Auschwitz und wir

Gedanken zur Befreiung des größten deutschen Vernichtungslagers vor 60 Jahren

Heute vor 60 Jahren befreiten sowjetische Truppen das Vernichtungslager von Auschwitz. Seitdem ist Auschwitz mehr als nur ein Ort des namenlosen, unvorstellbaren Schreckens. Es ist das Synonym für diesen Schrecken, eine offene Wunde und der Inbegriff des deutschen Völkermords an den Juden. In der Erinnerung an ihn findet und verliert sich deutsche Gesellschaft, Kultur und Politik auch in der Gegenwart. Denn nach wie vor gilt der Satz von George Steiner: "Die Gegenwart von Auschwitz hat auch darin ihren Grund: Wir haben keine andere Sprache als die, in der Auschwitz geboren und vollzogen wurde."

Quelle: The Pictorial History of the Holocaust

Was war Auschwitz? Auschwitz war das größte Vernichtungslager der Deutschen. Über 1,5 Millionen Menschen wurden allein hier getötet. Es bestand aus einem Stammlager, dem drei Kilometer entfernten Lager Auschwitz-Birkenau mit seinen Gaskammern und Verbrennungsöfen, sowie aus 45 Zwangsarbeitslagern bei den umliegenden Fabriken. In den ersten Monaten 1940 wurde es gebaut, zunächst als Lager für die polnische Intelligenz. Am 4. Mai 1940 wurde Rudolf Höß zum Lagerkommandanten ernannt. Bald kamen die ersten Gefangenen, die zunächst als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.

Die bestehenden Vernichtungsstellen im Osten sind nicht in der Lage, die beabsichtigten großen Aktionen durchzuführen. Ich habe daher Auschwitz dafür bestimmt - einmal wegen der günstigen verkehrstechnischen Lage; und zweitens lässt sich das dafür dort zu bestimmende Gebiet leicht absperren und tarnen.

Befehl Heinrich Himmlers aus dem Jahr 1941, der zum Ausbau des neuen Lagers führte und dessen neuen Zweck definierte

Im Januar 1942 begann der Massenmord an den jüdischen Gefangenen in Birkenau und damit die Umsetzung der kurz zuvor beschlossenen so genannten "Endlösung der Judenfrage". Im ersten Halbjahr wurden Gaskammern und Krematorien eingerichtet. Im Mai 1943 wurde Josef Mengele Lagerarzt und begann mit "medizinischen Experimenten" an den Lagerinsassen. Ab Sommer 1944 wurden die berüchtigten "Todesmärsche" durchgeführt: Angesichts der vorrückenden Roten Armee begann man mit bewachten Märschen der Lagerinsassen in andere Konzentrations- und Vernichtungslager, die zum großen Teil im deutschen Reichsgebiet lagen. Bei der letzten Zählung am 17. Januar 1945 befanden sich noch 67.012 Menschen im Lager. Einen Tag später wurde mit dessen Räumung begonnen. 58.000 Lagerinsassen wurden auf den Weg nach Loslau (Wodzislaw Slaski) gezwungen und später auf andere Lager in Deutschland verteilt. Mehr als 8.000 kranke und schwache Gefangene, darunter viele Kinder, wurden ohne Nahrungsmittel und andere Versorgung zurückgelassen. Am 27. Januar 1945 befreien sowjetische Soldaten die in Auschwitz verbliebenen 5.200 Gefangenen.

Jeder war gefährdet; keiner konnte sich sicher fühlen

Was ist Auschwitz? Es ist das Symbol des einzigartigen Massenmordes, den die Deutschen vor zwei Generationen begangen haben. Und es ist eine offene Wunde. Denn die entscheidende Frage ist einstweilen unbeantwortet. Warum war das möglich? Warum haben sie es getan?

