Plot in Yps-Manier wissenschaftlich aufgearbeitet hatten, die SchauspielerInnen bei ihrer lebensgefährlichen Mission im All per Funkkontakt retten.

Diese Gratwanderung, die die Figuren in mehreren Welten zugleich heimisch werden lässt, stattet sie mit etwas aus, das man Omni-Sichtbarkeit nennen könnte. Eine visuelle Qualität, die Jennings über weite Teile des Films mit ihnen und einigen anderen Figuren der Filmgeschichte teilt. Etwa den Protagonisten von "Videodrome" (1982), "Nick of Time" (1995) und "Sixth Sense" (1999), die im Verlauf der filmischen Erzählung zwischen den Ebenen einen Neutralisierungsprozess hin zur Nicht-Identität durchlaufen.

All dies sind Motive, mit denen das zeitgenössische Kino, an der Schwelle zum Cyberspace, über sich selbst nachdenkt (vgl. Arnie und sein Double). Motive, die in ihrer filmischen Selbst-Reflexivität früher schon in Woos Schaffen eingeführt worden sind. Mit "Paycheck" knüpft der in China geborene Regisseur an die filmischen Identitätsdiskurse seiner Erfolgsfilme (etwa "Face/Off" und Mission Impossible 2) an.

Diese Filme hatten die Grenze zum Mainstream-Kitsch vielleicht schon etwas zu weit überschritten hatten. Aber sie lassen sich auch in eine Tradition des Hollywood-Kinos stellen, die die Verschmelzung des Altmediums Films mit auf digitalen Medien basierenden Unterhaltungsformaten formal thematisiert. So ist beispielsweise ist die dem Computerspiel entlehnte Nicht-Identität des Protagonisten in "Paycheck" zwischen den Bildern eingeschrieben. Woos Film dürfte somit wohl doch ein bisschen mehr als eine weitere Philip K. Dick-Verfilmung mit großartig choreographierter Action sein.

Kinostart: 22.01.2004 (Krystian Woznicki)

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