Warum? Sechs Millionen sind eine zu abstrakte Zahl, um sich unter ihr noch etwas Konkretes vorzustellen. Schon bei den über 200.000 Toten der Naturkatastrophe im Indischen Ozean versagt unser Vorstellungsvermögen. Aber sechs Millionen? Wahrscheinlich waren es mehr. Ganz gewiß waren es mehr, bezieht man all jene mit ein, die nicht als Juden, sondern aus anderen Gründen, nicht nur systematisch und industriell in Vernichtungslagern, sondern auch durch "Euthanasie" als "menschenunwertes" Leben, als Kriegsgefangene in mörderischen Arbeitsdiensten, durch gewaltsame Vertreibung, als Partisanen oder Geiseln ermordet wurden, oder deren Tod - etwa als Zivilisten infolge von Kriegshandlungen - billigend in Kauf genommen wurde.

Auschwitz steht für all das. Es steht für das einmalige Menschheitsverbrechen der geplanten und versuchten, industriell durchgeführten Auslöschung eines ganzen Volkes durch Todesfabriken. Für die möglichst umfassende Verwertung der Körper dieser Opfer vor und nach ihrem Tod. Dafür, dass Menschen von anderen Menschen ganz und gar und auch schon zu Lebzeiten zur Sache gemacht wurden. Dafür, dass die Kriterien für die Ermordung vollkommen abstrakt waren, der alleinigen Definition der Täter unterlagen und sich auf keinerlei - religiöse, rassische, territoriale, ideologische - Kriterien bezogen oder durch sie eingeschränkt wurden. Hätten die Deutschen den Krieg gewonnen, hätte kein einziger, der nach ihrer Definition ein Jude war, überlebt. Jeder war gefährdet; keiner konnte sich sicher fühlen. So etwas hatte es vorher nicht gegeben. So etwas hat es seitdem nicht gegeben. Ein Zivilisationsbruch.

Warum haben Deutsche diese Taten begangen? Warum haben so viele Deutsche - mindestens 100.000, vermutlich über 500.000 waren direkt an der Durchführung des Holocaust beteiligt - an diesem Geschehen mitgewirkt? Warum haben sich so wenige verweigert, obwohl dies, wie Studien belegen, ohne Nachteile möglich war? Warum erschien der überwiegenden Mehrheit der Deutschen der Genozid an den Juden sinnvoll, als ihr Staatsoberhaupt die Absicht dazu in öffentlichen Reden mehrfach ankündigte? Warum setzte sich kein deutscher Bischof auch nur einmal öffentlich für die Juden ein - wie man sich in Einzelfällen durchaus für die von Euthanasie bedrohten Behinderten einsetzte?

Warum hat ein größerer Teil der Täter die Taten nicht einfach schnell begangen, mit einem Minimum an Schmerz für die Opfer, sondern auf grausame Art und Weise, begleitet von alltäglichen sadistischen Exzessen, Erniedrigungen, Spielen und Schadenfreude? Warum mordeten die Deutschen selbst dann noch weiter, als Himmler gegen Kriegsende - um seine Verhandlungen mit den Alliierten zu erleichtern - befahl, das Töten einzustellen?

Die Aktualität von Auschwitz

Auschwitz, sagt man, sei unbegreiflich. Was in diesen Lagern geschehen ist, übersteigt in seiner kalten Grausamkeit und Unmenschlichkeit jede Vorstellung und Erkenntnis. Denn die Worte, mit denen sie ausgesprochen werden müsste, werden einem angesichts der Tatsachen schal. Das und nichts anderes ist es, was Adorno meinte, als er sagte, "nach Auschwitz" ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch.

Quelle: Auschwitz Album, www.holocaustsurvivers.org

Nicht weniger wichtig ist ein zweiter Satz:

Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, scheint die allererste an Erziehung.

Theodor W. Adorno

Seitdem steht Auschwitz im Zentrum der deutschen Zivilgesellschaft, ist gleichermaßen die Schlüsselkategorie ihrer Erinnerungskultur, wie ihrer politischen Theorie und Geschichtsphilosophie. Auch wenn Auschwitz nicht jene deutsche "Identität" sein mag, als die sie der Soziologe Ulrich Beck vor zehn Jahren beschrieb, gilt seine Bemerkung: "Auschwitz war nicht, Auschwitz ist überall heute in Deutschland gegenwärtig."

Man muss nicht die neuesten Ereignisse bemühen, um die Aktualität von Auschwitz zu belegen. Doch das peinliche Auftreten der NPD im sächsischen Landtag, das skandalöse Kauderwelsch mit dem sich der neue CDU-Generalsekretär mit Vergleichen zwischen NS-Rassenpolitik und rotgrünen Anti-Diskriminierungsgesetzen bei den ganz Rechten in- und außerhalb seiner Partei einschleimt, die Einladung für den aus der CDU aus einschlägigen Gründen ausgeschlossenen Herrn Hohmann bei Veranstaltungen der CDU-Jugendorganisation sind Indizien. Sie fügen sich in eine Reihe zwischen Jean-Marie Le Pen und einige Auschwitzleugner auf der einen, einen Herrn Möllemann selig und den nationalliberalen Flügel der FDP auf der anderen Seite.

Folgt man signifikanten Indizien, glaubt man den jüngsten Studien der EU und dem "Report on Global Anti-Semitism", geht heute eine neue Welle des Antisemitismus durch Europa. Judenfeindliche Übergriffe nehmen zu, antisemitische Vorurteile breiten sich aus. Was heute los ist in Deutschland und manchen europäischen Ländern, hat mit Auschwitz mehr zu tun, als den meisten lieb sein kann. Nicht Dauerbewältiger geben in Deutschland den Ton an, sondern die Dauerverdränger. Auch Verdrängung beginnt mit der Sprache: Wer wird zum Beispiel wohl in den nächsten Tagen alles formulieren, dass die Juden in Auschwitz "ums Leben kamen"? Nein, sie wurden ermordet, getötet, durch Arbeit und Hunger und unmenschliche Lebensbedingungen vernichtet.

Man muss sich nicht vor den dumpfen NPD-Wählern fürchten, sondern vor jenen, die Angst haben, gegen sie aufzustehen und zu protestieren. Und vor jenen, die zu gleichgültig sind, um die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Wie die Mitläufer waren auch die Mörder normale Männer und Frauen aus Deutschland. Wenn sie zu Weihnachten frei hatten, sangen sie unter dem Weihnachtsbaum "Oh, Du Fröhliche".

Quelle: Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau

Soll man sich etwa ewig schuldig fühlen? Wer das fragt, fragt am Thema vorbei. Denn gewiss: Schuld müssen nur die empfinden, die schuldig geworden sind. Scham dagegen bezieht sich auf ein Kollektiv. Schuld ist nicht vererbbar. Aber wer "stolz" sein will "ein Deutscher zu sein", der sollte sich auch dafür schämen. Denn Stolz wie Scham gehören zur Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zur Anteilnahme an ihren großen Stunden, wie an ihren Verbrechen. Wer, von all jenen, die gern über "deutsche Identität" schwadronieren, hat sich tatsächlich die Frage gestellt, was deutsche Identität nach Auschwitz heißen kann? Wenn es Sinn macht, von "deutscher Identität" zu sprechen, dann im Sinne einer "Verantwortungsgemeinschaft", in der jeder Deutsche steht und in der er als ihr Mitglied die Pflicht zur Wachsamkeit hat.

Für Täter des Genozids gibt es keine Straferlassung auf Bewährung, für Tätergesellschaften sehr wohl. Im Falle des Völkermords ist die Dauer der Bewährungszeit allerdings besonders lang. Darum sind die Deutschen, ist Deutschland keineswegs, wie gern suggeriert wird, "wieder normal" (auch so eine Formulierung, die Auschwitz als Leerstelle sehr wohl in sich birgt). Zumindest geschärfte Beobachtung und wache Sensibilität ist gefordert. Zum Beispiel gegenüber eilfertigen, aus Tätermund immer relativierenden und entschuldigenden Vergleichen.

In letzter Zeit war wieder viel von Patriotismus die Rede. Patriotismus heißt: sich an Auschwitz zu erinnern und die entscheidende offene Frage nicht zu vergessen: Warum?

Literaturhinweise:

Götz Aly/ Susanne Heim: "Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung"; Fischer Vlg.; Frankfurt 2004 [EA 1991]

Hannah Arendt: "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen"; Piper Vlg.; München 2004 [EA 1964]

Christopher Browning: "Die Entfesselung der 'Endlösung'. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939-1942"; Propyläen Vlg, Berlin 2003

(Rüdiger Suchsland)

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